Squalen
Squalen ist ein körpereigenes Triterpen, das in fast allen Lebewesen vorkommt und seit Jahrzehnten in Salben, Nahrungsergänzungsmitteln und als Impfstoff-Adjuvans verwendet wird. Die Substanz steht wiederholt im Fokus öffentlicher Debatten.
Chemie und natürliches Vorkommen

Squalen (Summenformel C₃₀H₅₀) zählt zu den ungesättigten Triterpenen und ist bei Raumtemperatur eine farblose, ölige Flüssigkeit. Aufgrund seiner sechs isolierten Doppelbindungen reagiert die Substanz empfindlich mit Sauerstoff und polymerisiert leicht. In Wasser ist sie nahezu unlöslich, lässt sich jedoch gut in unpolaren Lösungsmitteln lösen. Die Bioverfügbarkeit nach oraler Aufnahme wird mit 60–80 % angegeben; eine renale oder biliäre Ausscheidung erfolgt unverändert. Die höchsten natürlichen Konzentrationen finden sich in der Leber von Haifischen, die keine Schwimmblase besitzen. Der dortige Gehalt von 40–90 % im Leberöl erklärt die traditionelle Nutzung als Rohstoff. Auch pflanzliche Öle enthalten Squalen, allerdings deutlich weniger: Olivenöl liefert 0,1–0,7 %, Weizenkeim- und Reisöl weniger als 0,03 %. Beim Menschen ist Squalen ein obligates Zwischenprodukt der Cholesterinbiosynthese und damit Vorstufe für Steroide wie Kortisol, Östrogen und Testosteron sowie für Vitamin D. Die durchschnittliche Serumkonzentration liegt bei etwa 250 ng/ml; in Hautlipiden macht es bis zu 13 % der Gesamtlipide aus und trägt zur semipermeablen Barriere bei.
Industrielle Nutzung und Handelsströme

Die weltweite Nachfrage nach hochreinem Squalen belief sich zuletzt auf geschätzte 2.000 t jährlich. Etwa die Hälfte stammt noch aus Haifischleberöl, während pflanzliche Quellen – insbesondere Olivenöl-Raffinate – zunehmen. Die hydrierte Variante Squalan gilt als oxidationsstabil und findet sich in Kosmetika (Hautcremes, Lippenstifte) sowie als Schmier- und Kühlmittel in der Textil- und Elektroindustrie. In der Pharmazie dient Squalen als Ointmentgrundlage und als Ausgangsstoff für Emulsionen, die hochwirksame Wirkstoffe lösen sollen. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist es zudem Trägeröl in bestimmten Impfstoff-Adjuvantien, die die Immunantwort verstärken sollen.
Adjuvantien und Impfstoffe mit Squalen

Adjuvantien wurden erstmals 1925 am Pasteur-Institut beschrieben; systematische Entwicklung begann in den 1980er-Jahren. Squalenhaltige Emulsionen sind seit 1997 in der EU zugelassen, in den USA hingegen nicht. Die beiden häufigsten Systeme sind MF59 (Novartis) und AS03 (GlaxoSmithKline). MF59 enthält pro Dosis 9,64 mg Squalen, 1,1 mg Polysorbat 80 und 1,1 mg Sorbitantrioleat; AS03 setzt sich aus 10,7 mg Squalen, 11,9 mg α-Tocopherol und 4,9 mg Polysorbat 80 zusammen. Verwendet wurden diese Adjuvantien in saisonalen Präparaten wie Fluad® und Focetria® sowie in Pandemie-Impfstoffen (Pandemrix® gegen H1N1, Arepanrix®, Celtura®). Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA führt 45 Millionen verabreichte Dosen ohne nachweisbare Häufigkeit schwerer unerwünschter Reaktionen auf; die WHO beziffert allein für Fluad® 22 Millionen Applikationen. Klinische Studien zeigten keine Induktion von Antikörpern gegen das körpereigene Molekül; solche Autoantikörper finden sich vielmehr auch bei ungeimpften Probanden.
Golfkriegssyndrom und wissenschaftliche Korrektur
Den negativen Ruf verdankt Squalen einer Studie aus dem Jahr 2000, die bei US-Golfkriegsveteranen Antikörper gegen Squalen nachwies und ein mögliches Syndrom damit in Verbindung brachte. Die Autoren betonten jedoch selbst, dass kein Nachweis für Squalen in den damaligen Anthrax-Impfstoffen bestehe. Eine Untersuchung des Verteidigungsministeriums identifizierte gravierende methodische Mängel; eine unabhängige FDA-Analyse fand in keiner der 38 untersuchten Chargen Squalen – mit Ausnahme einer einzelnen Flasche mit 80 ng/ml, also einem Wert unterhalb der physiologischen Blutkonzentration. Spätere Arbeiten konnten keinen Zusammenhang zwischen Impfung und Anti-Squalen-Antikörpern belegen. Das Paul-Ehrlich-Institut kam 2009 in einer umfassenden Literaturauswertung zum Schluss, dass ein kausaler Zusammenhang mit dem Golfkriegssyndrom nicht haltbar sei.
Toxikologische Bewertung und Grenzen der Tierversuche
Akute Toxizität ist selbst bei Konzentrationen von 100 µmol/l in Zellkulturen nicht beobachtet worden. In Tierversuchen erhielten genetisch für Arthritis prädisponierte Ratten 0,2–0,3 ml Squalen intraperitoneal; es entwickelte sich eine chronische Entzündung, die als Nagetier-Modell für rheumatische Erkrankungen dient, jedoch nicht auf den Menschen übertragbar ist. Eine andere Studie injizierte Mäusen (Körpergewicht 25 g, Blutvolumen ca. 2 ml) 0,5 ml Squalen, um Autoimmunphänomene zu provozieren – eine Menge, die beim Menschen einer intravenösen Gabe von etwa 1,5 l entspräche. Solche Hochdosis-Experimente dienen der Grundlagenforschung, liefern aber keine relevante Abschätzung für die geringen Adjuvansmengen in Impfstoffen (unter 11 mg pro Dosis).
Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen
Seit 2009 zirkulieren Online-Videos und E-Mail-Ketten, denen zufolge Squalen Unfruchtbarkeit erzeuge und Teil eines Bevölkerungsreduktionsprogramms der WHO sei. Die Behauptung fußt auf fälschlicher Analogie zu vereinzelten Fällen in den 1990er-Jahren, bei denen hCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen nachgewiesen wurde. Es besteht jedoch kein biologischer Mechanismus, durch den Squalen Antikörper gegen das Schwangerschaftshormon hCG induzieren sollte. Virologe und Impfstoffexperten wiesen wiederholt darauf hin, dass Adjuvantien nach europäischem und internationalem Standard streng auf Sicherheit und Qualität geprüft werden. Dennoch halten sich Gerüchte, die sich vor allem in sozialen Netzwerken verbreiten und durch prominente Verschwörungsakteure perpetuiert werden.
Weblinks
- WHO-Fragen & Antworten zu Squalen
- Eurosurveillance: Überwachungsdaten zu MF59
- Paul-Ehrlich-Institut: Stellungnahme Golfkriegssyndrom
Veröffentlichungen
- Schultze V. et al. Safety of MF59 adjuvant. Vaccine 2008; 26: 3209-3222
- Del Giudice G. et al. Vaccines with the MF59 adjuvant do not stimulate antibody responses against squalene. Clin Vaccine Immunol 2006; 13: 1010-1013