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Wolfgang Wodarg

Aus Faktenradar

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Amtsarzt Wolfgang Wodarg zog sich 2020 aus der Sozialdemokratie zurück und trat der Basisdemokratischen Partei Deutschland bei. Seitdem verbreitet er Thesen zur Covid-19-Pandemie, die vielfach auf wissenschaftlicher Kritik stoßen.

Von der Schifffahrtsmedizin in den Bundestag

Von der Schifffahrtsmedizin in den Bundestag

Wolfgang Wodarg, 1947 in Itzehoe geboren, studierte Humanmedizin in Berlin und Hamburg und promovierte 1979 über psychische Erkrankungen bei Seeleuten. Als Schiffs- und später Hafenarzt in Hamburg sammelte er Erfahrungen in der Arbeits- und Sozialmedizin, bevor er 1990 als Amtsarzt nach Flensburg wechselte. In diese Zeit fiel auch die Einstellung des Hochstaplers Gert Postel, der sich als Facharzt für Psychiatrie ausgab und als stellvertretender Amtsarzt arbeitete. Wodargs medizinische Laufbahn verband sich früh mit politischem Engagement: 1988 trat er in die SPD ein, 1994 zog er erstmals in den Deutschen Bundestag ein. Bis 2009 vertrat er den Wahlkreis Nordfriesland – Dithmarschen Nord, war von 1994 bis 2002 stellvertretender Bundesvorsitzender des Sozialdemokratischen Ärzteverbandes und von 2003 bis 2005 ethikpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion in der Enquête-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“. Parallel engagierte er sich in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, wo er ab 2002 stellvertretender Vorsitzender der Sozialistischen Fraktion wurde.

Wechsel zur Basispartei und erste Corona-Thesen

Wechsel zur Basispartei und erste Corona-Thesen

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 2009 blieb Wodarg als Autor und Referent aktiv. Im Frühjahr 2020 trat er aus der SPD aus, begründete dies mit deren Corona-Politik und kandidierte für die 2021 gegründete Basisdemokratische Partei Deutschland (DieBasis). Bei der Bundestagswahl 2021 erhielt er im Wahlkreis Mecklenburgische Seenplatte I – Vorpommern-Greifswald II 2,2 Prozent der Erststimmen. Bereits Ende Februar 2020 veröffentlichte er auf seiner Website den Text „Lösung des Problems: Panikmacher isolieren“, in dem er eine „Corona-Hype“ diagnostizierte und behauptete, es liege „keine außergewöhnliche medizinische Gefahr“ vor. Die ZDF-Magazinsendung „Frontal 21“ lud ihn am 10. März 2020 ein; nach heftiger Kritik an seinen Einschätzungen löschte das Redaktionsteam das zugehörige Facebook-Live-Video mit der Begründung, es gebe einen „überholten Stand“. Die Sendung selbst blieb in der Mediathek abrufbar, um „auch abweichende Einschätzungen“ dokumentieren zu können.

Kritik an Testverfahren und Sterblichkeitsdaten

Kritik an Testverfahren und Sterblichkeitsdaten

Ein zentrales Argument Wodargs lautete, ohne flächendeckende PCR-Tests würde niemand bemerken, dass sich Menschen mit SARS-CoV-2 infizieren. Er bezeichnete das Virus wiederholt als „neue Variante bekannter Corona-Erkältungsviren“ und stellte die Validität der Nukleinsäure-Nachweise infrage. Das Robert Koch-Institut erklärte dagegen bereits im Januar 2020, die von der Charité entwickelten PCR-Verfahren seien „vorläufig validiert“. Wodarg berief sich auf die europäische Übersterblichkeitsdatenbank Euromomo und behauptete, bis April 2020 sei kein Anstieg der Gesamtsterblichkeit erkennbar. Die Betreiber der Datenbank warnten jedoch mehrfach vor Fehlinterpretationen, da ihre Modelle Meldeverzögerungen enthalten. Unabhängige Schätzungen des Economist-Modells zufolge starben weltweit bis Ende 2021 mindestens 18,3 Millionen Menschen an den Folgen der Pandemie – deutlich mehr als offiziell gemeldet. In Deutschland, Österreich und der Schweiz lag die geschätzte Übersterblichkeit rund doppelt so hoch wie die registrierten Covid-19-Todesfälle.

Vorwürfe zu Impfstoffen und ein zurückgezogener Studien-Verweis

In Videos und Blogbeiträgen verbreitete Wodarg gemeinsam mit dem Mikrobiologen Sucharit Bhakdi die Spekulation, Covid-19-Impfungen könnten Frauen unfruchtbar machen, weil Antikörper gegen das Spike-Protein auch das für die Plazenta wichtige Protein Syncytin attackieren. Das Paul-Ehrlich-Institut und mehrere Biochemiker wiesen diese Annahme zurück: Syncytin und das Spike-Protein seien strukturell zu unterschiedlich, um verlässliche Kreuzreaktionen auszulösen. Im Sommer 2021 veröffentlichte Wodarg auf seiner Website ein Foto eines angeblich offiziellen „Rote-Hand-Briefs“, der vor mRNA-Impfstoffen warnte. Das Bild entpuppte sich als Fälschung mit leicht verändertem Logo; der Verdacht bestand, dass es der Irreführung dienen sollte. Auch wiederholte Behauptungen zu hoher Falsch-Positiv-Rate bei PCR-Tests stützte Wodarg auf eine chinesische Vorab-Publikation, die Autoren hatten ihre Arbeit wenige Tage nach Online-Stellung formell zurückgezogen („withdrawn“); die genannten Prozentzahlen bezogen sich zudem nicht auf die Testgenauigkeit, sondern auf asymptomatische Kontaktpersonen.

Distanzierungen von Verbänden und Universitäten

Mehrere Organisationen, mit denen Wodarg bis 2020 verbunden war, distanzierten sich öffentlich von seinen Pandemie-Einschätzungen. Die Schleswig-Holsteinische Rheuma-Liga erklärte auf Anfrage, sie halte sich „strikt an behördliche Anordnungen“ und seine persönliche Meinung dürfe nicht mit der Position des Vereins verwechselt werden. Transparency International Deutschland stellte seine Mitgliedschaft im Vorstand „bis auf Weiteres ruhend“. Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin beendete eine Lehrbeauftragung; der Filmemacher Robert Cibis, mit dem Wodarg an dem Dokumentarfilm „Corona.Film“ mitwirkte, äußerte, Wodarg sei „rausgeschmissen“ worden. Gemeinsam mit anderen kritischen Ärztlichen gründete Wodarg den „Ärztlichen Berufsverband Hippokratischer Eid“, dem auch Andreas Sönnichsen und Thomas Külken angehören. Trotz wiederholter Beteuerungen, er sei grundsätzlich nicht gegen Impfungen, bleibt sein Name in Impfgegner-Kreisen präsent; die Bloggerin Jane Bürgermeister und das Multipolar-Magazin zitierten ihn als Experten für ihre Kritik an Pandemie-Maßnahmen.

Weblinks

  1. Faktencheck: Wolfgang Wodarg verbreitet Thesen, die wichtige Tatsachen ignorieren
  2. Corona-Experte Christian Drosten zerlegt Aussagen von Wodarg
  3. Wolfgang Wodarg – Corona übertrieben? Faktencheck
  4. Webseite Wolfgang Wodarg

Veröffentlichungen

Einzelnachweise

  1. Global Excess Deaths Model – The Economist
  2. RKI: Vorläufige Testung auf SARS-CoV-2
  3. Choia, W. S. et al. Increased 30-day Mortality Risk in COVID-19 Compared to Seasonal Influenza. International Journal of Infectious Diseases, 17. Dez. 2025.