Zum Inhalt springen
Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Kozyrev-Spiegel

Aus Faktenradar

Ein aluminiumummantelter Zylinder soll nach Anbieterangaben Gravitation abschirmen, Zeit verdichten und Bewusstsein erweitern. Die wissenschaftliche Gemeinschaft sieht darin ein pseudowissenschaftliches Produkt ohne belastbare Evidenz.

Bauform und verbreitete Behauptungen

Bauform und verbreitete Behauptungen

Ein Kozyrev-Spiegel besteht typischerweise aus einem welligen Aluminiumrohr, in das ein Erwachsener hineinliegen kann. Hersteller versprechen, das Gerät schirme Erdgravitation und Magnetfeld ab, bündle „körpereigene Strahlung“ und öffne ein „Raum-Zeit-Tor“, das den Nutzer mit einem universellen Informationsfeld verbinde. Die Idee geht auf Arbeiten des Astrophysikers Nikolai A. Kosyrew (1908–1983) zurück, der ab den 1950er-Jahren über eine aktive Rolle der Zeit spekulierte. Allerdings entstand die heute vertriebene Zylinderkonstruktion erst rund ein Jahrzehnt nach Kosyrews Tod; direkte Unterlagen des Forschers dazu existieren nicht. Stattdessen lassen sich die ersten schriftlichen Hinweise auf die Apparatur auf das Jahr 1996 datieren, als die Russen A. V. Trofimow und W. P. Kasnatschejew ein „Gerät zur Korrektur psychosomatischer Erkrankungen“ beim russischen Patentamt anmeldeten [1]. Trofimow leitet das „International Scientific Research Institute for Cosmic Anthropo-Ecology“ (ISRICA) in Nowosibirsk und bezeichnete die Konstruktion später auch als „MNIIKA-Spiegel“.

Physikalische Bewertung der Abschirmbehauptungen

Physikalische Bewertung der Abschirmbehauptungen

Gravitative Abschirmung ist nach der allgemeinen Relativitätstheorie praktisch unmöglich; selbst massereiche Stahlwände ändern das Gewicht eines eingeschlossenen Körpers nur um Spurenbeträge. Aluminium besitzt keine Eigenschaft, das Schwerefeld merklich zu schwächen. Gegen elektromagnetische Wellen wirkt ein geschlossener Metallzylinder als Faraday-Käfig – doch die handelsüblichen Kozyrev-Spiegel weisen an beiden Enden große Öffnungen auf, wodurch ein nennenswerter Schirm-Effekt ausbleibt. Magnetische Felder lassen sich hingegen mit hochpermeablen Werkstoffen wie Mu-Metall abschirmen; Aluminium und Granit gehören nicht dazu. Messprotokolle, die eine signifikante Reduktion von g-Feld oder Erdmagnetfeld im Inneren belegen, liegen nicht vor. Auch das von Anbietern propagierte Konzept der „Zeitwellen“ findet keine Stütze in der akademischen Physik. Kosyrews publizierte Arbeiten zur Zeit als aktiver physikalischer Größe sind im Wesentlichen auf seine eigenen Publikationen in sowjetischen Journals beschränkt und wurden von der internationalen Fachwelt nicht repliziert.

Weblinks

  1. Patent RU 2122446 C1 (1996) – Device for correction of man's psychosomatic diseases
  2. Science 2012: News of the week zu Conrads Masterarbeit
  3. taz-Interview mit Harald Walach (15.6.2012)

Veröffentlichungen

Einzelnachweise

  1. RU 2122446 C1