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Peter Fitzek

Aus Faktenradar

Seit 2012 errichtete Peter Fitzek ein alternatives Machtzentrum in Wittenberg. Nach Jahren strafrechtlicher Ermittlungen und mehreren Haftstrafen verbot das Bundesinnenministerium 2025 dessen „Königreich Deutschland“. Die Bilanz: Viele Millionen Euro Schaden, rund 6.000 Mitglieder und ein Netz von Tarnorganisationen.

Vom Koch zum „Imperator Fiduziar“: Wer ist Peter Fitzek?

Vom Koch zum „Imperator Fiduziar“: Wer ist Peter Fitzek?

Peter Fitzek, geboren am 12. August 1965 in Halle (Saale), absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Koch und erwarb später den Meisterbrief als Gaststätten- und Hotelleiter. In den 1990er Jahren betrieb er in Wittenberg verschiedene kleine Geschäfte – von einer Videothek über eine Spielhalle bis zu einem Tattoostudio. Seit 2000 fokussierte sich sein Tun auf Esoterik: Er eröffnete einen Fachbuchladen, veranstaltete Seminare und veröffentlichte eigene Schriften. Bereits damals kündigte er an, „feinstoffliche Welten“ erforschen zu wollen. 2008 kandidierte er erstmals politisch: Bei der Oberbürgermeisterwahl in Wittenberg erhielt er 0,7 % der Stimmen, 2009 wiederholte sich dieses Ergebnis als unabhängiger Bundestagskandidat. Die Wahlen nutzte Fitzek vor allem, um seine These von der „Fehlgeburt Bundesrepublik“ zu verbreiten. Seitdem nennt er sich selbst „Peter aus dem Haus Fitzek“ oder schlicht „Menschensohn des Horst und der Erika“. Die Behörden führen ihn als Anführer der sächsischen Reichsbürgerszene.

Gründung des „Königreich Deutschland“ und Aufbau einer Parallelwelt

Gründung des „Königreich Deutschland“ und Aufbau einer Parallelwelt

Am 19. Juli 2012 ließ Fitzek im Lutherstadt-Wittenberger Ortsteil Coswig die „Staatsgründung Königreich Deutschland (KRD)“ verkünden. Als „Imperator Fiduziar“ unterzeichnete er eine 48-seitige „Verfassung“, proklamierte Wittenberg zur Hauptstadt und rief eine eigene Währung aus: zunächst das „Engelgeld“ (ENGEL), ab 2013 die „Neue Deutsche Mark“ (NDM). Das Areal einer stillgelegten Fleischkonservenfabrik wurde zum „Staatsgelände“ umdeklariert und in „Lichtzentrum Wittenberg“ umbenannt. Dort entstanden ein Verlag, ein Esoterik-Laden („Engelswelten“) und ein Seminarbetrieb, der Themen wie „Ausbildung zum Neudeutschen Staatsbeamten“ anbot. Parallel gründete Fitzek eine Vielzahl von Unterorganisationen: „NeuDeutschland“, „Ganzheitliche Wege e. V.“, „Gemeinwohlkasse“, „Königliche Reichsbank“ sowie die „NeuDeutsche Gesundheits- und Rentenkasse“. Mitglieder konnten sich für 120 Euro Jahresbeitrag einschreiben und erhielten eigene Ausweise, Autokennzeichen und sogar „Reisepässe“. Das Bundesinnenministerium zählte 2025 rund 6.000 Anhänger, der Verfassungsschutz intern nur 919 – ein Indiz dafür, dass viele Registrierungen nicht aktiv mitwirkten.

Finanzkonstruktionen zwischen Gesundheitskasse und Reichsbank

Finanzkonstruktionen zwischen Gesundheitskasse und Reichsbank

Bereits 2009 startete Fitzek mit der „NeuDeutschen Gesundheitskasse“ (NDGK) ein Modell, das sich als „Unterstützerkasse“ verstand. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) stufte das Geschäft jedoch als unerlaubte Versicherungstätigkeit ein und untersagte den Betrieb am 1. Dezember 2010. Dennoch flossen nach Behördenangaben bis Juli 2011 rund 360.000 Euro an Mitgliedsbeiträgen. Die BaFin ordnete einen Abwickler an und kündigte alle Verträge. Ein Jahr später versuchte Fitzek mit der „Königlichen Reichsbank“ ein zweites Finanzmodell: Anleger sollten Einlagen in der Ersatzwährung NDM tätigen und an angeblichen Gemeinwohlprojekten partizipieren. Das Amtsgericht Stendal untersagte 2013 bereits die Firmierung, die BaFin untersagte 2020 sämtliche Einlagengeschäfte. Trotzdem sammelte Fitzek weiter Geld ein; 2017 verurteilte ihn das Landgericht Halle zu drei Jahren und acht Monaten Haft wegen unerlaubter Bankgeschäfte. Die 2020 gegründete „Gemeinwohlkasse“ in Ulm übernahm die Rolle der Reichsbank. Auch sie wurde bald untersagt. Geschädigte Anleger meldeten Forderungen in Millionenhöhe, ein Insolvenzverfahren existiert bis heute nicht.

Ideologie: Germanische Neue Medizin, Räterepublik und Monarchie

Zentral für Fitzeks Weltbild ist die Leugnung der Bundesrepublik. Er behauptet, das Deutsche Reich bestehe fort, die Bundesrepublik sei ein „Besatzungskonstrukt“ ohne legitime Hoheitsgewalt. In seiner „Verfassung“ koppelt er deshalb „direkte aufsteigende Demokratie in Form einer Räterepublik“ an eine „konstitutionelle Monarchie“. Der Monarch – Fitzek selbst – wird auf Lebenszeit vom „Volk“ gewählt, bestimmt aber gleichzeitig seinen Nachfolger. Schulen sollen neben Recht, Ökonomie und Psychologie auch „Metaphysik“ und „Selbstheilung“ lehren. Die Ablehnung „schulmedizinischer“ Krebsbehandlung ist festgeschrieben: Die NDGK erstattete Chemotherapie oder Organtransplantationen nur in Ausnahmefällen, stattdessen propagierte Fitzek die umstrittene „Germanische Neue Medizin“ des verurteilten Arztes Ryke Geerd Hamer. Impfungen, Bluttransfusionen und Krankenhausgeburten galten als „nicht förderfähig“, wenn der Betroffene nicht zuvor ein entsprechendes „Gesundheitsseminar“ besucht hatte. Auch die Pädagogik folgt dieser Esoterik: Eltern sollen Kinder „in Eigenverantwortung“ behandeln und staatliche Vorgaben ignorieren.

Strafverfahren, Razzien und das Verbot 2025

Seit 2012 leitete die Staatsanwaltschaft Halle mehrere Ermittlungsverfahren wegen unerlaubter Bankgeschäfte, Betrugs, Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung. 2015 wurde das „Staatsgelände“ zwangsgeräumt, 2017 folgte der erste Haftbefehl wegen der Reichsbank. Eine Großrazzia im März 2023 durchsuchte bundesweit mehrere Objekte des Netzwerks; danach stufte der Verfassungsschutz die Gruppe als „schwer angeschlagen“ ein. Am 3. April 2025 unterzeichnete Bundesinnenministerin Nancy Faeser die Verbotsverfügung gegen den Verein „Königreich Deutschland“, die am 13. Mai 2025 verkündet wurde. Die Behörde bezeichnete die Organisation als kriminelle Vereinigung mit antisemitisch-konspirativer Ideologie, die gegen die verfassungsmäßige Ordnung gerichtet sei. Das noch vorhandene Vereinsvermögen – unter anderem ein Kurhotel in Bad Lauterberg und ein Bauernhof in Halsbrücke – wurde eingezogen. Gleichzeitig erfolgten Festnahmen in Sachsen, Brandenburg und Rheinland-Pfalz; gegen Fitzek lag ein neuer Haftbefehl vor. Mit dem Verbot sind rund 30 Unterorganisationen aufgelöst worden, darunter die „Königliche Reichsbank“, die „Gemeinwohlkasse“ und zahlreiche „Fördervereine“. Die Ermittlungen zu möglichen weiteren Straftaten dauern an.

Weblinks

  1. Tagesschau-Recherche zu Reichsbürger-Strukturen
  2. Tagesspiegel-Reportage über das „Königreich Deutschland“
  3. Süddeutsche Zeitung zum Verfassungsschutzbericht
  4. GWUP-Blog: Chronologie des „Königreich Deutschland“

Einzelnachweise

  1. Verfassungsschutz: Reichsbürger und Selbstverwalter
  2. BaFin-Verbrauchermitteilung zur NeuDeutschen Gesundheitskasse
  3. Urteilsbericht Landgericht Halle wegen unerlaubter Bankgeschäfte