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Orgonakkumulator

Aus Faktenradar

Wilhelm Reich behauptete, eine universelle Lebensenergie entdeckt zu haben. Mit einem Holzkasten wollte er sie sammeln – und geriet ins Visier der US-Gesundheitsbehörden. Bis heute wird das Gerät angeboten.

Vom Wiener Psychoanalytiker zum US-Gerichtsfall

Vom Wiener Psychoanalytiker zum US-Gerichtsfall

Wilhelm Reich, 1897 in Galizien geboren und später in Wien promovierter Arzt, entwickelte ab 1939 in den USA die Vorstellung einer universellen „Orgon-Energie“. Als Apparat zum Einfangen dieser hypothetischen Kraft konstruierte er den Orgonakkumulator (ORAC): einen lichtdichten Holzkasten mit innenliegender Metallschicht. Reich vermietete oder verkaufte mehrere hundert dieser Geräte mit dem impliziten Heilversprechen, sie könnten Krebs, Impotenz oder sogar Wetter beeinflussen. Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) stufte den ORAC als nicht zugelassenes medizinisches Gerät ein und klagte 1954 gegen Reich. Das Gericht verurteilte ihn zur Verbrennung der Geräte und Unterlagen; Reich selbst starb 1957 im Gefängnis.[1]

Nachgebaut und weiterentwickelt: Varianten in Deutschland

Nachgebaut und weiterentwickelt: Varianten in Deutschland

Trotz des US-Verbots blieb der ORAC im deutschsprachigen Raum präsent. Die „Jürgen Fischer Orgontechnik“ in Lindenfels (Hessen) vertreibt seit den 1990er-Jahren Modelle, die laut eigenen Angaben durch acht in den Ecken platzierte Rosenquarze „verbessert“ wurden. Fischer behauptet, die exakten Baupläne vom verstorbenen Reich selbst – vermittelt über ein Medium – erhalten zu haben. Das deutsche Gebrauchsmuster DE 29604486 U1 beschreibt einen „Orgon-Akkumulator mit Mineralien“, das 1999 erlosch. Zusätzlich werden „Orgon-Kopierstationen“ angeboten, mit denen angeblich homöopathische Informationen auf Wasser oder Zucker übertragen werden können – ein Konzept, das an die Radionik erinnert.[2] Ein weiterer Anbieter wirbt mit dem „Hildegard Orgonakkumulator“: ein 13 kg schweres, 49 × 37 × 8 cm großes Holzbrett mit eingelassenem Sonnenrad und Tetraeder, das für 1.250 Euro online erhältlich ist. Herstellerangaben zufolge lässt sich damit nicht nur Wasser oder Essen „energetisieren“, sondern auch die angeblich negative Wirkung von Strichcodes neutralisieren.[3]

Wissenschaftliche Bewertung und rechtliche Lage

Wissenschaftliche Bewertung und rechtliche Lage

In der wissenschaftlichen Literatur findet sich kein robuster Nachweis für die Existenz einer Orgon-Energie. Bernhard Harrer fasst in seiner 1997 erschienenen Studie „Kritische Evaluation der Lebensenergie-Forschung von Wilhelm Reich (Orgon-Theorie)“ zahlreiche Experimente zusammen, die Reichs Behauptungen nicht stützen. Die FDA betrachtet den ORAC weiterhin als gesundheitsbezogenes Produkt ohne Zulassung; entsprechende Werbung mit Heilversprechen ist in den USA verboten. In Deutschland fallen reine Orgonakkumulatoren nicht unter das Medizinproduktegesetz, solange keine medizinische Wirkung beansprucht wird. Sobald jedoch konkrete Gesundheitsversprechen gemacht werden, kann das Gerät als Arzneimittel eingestuft und vom Markt genommen werden. Verbraucherzentralen warnen vor dem Kauf, da weder Wirksamkeit noch Sicherheit überprüft sind.

Weblinks

  1. Kritische Evaluation der Orgon-Theorie – Datadiwan
  2. Edzard Ernst: The weird story of Wilhelm Reich's orgone accumulator

Veröffentlichungen

  • Bernhard Harrer: Kritische Evaluation der Lebensenergie-Forschung von Wilhelm Reich (Orgon-Theorie), Berlin 1997

Einzelnachweise

  1. Wilhelm Reich and the Orgone Accumulator, Mary Bellis, About.com Guide
  2. Gebrauchsmuster DE 29604486 U1, Anmelder: Jürgen Fischer, Susanne Henze, 27.02.1996
  3. Produktbroschüre „Der Hildegard Orgonakkumulator“, PDF