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Jessie Marsson

Aus Faktenradar

Unter wechselnden Identitäten trat Jessie Marsson in der deutschsprachigen Esoterik- und Reichsbürgerszene in Erscheinung. Nach früheren Verurteilungen in Deutschland wurde er 2024 in Spanien wegen sexuellen Kindesmissbrauchs festgenommen.

Wechselnde Identitäten und frühe Aktivitäten

Wechselnde Identitäten und frühe Aktivitäten

Seit etwa zwei Jahrzehnten taucht die Person, die sich heute meist Jessie Marsson nennt, in alternativen Medien, Esoterik-Kreisen und reichsbürgernahen Zirkeln auf. Dabei verwendete sie laut Gerichts- und Presseunterlagen mindestens ein Dutzend Aliasnamen: Frank Büntert, Jesse Dumanch, Michael Jessie (Reichs-)Freiherr von Pallandt, Michael Hitzler oder Julian Dumanch sind nur einige Beispiele. Geburtsjahr und -ort schwanken je nach Quelle zwischen 1975 und 1981 sowie zwischen Venezuela, Irland und Bayern. In einem 2014 geführten Auslieferungsverfahren der Schweiz nannte sein damaliger Beistand Peter Putzhammer den bürgerlichen Namen „Frank Herbert Michael Büntert“ mit Wohnsitz Schliersee. Parallel dazu behauptete Marsson wiederholt, staatenlos zu sein und als „Klon-Kind“ auf einem russischen Frachter geborgen worden zu sein. Diese widersprüchlichen Angaben führten wiederholt zu Verwirrungen in Gerichtssälen und Medienberichten. Bereits 2011 wurde Büntert in Augsburg wegen Betrugs und Körperverletzung verurteilt; 2013 folgte ein weiteres Verfahren wegen des Vorwurfs, auf beschlagnahmten Datenträgern kinderpornografische Bilder vorgefunden zu haben. Die Prozesse endeten teils in Haftstrafen, die teils zur Bewährung ausgesetzt wurden.

„Fürstentum Germania“ und esoterisch-reichsbürgerliche Netzwerke

„Fürstentum Germania“ und esoterisch-reichsbürgerliche Netzwerke

Gemeinsam mit dem Publizisten Jo Conrad initiierte Marsson um 2008 das Projekt „Fürstentum Germania“, ein sogenanntes „KRR“ (königlich-reichsbürgerliches Regime). Ziel war die Gründung eines eigenen „Staatswesens“ auf Basis verschiedener Verschwörungsideologien, esoterischer Weltbilder und der Behauptung, die Bundesrepublik sei eine GmbH. Auf mehreren Kongressen, unter anderem auf dem „Wege aus der Matrix“-Treffen 2020 und 2022 im Ashram der Sekte Bhakti Marga, trat Marsson als Redner auf. Dabei verbreitete er Thesen zur angeblichen Rechtsungültigkeit deutscher Gerichte und propagierte „Naturheilkunde“ nach der umstrittenen „Neuen Germanischen Medizin“. In Vorträgen und Videos, die über Plattformen wie Gloria.tv kursierten, behauptete er unter anderem, Zwangsimpfungen seien Ursache von Down-Syndrom oder ADHS. Auch behauptete er, Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich seit 1991 zu kennen, ohne konkrete Belege zu liefern. Solche Äußerungen fanden vor allem in reichsbürgernahen Telegram-Kanälen und alternativen Medien Verbreitung.

Fragwürdige Vita: Militär, Geheimdienst und angebliche Eliteeinheiten

Fragwürdige Vita: Militär, Geheimdienst und angebliche Eliteeinheiten

In Interviews und Social-Media-Profilen präsentierte sich Marsson wiederholl als ehemaliger US-Militärangehöriger. Auf Facebook führte er sich zeitweise als Absolvent der United States Military Academy West Point (Jahrgang 1999) auf; später relativierte er dies und behauptete, lediglich einer „Boys Guard“ angehört zu haben. Ebenfalls nicht belegbar sind Angaben, er habe für die Sicherheitsfirma Blackwater im Irak gearbeitet oder sei als Scharfschütze für den deutschen Reichstag tätig gewesen. Chronologien lassen solche Einsätze schon nach offiziell zugänglichen Daten nicht zu: Blackwater entstand 1997, erste dokumentierte Irak-Einsätze datieren auf 2002. Auch Fotos, die seine angebliche Präsenz im Irak beweisen sollten, stammen nach Medienberichten aus öffentlichen US-Army-Sammlungen und zeigen Szenen in Afghanistan aus dem Jahr 2009, als Marsson laut eigenen Angaben längst wieder in Deutschland lebte. Hinweise auf eine Tätigkeit als Bodyguard bei Bilderberg-Konferenzen oder auf eine „Versetzung“ in ein angebliches „black barretts NATO security corps“ konnten trotz Recherchen nicht verifiziert werden. Kritiker ordnen diese Selbstinszenierungen in das Spektrum der Pseudologie ein, also dem wiederholten Erfinden realitätsfremder Lebensgeschichten.

Umzug nach Spanien und das „Kinderhilfs“-Projekt in Anna

Seit 2020 hielt sich Marsson, der dort wiederum als Frank Büntert auftauchte, im valencianischen Ort Anna (Comarca Canal de Navarrés) auf. Gemeinsam mit Unterstützern kaufte er mehrere Immobilien, darunter ein verfallenes Lagerhaus am Ortseingang. In einem 2021 veröffentlichten Werbevideo kündigte er an, daraus ein Ausbildungszentrum für Jugendliche ab 17 Jahren zu schaffen, die „aus sexueller und ritueller Ausbeutung gerettet“ worden seien. Gezeigt wurden Pläne für Werkstätten, Gemeinschaftsküchen und Freizeiträume; tatsächlich blieb das Gebäude lokalen Berichten zufolge leer und diente offenbar der Lagerung von Motocross-Motorrädern. Für Spenden wurde ein Konto der Kreissparkasse Northeim angegeben, Empfänger war der Schweizer Verein „zur Förderung zensurfreier Medien“, dessen Vorsitzende Elfriede Büntert aus Schliersee ist. Ob und in welcher Höhe Gelder eingingen, ist nicht dokumentiert. Bewohner berichteten der Regionalzeitung Levante-EMV, dass der Deutsche sich als „Kinderretter“ präsentierte, jedoch keine konkreten Hilfsangebote sichtbar geworden seien. In einem leer stehenden Wohnhaus, das früher einem Elektrizitätswerk diente, fand ein Fotograf Unterlagen, darunter ein Bild des Wunderheilers Bruno Gröning und Dokumente mit Marssons Namen. Das Anwesen gehört einer Münchnerin, die lokalen Angaben zufolge „Energieheilungen“ anbietet und Kontakt zur Druiden-Szene unterhält.

Festnahme 2024 und laufendes Strafverfahren

Am 5. August 2024 nahm die spanische Guardia Civil Frank Büntert in Anna fest. Ihm wird laut Presseberichten vorgeworfen, mehrere Kinder unter 16 Jahren wiederholt sexuell missbraucht zu haben. Die Anzeigen stammten von Minderjährigen gemeinsam mit ihren Eltern; in mindestens einem Fall erstreckten sich die Vorwürfe über einen Zeitraum von etwa einem Jahr. Die Staatsanwaltschaft Valencia lehnte einen Antfang auf Haftprüfung ab, Büntert sitzt weiter in Untersuchungshaft. Laut dem Portal ibizakurier.de wurde auch ein Antrag auf Berufung gegen die Untersuchungshaft abgelehnt. Die deutsche Presse griff den Fall ebenfalls auf, ohne dass bislang ein Gerichtstermin terminiert wäre. Die Anwälte des Beschuldigten äußerten sich bisher nicht öffentlich zu den Vorwürfen. Sollte der Prozess eröffnet werden, dürfte wegen der Schutzwürdigkeit der angeblichen Opfer die Hauptverhandlung nichtöffentlich stattfinden.

Verbreitung von Verschwörungstheorien und rechtliche Bewertung

Unabhängig von dem laufenden Strafverfahren fällt bei der Auswertung öffentlicher Auftritte auf, dass Marsson wiederholt Verschwörungserzählungen bedient, die in rechtsextremen und esoterischen Milieus verbreitet sind. So behauptete er in einem 2020 aufgetauchten Video mit dem Titel „Merkels Pädophilie – Ihr ehemaliger Sexsklave packt aus“, ohne Belege Angela Merkel seit Jahrzehnten zu kennen und eine angebliche „Zwangsimpfung mit Giftspritzen“ gegen COVID-19 zu prophezeien. Die Inhalte wurden über Plattformen wie Gloria.tv und YouTube verbreitet, ehe sie teilweise wegen Verstoßes gegen Nutzungsrichtlinien entfernt wurden. Rechtlich ist festzuhalten, dass gegen Marsson/Büntert in Deutschland bereits rechtskräftige Verurteilungen wegen Betrugs und wegen des Besitzes kinderpornografischen Materials vorliegen. Die spanische Justiz ermittelt nun wegen des schwereren Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Ob weitere Personen aus dem Umfeld der Immobilienprojekte in Anna in den Fokus der Ermittler geraten, wurde von der Guardia Civil nicht mitgeteilt. Die bisher bekannt gewordenen Fakten zeichnen das Bild eines Akteurs, der über Jahre hinweg mit wechselnden Rollenbildern und fragwürdigen Geschäftsmodellen in alternativen Szene und sozialen Medien präsent war.

Weblinks

  1. Levante-EMV: Artikel vom 2. März 2026 über die Festnahme
  2. Levante-EMV: Artikel vom 3. März 2026 zu Immobilien und Spendenkonto
  3. IbizaKurier: Informationen zur U-Haft und abgelehnte Berufung
  4. taz-Bericht zu reichsbürgerlichen Projekten
  5. Belltower.news: Artikel zur Druiden-Szene und Impfgegnerschaft

Einzelnachweise

  1. Augsburger Allgemeine, „Verwirrspiel im Gerichtssaal“, 8. März 2011