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Hans Joachim Kempe

Aus Faktenradar

Hans Joachim Kempe präsentiert sich als Erfinder, Wissenschaftler und adeliger Diplomat. Doch viele seiner Titel und Behauptungen sind umstritten oder widerlegt. Seine Geschäfte mit alternativen Heilgeräten führten bereits vor Gericht.

Vielfältige Selbstdarstellung und angebliche Titel

Vielfältige Selbstdarstellung und angebliche Titel

Hans Joachim Kempe, geboren am 2. November 1946 in Deutschland, tritt seit Jahren unter wechselnden Identitäten auf. In Eigenangaben nennt er sich unter anderem „Graf von Roit zu Hoya“, „Senior Bishop“ einer philippinischen Kirche oder „Director General“ einer Diplomatic Corps Ltd. mit Sitz in London. Kempe beansprucht sowohl die deutsche als auch die venezolanische Staatsangehörigkeit und gibt an, Sohn eines sowjetischen Generals zu sein. Eine Reihe von Briefkastenfirmen in Großbritannien – etwa die „Kingdom of Germany Diplomatic Corps Ltd.“ oder die „United Heritage Protection Organization (Diplomatic Corps) Ltd.“ – wurden mittlerweile aufgelöst. Auch eine angebliche Regentschaft über die „Föderated Sultanates of the Philippines“ auf Mindanao wird von Kennern völkerrechtlich nicht anerkannt und findet sich in keiner offiziellen Dokumentation wieder. In adligen Kreisen war Kempe zeitweise als Gutachter tätig, wurde dort aber nach Angaben eines deutschen Adelsverbandes wegen „grober Verfehlungen“ entlassen. Parallel bedient er sich weiterer Titel wie „Atomphysiker“, „Diabetologe“ oder „ehemaliger Mitarbeiter der NASA“, ohne dass belastbare Belege öffentlich einsehbar wären.

Karriereweg und Ausbildungsangaben

Karriereweg und Ausbildungsangaben

Nach einer Lehrzeit als Werkzeugmacher 1964 floh Kempe 1972 aus der DDR und wurde nach 16-monatiger Haft durch die Bundesrepublik freigekauft. Er reiste über Venezuela in die USA, wo er laut Eigenangaben im Pipelinebau arbeitete und später angeblich in Caracas Atomphysik studierte. Zwischen 1981 und 1991 behauptet er, im amerikanischen Flugzeugbau tätig gewesen zu sein, während er gleichzeitig Theologie studiert und ein 40-köpfiges Unternehmen geleitet haben will. Ab 1991 widmete er sich in Kalifornien Bioresonanzverfahren und wurde Vizepräsident der „Compumedic Lab Inc.“. Dort entwickelte er nach eigenen Angaben die „Cium-Frequenztherapie“ (CIUM = „Creative Intelligent Universal Matter“). Als akademischen Abschluss führt er einen „Doctor of Naturopathy“ des Clayton College of Natural Health aus dem Jahr 1989 an. Die Fernhochschule galt als Titelmühle und ist mittlerweile geschlossen. Ein deutsches Medizinstudium oder eine Approbation als Arzt liegt nicht vor; entsprechend ist Kempe juristisch Medizinlaie.

Netzwerke, Titelmühlen und dubiose Organisationen

Netzwerke, Titelmühlen und dubiose Organisationen

Kempes Vita ist gespickt mit Verweisen auf internationale Institutionen. Er nennt sich Vizepräsident der belgischen „European Academy of Informatization“, Präsident der Schweizer PRIME International AG und Mitglied des „Board of Trustees“ einer „Irish International University“. Beide Hochschulen tauchten wiederholt in Zusammenhang mit sogenannten Titelmühlen auf. Auch eine „National Academy of Higher Education“ (NAHE), für die Kempe als Domaininhaber auftritt, pflegte Kontakte zur inzwischen geschlossenen St. Regis University, deren Betreiber wegen Urkundenfälschung verurteilt wurden. Weitere Verbindungen bestehen zu Einrichtungen wie der „American Coastline University“ und der „International University of Fundamental Studies“. In Russland behauptet Kempe, für die Duma im „Committee of Foreign Relation“ und in einem „National Security Council“ tätig zu sein. Auch eine liberianische Regierungsdelegation bei der „United Humanitarian Organization“ führt ihn als „chargé d’affaires“; diese Organisation steht im Verdacht, Diplomatenpässe und Führerscheine kleinerer Staaten gegen Geld zu vergeben.

Cium-Frequenztherapie und Genopuls-Produkte

Zentrale Geschäftsfelder bilden Geräte zur „Cium-Frequenztherapie“ und das „Genopuls“-System. Kempe bewirbt Wellness-Kabinen, Ultraschall-Geräte („Geno62-Sonic“) und Produkte wie „VitaWave 1188“ oder „CIUM-Geno62“ mit angeblichen Heilwirkungen bei Krebs, Diabetes und Epilepsie. Das batteriebetriebene „Geno62-Sonic“ überträgt modulierte Ultraschallwellen über Hautpads; Nutzer sollen „über die Haut hören“ und so „Blockaden lösen“. Ein 2018 vor dem Amtsgericht Westerburg verhandelter Fall betraf genau dieses Gerät. Kempe beliefert seine Kunden über die Firmen Audivo GmbH und zuvor Torkine; das Gerät entspricht technisch dem „uSonic 700N“, der auch unabhängig von Kempe vertrieben wird. Die Hersteller versprechen „entspannte Konzentration“ durch Rosa-Rauschen, Isochronic Beats und subliminale Botschaften. Wissenschaftlich anerkannte Studien zur Wirksamkeit liegen nicht vor. Dennoch erklärt Kempe, durch „Frequenzen“ versehentlich Lungenkrebs ausgelöst und sich anschließend selbst geheilt zu haben.

Prozess, Kritik und öffentliche Empörung

2018 musste sich ein YouTube-Betreiber vor dem Amtsgericht Westerburg verantworten, weil er das Geno62-Sonic in Videos als Wundergerät gegen Krebs und Epilepsie bewarb. Kempe selbst trat als Zeuge auf und verteidigte seine Theorien. Richter und Staatsanwaltschaft zeigten sich skeptisch; die Verhandlung endete in einem Schuldspruch wegen unerlaubter Heilmittelwerbung. Zuvor hatte bereits Peter Fitzek, selbst Betreiber des „Königreich Deutschland“, Kempe aus seinem Projekt ausgeschlossen und ihn als „Alkoholiker“ mit „gekauften Titeln“ bezeichnet. Auch Fachmedien und Wissenschaftsjournalisten kritisieren Kempes Behauptungen als Pseudowissenschaft. So verbreitete er in einer neunteiligen Videoreihe die These, GPS-Satelliten verursachten Diabetes bei Kindern. Als Beleg präsentierte er ein Diagramm, das lediglich die Gesamtzahl aller jemals gestarteten Satelliten – inklusive Sputnik 1957 – mit der Diabetes-Häufigkeit korrelierte. Tatsächlich ist die Feldstärke von Navigationsfunk auf der Erdoberfläche extrem gering und liegt laut Fachliteratur bei etwa 30 Femtowatt pro Quadratmeter.

Aktuelle Aktivitäten und Umgang mit MMS

In jüngeren Jahren engagiert sich Kempe als Befürworter des sogenannten „Miracle Mineral Supplement“ (MMS), eines Chlordioxid-haltigen Produkts, das weltweit als gesundheitsgefährlich eingestuft wird. Unter dem Pseudonym „Hans46“ wirbt er im „HPC Health Privatier Club“ für dessen Anwendung. Parallel betreibt er das „IFAA Institut für die Anerkennung von Adelsnachweisen“, das gegen Gebühr angebliche Titelurkunden erstellt. In Deutschland leitet er die „Forschungszentrum Prof. Hans-J. Kempe GbR“ in Bücken, wo er Vorträge und Schulungen zu seinen alternativen Heilmethoden anbietet. Trotz wiederholter juristischer Rügen und wissenschaftlicher Widerlegungen vermarktet Kempe seine Geräte und Theorien unvermindert über Online-Kanäle und Partnernetzwerke. Die Geschäfte mit Hoffnung suchenden Menschen bleiben lukrativ: Allein für das Geno62-Sonic werden je nach Vertriebspartner Preise zwischen einigen hundert und mehreren tausend Euro aufgerufen.

Weblinks

  1. Rhein-Zeitung zum Prozess wegen Geno62-Sonic
  2. Main-Post über das IFAA Institut für Adelsnachweise
  3. Blogbeitrag zu Restmengen-Verkauf des Geno62-Sonic