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Hartmut Müller

Aus Faktenradar

Der 1954 geborene Deutsche propagierte die Theorie des „Global Scaling“ und gründete Firmen sowie Ausbildungsangebote. 2012 wurde er wegen Betrugs zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt, floh und wurde später in Brasilien festgenommen.

Karriere und Promotion einer alternativen Weltformel

Karriere und Promotion einer alternativen Weltformel

Hartmut Müller, geboren am 22. Dezember 1954 in Hildburghausen, bezeichnete sich als Philosoph und Wissenschaftler. Nach eigenen Angaben lehrte er bis 1991 an russischen Hochschulen, ohne ein abgeschlossenes Physik- oder Mathematikstudium nachweisen zu können. Das von ihm entwickelte Konzept „Global Scaling“ behauptet, ein universelles Prinzip zu erkennen, das alle physikalischen und biologischen Prozesse durch bestimmte Zahlenverhältnisse steuere. Ab 2000 veröffentlichte er populärwissenschaftliche Artikel, später erschienen Beiträge in dem alternativen Online-Journal Progress in Physics, das formale Begutachtungsverfahren offenbar nicht durchführt. Die Moskauer „Internationale Interakademische Vereinigung“ zeichnete ihn 2004 mit dem „Vernadski-Stern“ aus; diese Organisation gilt jedoch als sogenannte Titelmühle ohne akademische Anerkennung.

Kommerzielle Netzwerke und Anlegergelder

Kommerzielle Netzwerke und Anlegergelder

Müller nutzte seine Theorie als Markenzeichen. 2003 ließ er die Wortmarke „Global Scaling“ auf die Institut für Raumenergieforschung in memoriam Leonhard Euler GmbH (IREF) eintragen, die später in Global Scaling Research Institute GmbH (GSRI) umbenannt wurde. Das Unternehmen bot Seminare, Geräte und Lizenzrechte an, zugleich warb Müller als „President“ der University of Global Scaling LLC in Santa Fe (USA) um internationale Kundschaft. Rund 3.000 Kleinanleger investierten zwischen 2003 und 2011 geschätzte fünf Millionen Euro in angebliche Gravitationswellen-Technologien, die nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft nicht funktionierten. Als die GmbH 2013 vermögenslos abgewickelt wurde, existierten kaum greifbare Vermögenswerte mehr.

Gerichtsverfahren, Flucht und Auslieferung

Gerichtsverfahren, Flucht und Auslieferung

Im Januar 2011 erhob die Dresdner Staatsanwaltschaft Anklage wegen gewerbs- und bandenmäßigen Anlagebetrugs sowie Beihilfe. Das Landgericht Dresden verurteilte Müller im Februar 2012 in Abwesenheit zu vier Jahren und fünf Monaten Haft. Kurz vor dem Urteil war der Angeklagte geflohen; ein Bewährungsangebot hatte er zuvor ausgeschlagen. Internationale Fahndung führte am 23. Oktober 2012 zu seiner Festnahme in Florianópolis, Brasilien. Das brasilianische Oberste Bundesgericht stimmte am 11. Juni 2013 der Auslieferung an Deutschland zu. Ein geplanter Auftritt 2015 auf einer Konferenz der „Russian Gravitational Society“ in Moskau blieb ohne offizielle Teilnahme, da Müller nicht als Referent registriert war. Seitdem veröffentlichte er vereinzelt Aufsätze, die weiterhin auf das Global-Scaling-Konzept rekurrieren.

Veröffentlichungen

  • Hartmut Müller: „Schwerkraft-Signale aus dem All empfangen“, Raum & Zeit 104/2000

Einzelnachweise

  1. Thomas Schade: Die Verlockungen des Universums, Sächsische Zeitung, 10. Jan. 2011
  2. Betrug mit „Gravitationswellen“: Erfolgreich, aber erfunden, FAZ.net, 21. Apr. 2012
  3. Brazil arrests German conman over pseudo-science fraud, BBC News Latin America, 25. Okt. 2012