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Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Raum & Zeit

Aus Faktenradar

Seit 1982 erscheint die zweimonatliche Publikation „Raum & Zeit“, die sich Themen jenseits des wissenschaftlichen Konsenses widmet. Herausgeberin Susanne Ehlers steht dabei auch politisch in der Kritik.

Gründung und Verlagstradition

Gründung und Verlagstradition

Die erste Ausgabe von „Raum & Zeit“ erschien im Frühjahr 1982 im raum&zeit Verlag in Gehrden bei Hannover. Gründer und Herausgeber war Wolfgang Wegener; zu den frühen Mitarbeitern zählte der orthomolekular-medizinisch orientierte Arzt Hans Alfred Nieper. Bereits in dieser Phase kristallisierte sich das Profil des Blattes heraus: Es bot ein Forum für Themen, die in Fachmedien kaum oder nur randständig behandelt wurden – von alternativen Heilweisen bis hin zu energie- und verschwörungstheoretischen Spekulationen. 1986 wechselte die Zeitschrift in den Münchner Ehlers Verlag. Hans-Joachim Ehlers, zuvor für die Anzeigenakquise des Astrologie-Magazins „Das neue Zeitalter“ tätig, übernahm gemeinsam mit seiner Ehefrau Käthe die Geschäftsführung. Nach dem Tod des Verlegers 2002 führten Käthe Ehlers und ihre Töchter Andrea und Susanne den Verlag weiter. Seit 2015 leitet Susanne Ehlers aus Geretsried allein die Geschicke des Unternehmens mit Sitz in Wolfratshausen. Die verkaufte Auflage wird vom Verlag für 2019 mit 35.000 Exemplaren angegeben [1].

Inhaltliche Schwerpunkte und umstrittene Behauptungen

Inhaltliche Schwerpunkte und umstrittene Behauptungen

Die Themenvielfalt von „Raum & Zeit“ reicht von klassischen Alternativmedizin-Ansätzen wie Homöopathie und Germanischer Neuer Medizin bis zu energietechnischen Konstruktionen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Wiederholt wurde über angebliche Perpetua-mobilia berichtet, etwa die „Perendev-Magnetmotor“-Konstruktion des australischen Erfinders Mike Brady oder das „Protolight-System“ zur Protonenresonanztherapie. Die „Wellengenetik“ des Autorenduos Grazyna Fosar und Franz Bludorf sowie die „Global-Scaling-Lehre“ des Physikers Hartmut Müller gehörten ebenso zum Programm wie die Kritik an der Relativitätstheorie oder die Leugnung der Existenz von AIDS. In der Ausgabe 170/2011 stellte Claus Wilhelm Turtur ein Konzept namens „Raumenergie-Konverter“ vor, das freie Energie aus dem Quantenvakuum gewinnen soll [2]. Auffällig sind auch wiederkehrende Berichte über angeblich geheime Technologien: So wurde behauptet, auf Satellitenbildern des Nordpols seien Öffnungen zur „Hohlerde“ erkennbar, und es habe in Lappland Regen aus Blut gegeben. Ein Onlineshop, der mit dem Magazin verlinkt ist, vertreibt Produkte, die auf diese Spekulationen verweisen – etwa Geräte gegen Elektrosmog oder „Wasserbeleber“.

Autorennetzwerk zwischen Esoterik, Medizin und Politik

Autorennetzwerk zwischen Esoterik, Medizin und Politik

Die Liste der publizierenden Autoren umfasst mehrere hundert Namen und spiegelt das breite Spektrum der Szene wider. Neben relativ unbekannten Bloggern finden sich Wissenschaftler, die außerhalb ihrer Fachdisziplin argumentieren, sowie Aktivisten, die mit rechtsextremen oder antisemitischen Kontexten in Verbindung gebracht wurden. Der promovierte Neurologe Mathias Künlen wirbt etwa für „Aurachirurgie“ und „Healing Codes“ in Form von QR-Codes auf Smartphones. Der Elektrotechniker Konstantin Meyl vertritt die These von skalaren Wellen, seine Frau Angelika Schrodt-Meyl war Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Energie- und Informationsmedizin. Auch der ehemalige MDR-Journalist Ulrich Pape-Tischbein oder der deutsche Impfkritiker Hans Tolzin veröffentlichten Beiträge. Für die Themen HIV und AIDS wurden wiederholt Positionen vertreten, die die Existenz des Virus leugnen; entsprechende Artikel stammen unter anderem von Stefan Lanka und dem Arzt Heinrich Kremer [3]. Die Autorin Antje Oswald empfiehlt das umstrittene Desinfektionsmittel Chlordioxid, für das weltweit keine Zulassung als Arzneimittel vorliegt.

Strafrechtliche Vorfälle und Flucht eines Herausgebers

Mindestens vier Personen, die wiederholt in „Raum & Zeit“ publizierten, gerieten mit der Justiz in Konflikt. Der deutsche Arzt Ryke Geerd Hamer, Begründer der Germanischen Neuen Medizin, wurde mehrfach wegen fahrlässiger Tötung und unerlaubten Ausübens der Heilkunde rechtskräftig verurteilt. Der Österreichische Arzt Heinrich Kremer saß ebenfalls inhaftiert. Der Physiker Hartmut Müller, der zeitweise als Herausgeber des Magazins fungierte, wurde 2012 vom Landgericht Dresden wegen Beihilfe zum gewerbsmäßigen Betrug in Tateinheit mit bandenmäßigem Handeln zu vier Jahren und fünf Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Staatsanwaltschaft war dem damals 63-Jährigen nachgegangen, weil er mit seiner „Global-Scaling-Theorie“ Kapitalanleger um mehrere Millionen Euro gebracht hatte. Kurz vor dem Urteil tauchte Müller unter und wurde im Oktober 2012 in Brasilien festgenommen. Auch der australische Erfinder Mike Brady, dessen Magnetmotor in mehreren Ausgaben beschrieben wurde, saß zeitweise in Untersuchungshaft; gegen ihn lief ein Verfahren wegen Betrugsverdachts.

Verlegerin im Fokus von Protest und Politik

Susanne Ehlers ist nicht nur Geschäftsführerin des Ehlers Verlags, sondern auch politisch aktiv. Sie ist Mitglied der Kleinpartei „Basisdemokratische Partei Deutschland“ (Die Basis), die während der Corona-Pandemie gegen Schutzmaßnahmen mobilisierte. 2020 half sie laut Polizeiangaben als Mitorganisatorin bei „Querdenken 8041“-Demonstrationen in Bad Tölz. Bei der Bundestagswahl 2021 kandidierte sie für ihre Partei im Wahlkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Kritiker werfen ihr vor, mit „Raum & Zeit“ eine Publikationsplattform zu betreiben, die wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch relativiert und damit gesundheits- oder demokratiepolitisch relevante Fehlinformationen verbreitet. Der Verlag weist solche Vorwürfe zurück und beruft sich auf die Meinungsfreiheit sowie das Recht auf wissenschaftliche Alternativen.

Stellung im alternativen Medienmarkt

Trotz – oder gerade wegen – ihrer Nischenpositionierung hat „Raum & Zeit“ eine stabile Leserschaft. Die Zeitschrift ist im gut sortierten Zeitschriftenhandel erhältlich, wird über Abonnement vertrieben und pflegt ein umfangreiches Online-Archiv. Regelmäßige Kongresse und Messen wie die „RAUM & ZEIT“-Tage in Gießen dienen der Community-Bildung. Für die etablierte Wissenschaft bleibt das Blatt ein Paradebeispiel für Pseudowissenschaftlichkeit: Die Berliner Charité führt es in ihrer Datenbank „Science in Dialogue“ als Quelle für „nicht wissenschaftsbasierte Gesundheitsinformationen“. Gleichwohl erfüllt „Raum & Zeit“ eine Signalfunktion: Sie zeigt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung etablierten Erklärungsmuster misstraut und nach alternativen Deutungen von Krankheit, Energie und Gesellschaft sucht. Ob als kritisches Korrektiv oder als Gefahr für die Aufklärung – die Diskussion um Inhalt, Reichweite und Verantwortung des Magazins dürfte anhalten.

Weblinks

  1. Homepage Raum & Zeit
  2. Eintrag Science in Dialogue (Charité)

Einzelnachweise

  1. https://www.sueddeutsche.de/muenchen/wolfratshausen/politik-in-bad-toelz-wolfratshausen-basis-partei-nominiert-bundestagskandidatin-1.5282603
  2. Claus W. Turtur: Raumenergie – so wird sie nutzbar, Raum & Zeit Heft 170 (2011)
  3. HIV – Realität oder Artefakt? Raum & Zeit, 1995. Die fundamentalen Fehlannahmen der Gentechnik, Raum & Zeit, 1997