Pseudomedizinische Therapievorschläge gegen COVID-19 Infektion
Seit Frühjahr 2020 kursieren zahlreiche Mittel und Methoden, die vor oder gegen COVID-19 schützen oder heilen sollen – von Globuli und Chlordioxid bis hin zu Zwiebeln und Kokain. Die meisten Versprechen sind wissenschaftlich unbelegt, einige Anwendungen sogar lebensgefährlich.
Chlordioxid und MMS: Desinfektionsmittel als angebliches Heilmittel

Chlordioxid ist ein zugelassenes Bleich- und Desinfektionsmittel für Oberflächen, nicht jedoch für die innerliche Anwendung beim Menschen. Trotzdem wurde die Substanz unter dem Kürzel „MMS“ (Miracle Mineral Supplement) seit Beginn der Pandemie in sozialen Netzwerken als universelles Corona-Mittel beworben. In der Schweiz vertrieb die Firma Naturasana AG Lutschtabletten mit Chlordioxid unter Namen wie „David19“, „Arcudine“ oder „Vibasin“. Eine Dose mit 60 Pastillen kostete bis zu 99 Schweizer Franken; die Herstellungskosten beliefen sich nach Angaben des Schweizer „Beobachters“ auf rund 0,30 Franken. 2022 untersagte Swissmedic den Verkauf aller entsprechenden Produkte. Auch in den USA erließ ein Bundesrichter 2020 eine einstweilige Verfügung gegen die Genesis II Church of Health and Healing, die MMS als sogenanntes „Sakrament“ verkaufte. Dem FBI zufolge starben mehrere Menschen nach dem Genuss der Chemikalie. Die Grenon-Familie, die hinter der Organisation steht, wurde im Juli 2020 festgenommen. Die US-Gesundheitsbehörde FDA warnte wiederholt vor lebensbedrohlichen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall, Dehydratation und schwerem Blutdruckabfall.
Homöopathische „Impfersatz-Nosoden“ und Globuli

Die Wiener Metatron-Apotheke bot Anfang 2020 eine „Covid Pfizer/BioNTech-Impfstoffnosode C30“ an. Auf Nachfrage eines Kunden erklärte das Unternehmen, das Präparat diene der „Ausleitung“ etwaiger Impf-Nebenwirkungen – eine wissenschaftlich nicht belegte Vorstellung. Die österreichische Arzneimittelbehörde untersagte daraufhin die Werbung. In Deutschland verbreitete die Homöopathin Cornelia Bajic über Facebook einen Brief, in dem sie die Einnahme von Globuli in der Potenz C30 gegen das neue Coronavirus empfahl. Nach Einschaltung der Ärztekammer Nordrhein wurde der Post gelöscht. Selbst der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte distanzierte sich öffentlich: Die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts seien auch für Homöopathen verbindlich; individuelle Therapie- oder Präventionsvorschläge seien „nicht Position des Verbandes“.
Mythen um Vitamine, Pflanzenstoffe und Alltagstipps

Die Idee, mit Megadosen von Vitamin C alle 15 Minuten Wasser zu trinken oder Ingwer zu essen, verbreitete sich vor allem über Messenger-Dienste. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte klar, dass häufiges Trinken zwar allgemein gesundheitlich sinnvoll sei, jedoch keinen Schutz vor einer Infektion bietet. Auch für Ingwer, Knoblauch, Kurkuma oder Quercetin fehlen belastbare Studien, die eine Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2 belegen. In Tschechien führte eine Gerüchtekette zu einem regelrechten Ingwer-Hamsterkauf. Gleiches galt für kolloidales Silber: Nachdem der US-Evangelist Jim Bakker das Metallpräparat in seinem TV-Shop bewarb, erstattete die Staatsanwaltschaft von Missouri Klage; die FDA untersagte weitere Werbung. In Indien kursierte die Empfehlung, Rinderurin zu trinken, in Brasilien sollte Essig, in Afrika zusätzlich Knoblauch helfen – alles Hinweise ohne wissenschaftliche Grundlage.
Gefährliche Rauschmittel und extreme Körpermaßnahmen
Die französische Regierung musste im März 2020 davor warnen, Kokain zur „Desinfektion“ der Nasenschleimhaut zu schnupfen – ein Gerücht, das vor allem in sozialen Medien kursierte. Auch das Trinken hochprozentigen Alkohols zur „inneren Desinfektion“ forderte Tote: In der Iran-Provinz Alborz starben nach offiziellen Angaben mehr als 800 Menschen an Methanol-Vergiftungen, weil sie industriellen Alkohol oder Reinigungsmittel zu sich nahmen. Ein weiterer Vorschlag empfahl, sich in 41-Grad-Badewasser zu setzen, um das Virus durch hohe Körpertemperatur abzutöten. Die WHO erklärte, extreme Hitzebäder seien weder vorbeugend noch therapeutisch wirksam und könnten zu Haut- und Kreislaufproblemen führen. Auch das Einatmen von heißer Handtrockner-Luft wurde empfohlen, bis Nachweise zeigten, dass die Geräte Viren eher verbreiten als inaktivieren.
Spirituelle Heilversprechen und Verschwörungsszenarien
Der bayerische Arzt Hans Gschwender behauptete, SARS-CoV-2 mittels „Resonanzmittel“ innerhalb einer Minute diagnostizieren und durch Geistheilung neutralisieren zu können. In einem offenen Brief an das bayerische Gesundheitsministerium und an Ministerpräsidenten Söder beklagte er „Ignoranz“ der Behörden. US-Evangelikal-Prediger wie Kenneth Copeland erklärten im Fernsehen, Zuschauer könnten sich durch Berühren des Bildschirms heilen lassen. Parallel propagierten Influencer die altbekannte Hausmittel-Idee, ausgeschnittene Zwiebeln in Wohnräumen aufzustellen, um „Viren anzuziehen“. Die deutsche Unternehmerin Carmen Geiss verbreitete diese Geschichte millionenfach in sozialen Netzwerken, ohne wissenschaftliche Belege anzuführen.
Markt der Desillusion: Geschäftsmodelle und rechtliche Schritte
Viele fragwürdige Produkte wurden über Partnerprogramme auf Amazon, in Online-Shops oder bei TV-Anbahnungen vertrieben. Der deutsche Urologe Michael Spitzbart verbreitete die Behauptung, China habe 50 Tonnen Vitamin C importiert und deshalb die Infektionszahlen sinken sehen. Parallel setzte der FID-Verlag Affiliate-Links zu Vitaminpräparaten, über die mitverdient wurde. In Kalifornien bewarb Marc Ching sein nicht zugelassenes Mittel „Thrive“ gleichzeitig gegen Krebs und COVID-19; die US-Handelsbehörde FTC untersagte weitere Werbung. Die österreichische Unternehmerin Nicola Wohlgemuth vertreibt unter dem Label „Rostock-Essenzen“ ein „Covid-Akut-Set“ für 100 Euro sowie Pakete gegen „Long Covid“ für Lunge, Herz und Gehirn. Die Produkte sind weder arzneilich zugelassen noch wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit geprüft. Behörden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA leiteten inzwischen mehrere Verfahren wegen unerlaubter Werbung, Betrugs- und sogar Körperverletzung ein.
Weblinks
- Robert Koch-Institut: Fragen und Antworten zu COVID-19
- Bundesamt für Verbraucherschutz: FAQ zu Nahrungsergänzungsmitteln und Corona
- Nature News: The dangers of unproven COVID-19 treatments
- WHO Myth Busters – Corona-Falschmeldungen
- Swissmedic-Warnung vor Chlordioxid-Lösungen
- NDR Panorama: Gefährliches Wundermittel MMS
- Spiegel: Zehn Heilmittel, die garantiert nicht helfen
- GWUP: Was garantiert nicht gegen das Coronavirus hilft