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Karin Tag

Aus Faktenradar

Die deutsche Autorin Karin Tag betreibt das Seraphim-Institut, das ISR-Institut und das „Council of World Elders“. Im Mittelpunkt ihrer Lehren steht der Kristallschädel „Corazon de Luz“, den sie als uralten Wissensspeicher bewirbt.

Vom geologischen Präparator zur Kristallschädel-Hüterin

Vom geologischen Präparator zur Kristallschädel-Hüterin

Karin Tag, 1969 in Frankfurt am Main geboren, lebt heute in Niddatal (Hessen). Nach eigenen Angaben arbeitete sie zunächst als geologische Präparatorin und beschäftigte sich in mehreren Museen mit archäologischen Präparaten. Seit Mitte der 1990er-Jahre veröffentlicht sie Bücher zu Spiritualität, Kristallschädeln und alternativen Heilmethoden; bis 2012 erschienen neun Titel. Unter dem Pseudonym „Healing Voice“ trat sie zudem als Musikerin auf und bezeichnet sich als Schamanin sowie Curandera „nach Inka-Tradition“. Zentrales Objekt ihrer Aktivitäten ist ein Quarzschädel namens „Corazon de Luz“ (Lichtherz), den sie seit etwa 2005 öffentlich präsentiert. Tag behauptet, das Exemplar gehöre zu den ältesten Kristallschädeln weltweit und von ungenannten Hopi-Indianern auf „rund 30.000 Jahre“ datiert zu bekommen. Der Schädel speichere demnach genetische Informationen der Menschheit und einen „Missing Link“ der Evolution. In Vorträgen und Publikationen erklärt sie, sie empfange über Corazon de Luz „Botschaften von Sternenvölkern“ und habe dadurch die Entstehungsgeschichte der Menschheit erhalten. Die Überbringung des Schädels nach Europa interpretiert sie im Kontext der 2012-Prophezeiungen von Maya, Inka und Hopi als Teil einer „Bewusstseinsveränderung“, bei der „die weißen Menschen“ eine neue Weltkultur begründen und die Völker wieder vereinen sollen. Um die vermeintliche Energie des Objekts zu verstärken, brachte Tag ihn nach eigenen Angaben an „magischen Orten“ wie der Cheopspyramide unter, wo er angeblich eine halbe Stunde im sogenannten Königsgrab verweilte – obwohl dort historisch nie ein Sarkophag stand. Weitere Reisen führten den Schädel nach Angaben von Tag zum Eiffelturm und zu anderen Kraftorten, um dort „Energiepunkte“ zu aktivieren. Auch mysteriöse Gewichtsschwankungen des Schädels werden in Vorträgen thematisiert, ohne dass unabhängige Messungen vorliegen.

Seraphim-Institut und ISR-Institut: Seminare, Zertifikate und ein „ethnologisches Museum“

Seraphim-Institut und ISR-Institut: Seminare, Zertifikate und ein „ethnologisches Museum“

2005 wandelt Tag ihren früheren Seraphim-Verlag in das „Seraphim-Institut“ um, das heute in Niddatal ansässig ist. Das Haus bietet mehrsufige Ausbildungen etwa zum „Seraphim-Kristallschädelhüter“ in drei Graden oder zu „Energieerhöhungen mit Erzengelenergien“ an. Im eigenen „Herz zu Herz Shop“ vertreibt das Institut Produkte wie „Alpaka-Energiedecken“ (77 €), in denen angeblich Corazon de Luz „licht- und liebevoll“ Kristalle und ägyptische Öle programmiert habe. Parallel gründete Tag das ISR-Institut („Institut für wissenschaftliche Forschung und Diagnostik mit Magnetfeldresonanzen und Photonenenergie“). Dort setzt sie eine selbst entwickelte „Photonenkamera“ ein, mit der sie elektromagnetische Felder und „Photonenenergien“ visualisieren will. Das ISR vergibt Zertifikate an Heilpraktiker oder Produkte, die eine „messbare Energiefeldresonanz“ zeigen sollen. In der Fachwelt gelten die Messmethoden und das damit verbundene „ISR-Prüfsiegel“ als nicht standardisiert; eine externe Validierung liegt bisher nicht vor. Beide Institute bewerben sich damit, ein ethnologisches Museum zu betreiben; ausgestellt werden sollen Exponate aus Südamerika, die Tag nach eigenen Angaben von Privatsammlern überlassen wurden. Kritiker werfen dem Haus vor, wissenschaftliche Begriffe zu verwässern, ohne anerkannte Studien zu liefern.

Council of World Elders: Globales Netzwerk mit umstrittener Zusammensetzung

Council of World Elders: Globales Netzwerk mit umstrittener Zusammensetzung

2009 initiierte Tag das „Council of World Elders“ (CoWE), eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in Niddatal. Offiziell will das CoWE „traditionelles Wissen indigener Völker“ für Umweltschutz und Völkerverständigung einsetzen. Tatsächlich zählen zu den prominenten Mitgliedern jedoch mehrere Personen, die in der Fachöffentlichkeit als „Plastikschamanen“ bezeichnet werden: So trat der selbsternannte Maya-Priester Hunbatz Men (bürgerlich Carlos Mena Toto) als Ratshüter auf, ebenso der Peruaner Don Pedro Guerra Gonzales, der in Iquitos Ayahuasca-Tourismus betreibt, aber keiner indigenen Ethnie angehört. Weitere angebliche „Elders“ sind der in Deutschland lebende Musiker Jorge „Coco“ Vizcarra, der kommerzielle Schwitzhütten anbietet, sowie der indische Guru Swami Isa. Als „Global Advisors“ berief das CoWE unter anderem die Sängerin Nina Hagen, den Esoterik-Autor Drunvalo Melchizedek (Bernard Perona) und den Kopp-Verlag-Autor Armin Risi. Die Deutsche Patent- und Markenamt lehnte Tages Antrag, die Bezeichnung „Council of World Elders“ als deutsche Marke eintragen zu lassen, ohne nähere Begründung ab. Trotzdem veranstaltet das Netzwerk jährliche Kongresse, bei denen Teilnehmer für Vorträge und Zeremonien Eintritt zahlen; die Einnahmen fließen laut Satzung in Projekte zum Erhalt von Kraftorten und Kulturdenkmälern. Ein unabhängig bestätigter Nachweis für deren Umsetzung liegt bisher nicht vor.

Bücher, Titel und akademische Ansprüche

Karin Tag veröffentlichte seit 1994 mehrere Bücher zu Kristallschädeln und alternativen Geschichtsbildern. Titel wie „Die Prophezeiungen des Kristallschädels Corazon de Luz“ (2009), „Das Geheimnis der Atlantischen Kristallbibliothek“ (2011) oder „Der Geheimcode im Kristallschädel“ (2008) erscheinen bei Esoterikverlagen (Ansata, Amra, Kopp). Das Werk „Das Buch des Wissens“ bezeichnet sie als „gechannelt“; als Quelle nannte sie ein Wesen namens Shevan, einen „Helfer des Erzengels Raphael“. In Vorträgen und älteren Webseiten führt sich Tag zusätzlich als „Prof. h.c. Dr. h.c. Holistic Sciences“ und „Dr. Karin Tag“. Als Verleihungsort nennt sie wiederholt die „University of Oregon“. Recherchen zufolge stammen die Titel jedoch von der US-Firma „Oregon State Church and University Inc.“ in Jacksonville (Florida), die für etwa 400 US-Dollar akademische Ehrentitel vergeben und sich selbst als „Kirche“ bezeichnet, ohne dafür in den USA registriert zu sein. Die renommierte University of Oregon in Eugene bestätigte, niemals derartige Ehrendoktorwürden an Tag verliehen zu haben. Auf aktuellen eigenen Internetseiten finden sich keine Hinweise mehr auf die fraglichen Titel; eine öffentliche Richtigstellung liegt bisher nicht vor.

Weblinks

  1. Offizielle Website des ISR-Instituts