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Mehran Tavakoli Keshe

Aus Faktenradar

Der in Iran geborene Erfinder Mehran Tavakoli Keshe wirbt seit Jahren mit revolutionären Energie- und Antigravitationsreaktoren, die bislang weder unabhängig bestätigt noch zugelassen wurden. Seine Keshe Foundation verkaufte Geräte und Lizenzrechte, wurde 2017 wegen Betrugs verurteilt und steht seitdem in der Kritik.

Lebenslauf und technische Behauptungen

Lebenslauf und technische Behauptungen

Mehran Tavakoli Keshe wurde 1958 im Iran geboren und gibt an, am Queen Mary College in London studiert sowie als Ingenieur für Reaktorkontrollsysteme gearbeitet zu haben. Nach eigenen Angaben entwickelte er ab den 1990er-Jahren einen „statischen Plasma-Reaktor“, der durch Wasserstoff und magnetisch gebundene radioaktive Stoffe angeblich Gravitationsfelder erzeuge. Die Apparatur soll Fahrzeuge trägheitslos machen, Kohlendioxid und Methan aus der Luft binden sowie durch Kalte Fusion Energie liefern. Eine europäische Patentanmeldung (EP 1 770 717 A1) für ein „Gravitational and energy system“ reichte Keshe 2005 ein; das Dokument blieb jedoch auf die Anmeldephase beschränkt. Die belgische Atomaufsicht FANC untersuchte 2012 einen mitgebrachten Prototyp und stellte keine messbare Radioaktivität fest. Gleichzeitig konfiszierte die Behörde eine Lieferung älterer Rauchmelder, die geringe Mengen des radioaktiven Elements Americium enthalten; Keshe hatte sie offenbar für Experimente importiert.

Keshe Foundation: Lizenzgeschäft und umstrittene Medizinprodukte

Keshe Foundation: Lizenzgeschäft und umstrittene Medizinprodukte

2009 gründete Keshe die Keshe Foundation, zunächst mit Sitz in Ninove (Belgien), später in Brescia (Italien). Die als gemeinnützig eingetragene Organisation vertreibt Bücher, Seminare und Lizenzpakete für die angebliche Plasma-Technologie. Ein zweijähriger „Knowledge-Seeker“-Kurs am Spaceship Institute kostete laut früheren Teilnehmern rund 20.000 € pro Jahr; ein ehemaliger Student berichtete, dass nach einer dreiwöchigen Präsenzphase keine regulären Lehrveranstaltungen mehr stattfanden und Studierende zudem mehr als zwölf Stunden täglich für die Foundation arbeiten mussten. Zwischen 2012 und 2016 wurden über die Webseite Tickets für Weltraumflüge offeriert: 19.000 € für einen zehnstündigen Flug in 60 km Höhe sowie 50.000 € für einen Mond-Rundflug ohne Landung. Die Ankündigungen versprachen, auf konventionelle Astronautentraining zu verzichten; bis heute fand kein belegter Flug statt. Parallel bewarb die Foundation medizinische „Plasma-Reaktoren“ und Trinklösungen gegen chronisches Müdigkeitssyndrom, Epilepsie, Multiple Sklerose und Krebs. Die belgische Justiz führte 2012 Ermittlungen wegen unerlaubter Heilkunde und Betrugs.

Gerichtsverfahren in Belgien und Urteil 2017

Gerichtsverfahren in Belgien und Urteil 2017

Am 9. August 2017 verurteilte das Strafgericht Kortrijk (Belgien) Mehran Tavakoli Keshe wegen Betrugs und Ausübung von Heilkraft ohne Anerkennung zu 18 Monaten Haft auf Bewährung; Mitangeklagte Caroline De Roose, seine Ehefrau, erhielt zwölf Monate auf Bewährung. Das Gericht stellte fest, dass das Paar belgischen Kunden ab 2011 sogenannte „Plasma-Wasser“-Thermoskannen, Inhalatoren und Behandlungspakete für 3.500 € verkauft hatte, ohne dass die Geräte eine anerkannte medizinische Wirkung besaßen oder zugelassen waren. Beamten gelang es, 15.000 € Bargeld aus den Verkäufen sicherzustellen. Mehrere Geschädigte hatten sich zuvor bei Behörden beschwert und auf mangelhafte oder ausbleibende Heilergebnisse hingewiesen. Das Urteil ist rechtskräftig; eine Berufung wurde nicht verhandelt.

Messias-Behauptung, Drohnen-Absturz und Corona-Pseudotherapie

In einem öffentlichen Video-Workshop am Karfreitag 2014 erklärte Keshe, er sei der erwartete Messias: „You wished, and for years you asked for Messiah. Here I am, standing in front of you.“ Ein dreiseitiges Schreiben auf der Foundation-Webseite rief die Menschheit zur friedlichen Kooperation mit „benachbarten Sternsystemen“ auf. Bereits 2011 hatte Keshe behauptet, mit einer eigenen Kraftfeld-Technik geholfen zu haben, eine US-Drohne über Iran zum Absturz zu bringen; das Pentagon kommentierte die Aussage nicht. 2020 verbreitete Keshe eine Bauanleitung für einen einfachen Salzwasser-Elektrolysator, dessen kupferionenhaltige Lösung gegen SARS-CoV-2 wirken soll. Obwohl Keshe die Flüssigkeit nicht zum Trinken empfahl, sondern zur Oberflächendesinfektion, warnen Toxikologen vor gesundheitlichen Risiken: Kupfer kann die Blut-Hirn-Schranke schädigen und in Leber sowie Hornhaut akkumulieren. Die Methode wurde von ungarischen Anhängern weiterentwickelt und über alternative Medien vertrieben.

Kritik, rechtliche Auseinandersetzungen und Auftritt beim Weltkongress für Psychotherapie 2025

Wissenschaftliche Fachpublikationen äußern sich nicht zu Keshes Behauptungen; in einschlägigen Blogs und Foren wird wiederholt Betrug vorgeworfen. Eintragungen zu Keshe und seiner Foundation in der deutschsprachigen Wikipedia wurden wiederholt gelöscht, da unabhängige, sekundäre Quellen fehlten. Keshe selbst erklärte, das Löschen eines Wikipedia-Artikels sei ein Vorbote einer bevorstehenden Ermordung. Der österreichische Sektenbericht 2015 listet die Keshe Foundation unter „Gruppierungen im gesellschaftlichen Umfeld von Wissenschafts- und Verschwörungsideologien“. Trotzdem wurde Keshe für den 19. Juli 2025 als Redner zum Weltkongress für Psychotherapie (WCP) in Wien eingeladen. Die Ankündigung nennt ihn „Nuklearphysiker“ und „Pionier der Plasmawissenschaft“; gemeinsam mit dem österreichischen Psychotherapeuten Christian A. Kern will er über „psychologische Probleme bei der menschlichen Kolonisierung des Weltraums“ sprechen. Das Panel wurde nach Protesten mehrerer Fachgesellschaften in der vorläufigen Programmversion zunächst entfernt, auf der Kongress-Homepage erschien jedoch bis Anfang Juli 2025 weiterhin ein Hinweis auf Keshes Beteiligung.

Weblinks

  1. Sektenbericht der Republik Österreich (2015)
  2. Gerichtsbericht: Nieuwsblad.be (belgisches Urteil 2017)
  3. Wissenschaftskritik: Astrodicticum Simplex
  4. Dokumentation eines Besuchs bei einem Keshe-Bastler
  5. Blogbeitrag Psiram zum Auftritt beim WCP 2025