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Holger Thorsten Schubart

Aus Faktenradar

Der Unternehmer Holger Thorsten Schubart bewegte sich in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt durch Immobilien-, Finanz- und Technologieprojekte, die Gerichtsverfahren, Insolvenzen und physikalische Kritik nach sich zogen. Ein Überblick über Hafturteile, Patente und Geschäftsmodelle.

Frühe Selbstständigkeit und erste strafrechtliche Konsequenzen

Frühe Selbstständigkeit und erste strafrechtliche Konsequenzen

Holger Thorsten Schubart, geboren am 10. April 1965 in Heidenheim, trat Anfang der 1990er Jahre in Göttingen als Immobilien- und Kreditvermittler in Erscheinung. Über die SCF AG sowie weitere Projektgesellschaften kaufte und verkaufte er Grundstücke, vermittelte Darlehen und initiierte Bauprojekte. Bereits 1996 lenkte ein anonym gegebener Hinweis die Polizei auf eine geplante Brandstiftung im Göttinger Sportpalast; der Eigentümer konnte noch vor Ausführung der Tat gestoppt werden. Schubart bezeichnete sich später als Informant. Mehrere Brände auf Objekten, an denen seine Firmen beteiligt waren, blieben jedoch unaufgeklärt. 1997 scheiterte ein Kreditgeschäft über 50 Millionen Schweizer Franken, weil Schubart als Sicherheit gefälschte Wechsel der Fröhlich Bau AG präsentierte. Er räumte die Urkundenfälschung vor Gericht ein. Das Landgericht Göttingen verurteilte ihn anschließend wegen Betrugs zu einer Haftstrafe; ein weiteres Verfahren wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung folgte. Die Insolvenz der Fröhlich Bau AG Ende 1997 kostete nach Branchenangaben rund 900 Arbeitsplätze.

Selbstvermarktung als Mathematiker und die Neutrino-Offensive

Selbstvermarktung als Mathematiker und die Neutrino-Offensive

Nach seiner Haft zeigte sich Schubart unter dem vollständigen Namen Holger Thorsten Schubart und bewarb sich selbst als „Mathematiker und Philanthrop“. Seit 2014 wirbt er mit dem Konzept einer Metallfolie, die angeblich Neutrinos so beeinflussen soll, dass daraus elektrische Energie fließt. Die dafür gegründete Neutrino Deutschland GmbH meldete 2016 die internationale Patentanmeldung WO2016142056 sowie 2018 die deutsche Offenlegungsschrift DE102018009125A1 an. Beide Schriften beschreiben eine mehrere Mikrometer dünne Schicht aus Graphen und Silizium, deren nanoskalige Oberfläche beim Durchgang von Neutrinos Molekülschwingungen erzeugen und daraus Strom erzeugen soll. Fachphysiker halten eine nennenswerte Energiegewinnung aus Neutrino-Strahlung für ausgeschlossen, da die Elementarteilchen nahezu ohne Wechselwirkung Materie durchqueren. Ein unabhängig überprüfter Prototyt wurde bisher nicht vorgelegt, ein erteiltes Patent liegt ebenfalls nicht vor.

Netzwerk von Firmen und Prominenz als Multiplikatoren

Netzwerk von Firmen und Prominenz als Multiplikatoren

Neben der Neutrino Deutschland GmbH betreibt Schubart eine Vielzahl weiterer Gesellschaften mit Sitz in Berlin, Wien und der Schweiz. Die GT Golden Tower Real Estate and Luxury GmbH sowie die Royal Consulting Austria GmbH firmierten zeitweise im Hotel Adlon Kempinski und handelten mit Luxusimmobilien und Fahrzeugen im Millionenbereich. In der Schweiz gründete er die NOAH Industries Holding & Fine Art Investment Funds AG. Bei der Mega NFC International Distribution GmbH fungiert er als Gesellschafter; das Unternehmen vertreibt ein Detox-Pulver auf Basis des Zeoliths Klinoptilolith für monatlich mehrere hundert Euro. Als wissenschaftlicher Beirat der Mega NFC werden der Physiologe Karl Hecht, der Ayurveda-Arzt Mosaraf Ali sowie der Internist Vicente Mera genannt. 2017 behauptete Schubart zusätzlich, der Astrophysiker Stephen Hawking gehöre dem Gremium an; eine Bestätigung oder Stellungnahme Hawking blieb aus. Für die Werbung nutzte Schubart Auftritte beim Bundespresseball 2014, Interviews beim russischen Sender Sputnik und Anfragen an den Regionalligisten FC Energie Cottbus. Ein geplanter Sponsoringvertrag mit dem Verein zerschlug sich nach eigenen Angaben der Klubführung bereits nach dem ersten Gespräch.

PI-Car, angebliche Fertigungshallen und Investorensuche

Das jüngste Projekt der Neutrino Inc. trägt die Bezeichnung PI-Car. Laut Unternehmensdarstellung soll es sich um ein Elektrofahrzeug handeln, dessen Karosserie aus Carbon besteht und in die flexible Neutrinovoltaic-Wandler eingebettet sind. Die Wandler würden nach Firmenangaben nicht nur Neutrinos, sondern auch Wärmestrahlung und beliebige elektromagnetische Wellen nutzen, um Batterien zu laden. Als Fertigungsstandort nannte Schubart die ehemalige Astronergy-Solarmodule-Produktionshalle in Frankfurt (Oder) sowie eine Kooperation mit dem indischen Forschungsinstitut C-MET in Pune. Ob ein Kaufvertrag für die Hallen existiert oder Fahrzeugprototypen entwickelt wurden, ist nicht dokumentiert. Entsprechende Pressemeldungen wurden ausschließlich als kostenpflichtige Beiträge in Fachmedien veröffentlicht. Für potenzielle Investoren existiert eine Website mit Crowdfunding-Option, konkrete Auslieferungstermine oder technische Spezifikationen werden jedoch nicht genannt.

Verurteilungen, Zahlungsausfälle und Gerichtstermine

Die Geschäftspraxis Schubarts führte wiederholt zu Gerichtsverfahren. Wegen der Sponsoring-Zusage für den Bundespresseball 2014 erwirkten die Veranstalter einen Titel gegen ihn, nachdem die vereinbarte Summe ausblieb. Eine angesetzte Vermögensauskunft im Januar 2017 erschien er nicht. Die Prozesse aus den frühen 2000er Jahren endeten mit Haftstrafen, zuletzt wurde er 2005 verurteilt. Dennoch meldete das Amtsgericht Charlottenburg 2020 drei eingetragene Vereine mit Schubart als Vorsitzenden: Souveräner paneuropäischer Orden Teutonischer Ritter, Präzeptorei + Priorat Excelsior Nr. 1 sowie Excelsior und Salem e. V. Sämtliche Vereine nutzen dieselbe Berliner Adresse und listen ihn als geschäftsführendes Vorstandsmitglied. Aktuelle Insolvenzverfahren über sein Privatvermögen oder seine Gesellschaften liegen derzeit nicht vor.

Weblinks

  1. DepatisNet-Eintrag zur Patentanmeldung DE102018009125A1
  2. Eintrag WO2016142056A1 im Global Dossier der WIPO
  3. Bericht über gescheiterte Sponsoring-Verhandlungen mit FC Energie Cottbus