HHO
Unter Bezeichnungen wie Browns Gas oder Hydroxygas wird ein explosionsfähiges Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch propagiert, das angeblich Wunderwirkungen entfalte. Was steckt hinter dem Begriff, und warum halten sich die Mythen?
Vom Knallgas zum Browns Gas – eine Begriffsgeschichte

Das Gemisch aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff ist seit mehr als 200 Jahren als Knallgas bekannt. Es lässt sich durch Elektrolyse von wässrigen Lösungen gewinnen und reagiert unter starker Explosion zu Wasser. Seit den 1960er-Jahren vermarktete der in Bulgarien geborene Elektrotechniker Ilya Velbov, der sich Yull Brown nannte, Elektrolyseure, die das Gas als „Browns Gas“ ausgaben. Brown beanspruchte 1977 ein US-Patent für sein Schweißgerät, das mit dem Gas arbeitete. In alternativen Szene wurde daraus rasch die Vorstellung eines „neuen“ Stoffs mit außergewöhnlichen Eigenschaften – obwohl chemisch nichts anderes vorliegt als das klassische Knallgas. Die Bezeichnungen HHO, Rhode’s Gas oder Green Gas verstärken bis heute den Eindruck eines speziellen Wirkstoffs.
Physikalisch-chemische Grundlagen und technische Nutzung

Knallgas entsteht, wenn in einer wasserhaltigen Zelle Gleichstrom fließt und an der Kathode Wasserstoff sowie an der Anode Sauerstoff abgeschieden werden. Ohne Trennung der Gase ergibt sich ein stoichiometrisches Gemisch mit einem Zündbereich von 4–77 Vol.-% Wasserstoff in Luft; die heftigste Detonation erfolgt bei 66 Vol.-%. Die Reaktionsenthalpie beträgt 241 kJ je Mol Wasser, was einer Flammentemperatur von etwa 2.800 °C gleichkommt. Industriell nutzt man die hohe Flammentemperatur gezielt beim autogenen Schneiden von Metallen, doch setzte sich das Verfahren wegen der Explosionsgefahr und der teuren Sicherheitseinrichtungen nur in Nischen durch. Für das Schweißen von Stahl hat sich Acetylen oder das elektrische Schutzgas-Schweißen als wirtschaftlicher etabliert.
Freie-Energie-Vorstellungen und Autogasanwendungen

In Internetforen wird wiederholt behauptet, die Verbrennung von HHO entfalte „mehr Energie, als zur Elektrolyse nötig sei“. Daraus leiten Anhänger der „freien Energie“ ab, ein Fahrzeug könne sich über einen geschlossenen Kreislauf mit Wasser betreiben. US-Verbraucherschützer ließen 2008 mehrere sogenannte HHO-Booster prüfen, bei denen ein kleiner Elektrolyseur Knallgas aus Wasser bildet und dem Ansaugluftstrom des Motors beigemischt wird. Die Messungen ergaben keinerlei Kraftstoffersparnis; der Mehrverbrauch an Benzin entstand, weil die Lichtmaschine den Elektrolyseur mit Strom versorgte. Dennoch werden weltweit Bausätze unter Namen wie „Water4Gas“ oder „Hydroxy Fuel Saver“ vertrieben. In Deutschland warb etwa die Jülicher Clean World Energies GmbH mit solchen Produkten. Tests von „Popular Mechanics“, US-Fernsehsendern und Verbraucherorganisationen zeigten durchweg negative Effekte oder Schäden an Batterie und Motorsteuerung.
Mythen zu Transmutation, Strahlenschutz und Medizin
Noch weiter gehen Spekulationen, eine HHO-Flamme könne durch „kalte Fusion“ radioaktive Stoffe transmutieren und deren Aktivität um bis zu 95 % senken. Solche Behauptungen finden sich in Publikationen, die das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit 2005 als „unkonventionelle Ansätze“ aufführte, wissenschaftlich jedoch nicht bestätigt wurden. In der Pandemiezeit 2020/21 kursierte zudem der Vorschlag, COVID-19-Patienten könnten mit Knallgas beatmet werden – ein Verfahren, das wegen der Explosionsgefahr im Beatmungssystem als lebensgefährlich gilt. Keine dieser Ideien wurde in unabhängigen Experimenten reproduziert.
Energiebilanz und ökonomische Betrachtung
Die Elektrolyse benötigt nach Stand der Technik 4,3–4,9 kWh je Kubikmeter Wasserstoff; große Hochtemperatur-Anlagen erreichen 70–80 % Wirkungsgrad. Die anschließende Rückverstromung in einem Ottomotor wandelt nur etwa 30 % der chemischen Energie in Bewegung um. Unter dem Strich verbleiben rund 20 % des ursprünglichen elektrischen Energieeintrags – ein Wert, der durch zusätzliche Verluste bei Generator, Elektronik und Gaslagerung weiter sinkt. Wirtschaftlich ist heute die konventionelle Wasserstoffgewinnung aus Erdgas; die direkte Elektrolyse lohnt sich nur bei Überschussstrom aus erneuerbaren Quellen. Die These, mächtige Konzerne würden ein „einfaches Wasserauto“ verhindern, lässt sich angesichts öffentlich zugänglicher Patente und der klaren thermodynamischen Grenzen nicht aufrechterhalten.
Weblinks
- Knallgas – Eigenschaften und Sicherheitshinweise (Universität Heidelberg)
- Elektrolyse von Wasser (Wikipedia)
- Hydrogen fuel enhancement (Wikipedia)