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Hochschulen mit pseudowissenschaftlichen Lehr- und Forschungsinhalten

Aus Faktenradar

In Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten zahlreiche Universitäten und private Hochschulen Studieninhalte an, die wissenschaftlich umstritten sind. Von Homöopathie über TCM bis zu Esoterik – ein Überblick über das Angebot und die Kritik.

Verbreitung komplementärmedizinischer Lehrinhalte

Verbreitung komplementärmedizinischer Lehrinhalte

Rund ein Drittel der 36 deutschen Medizinischen Fakultäten bietet Homöopathie als Wahlpflichtfach an. Dazu zählen unter anderem die TU Dresden, die Universität Erlangen, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Universität Ulm sowie die Universität Duisburg. Auch die Universität Greifswald integriert Homöopathie im vorklinischen Bereich gemeinsam mit Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) in das Curriculum. Diese Veranstaltungen stehen neben historisch-kritischen Auseinandersetzungen mit alternativen Heilmethoden, die einen klar wissenschaftlichen Rahmen haben. Die finanzielle Förderung solcher Lehrinhalte erfolgt häufig durch Stiftungen wie die Karl und Veronica Carstens-Stiftung oder über Drittmittel von homöopathischen Ärzteverbänden. Die Einbettung in universitäre Strukturen erfolgt teils über Institute, teils über Arbeitsgruppen oder interdisziplinäre Zentren.

Private und anthroposophische Hochschulen

Private und anthroposophische Hochschulen

Die private Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn bietet als einzige Hochschule in Deutschland einen Bachelor- und mehrere Masterstudiengänge in Eurythmie an. Die Inhalte reichen von Bühneneurythmie über Eurythmiepädagogik bis zur Eurythmietherapie. Die Hochschule ist anthroposophisch geprägt und damit Teil einer esoterischen Weltanschauung, die auch in der Medizin durch die sogenannte anthroposophische Medizin wirksam wird. Auch die H:G Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin bietet einen Bachelorstudiengang Komplementärmedizin an, der explizit an Heilpraktiker-Adressaten gerichtet ist. Die Steinbeis-Hochschule Berlin, eine dezentrale Privathochschule mit über 100 Transferinstituten, listet bislang Studiengänge wie „Complementary Medicine and Management“ mit Vertiefungen in Homöopathie, TCM oder Osteopathie. 2014 wurde ein geplanter Studiengang nach öffentlicher Kritik jedoch eingestellt. Die Hochschule reagierte mit einer internen Überprüfung und strich den Begriff „Homöopathie“ von mehreren Webseiten.

Universitäre Zentren und ihre Forschungsschwerpunkte

An der Charité Berlin wurde bis 2013 das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie durch Claudia Witt geleitet, die eine Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin innehatte. Die Professur war mit einer Million Euro durch die Carstens-Stiftung finanziert. Aktueller Leiter ist Benno Brinkhaus. Das Institut führt Forschung zu Akupunktur, Homöopathie und weiteren alternativen Verfahren durch. Auch die Universität Freiburg betreibt ein „Uni-Zentrum Naturheilkunde“, in dem unter anderem Eigenbluttherapie, Misteltherapie bei Tumoren oder Hyperthermie angeboten werden. Forschungsprojekte umfassen Studien zu augmentativer Akupunktur, zur Wirkung von Mistelpräparaten oder zum Schröpfen. Teilweise werden dort Methoden eingesetzt, deren Wirksamkeit in internen Untersuchungen nicht belegt werden konnte. Die Universität Bern unterhält mit der KIKOM (Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin) eine außerordentliche Professur, die von mehreren Dozenten gemeinsam besetzt wird. Forschung wird etwa zu Homöopathie bei ADHS oder zur Neuraltherapie durchgeführt.

Kritik an wissenschaftlichen Standards

Die Integration komplementärmedizinischer Inhalte in universitäre Lehre und Forschung stößt auf wiederholte Kritik. Wissenschaftliche Begutachtungen, etwa durch die Hochschulstrukturkommission des Landes Brandenburg, monieren mangelnde wissenschaftliche Fundierung. So empfahl die Kommission der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) 2012, den Masterstudiengang „Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin“ einzustellen. Die Kritik richtete sich gegen fehlende Evidenz und gegen die Nähe zu esoterischen Weltbildern. Auch die Universität Freiburg geriet in die Kritik, weil sie einen spirituellen Zusatzstudiengang „West-Östliche Weisheit“ anbot, der überwiegend online absolviert werden kann und von einer Stiftung finanziert wird, die dem ehemaligen Zen-Pater Willigis Jäger nahesteht. An der Universität Bonn sind Inhalte wie Tuina, Schröpfen oder Moxibustion fester Bestandteil des Querschnittsbereichs „Rehabilitation, Physikalische Medizin und Naturheilverfahren“, der für Medizinstudierende verpflichtend ist. Kritiker sprechen von „Esoterikzwang“ in der Ausbildung.

Österreich und die Schweiz

In Österreich bietet das Interuniversitäre Kolleg für Gesundheit und Entwicklung in Graz die Masterlehrgänge „Health Sciences“ und „Child Development“ an, die stark auf komplementäre und psychosoziale Ansätze fokussiert sind. Die Lehrgänge sind berufsbegleitend und als Fernstudien konzipiert. In der Schweiz wurde 1995 an der Universität Bern die KIKOM gegründet, nachdem eine Volksinitiative die Einrichtung eines Lehrstuhls für Naturheilverfahren gefordert hatte. Die KIKOM ist keine vollwertige Professur, sondern eine außerordentliche Stelle, die von mehreren Dozenten geteilt wird. Sie bietet Lehrveranstaltungen, Weiterbildungen und Forschungsprojekte zu alternativen Heilmethoden an. Die Einrichtung ist politisch gewollt, steht aber ebenfalls unter wissenschaftlicher Beobachtung.

Weblinks

  1. Zeit Online: Wehe! Wehe! Homöopathie, Akupunktur, Ayurveda – der Aberglaube frisst die moderne Medizin
  2. Spiegel Online: Esoterik an der Fachhochschule – Wünschel Dir was
  3. Süddeutsche Zeitung: Esoterik an deutschen Hochschulen – Lasst die Nymphen tanzen!

Einzelnachweise

  1. Abschlussbericht der Hochschulstrukturkommission des Landes Brandenburg vom 8. Juni 2012