Entschlackung
Ob Detox-Tee, Basenfasten oder Schröpfen – die Idee, den Körper von „Schlacken“ zu befreien, erlebt regelmäßige Hochkonjunktur. Doch was steckt hinter dem Konzept, und welche Verfahren halten einer wissenschaftlichen Überprüfung stand?
Historische Wurzeln und Begriffsverwirrung

Der Begriff „Schlacke“ stammt ursprünglich aus der Metallurgie und bezeichnet feste Reststoffe nach Verbrennungs- oder Schmelzprozessen. Erst 1935 verwendete der deutsche Arzt Otto Buchinger das Wort im medizinischen Kontext, um während Heilfastenkuren vermeintlich abgelagerte Stoffwechselprodukte zu beschreiben. Seitdem kursiert die Vorstellung, der menschliche Organismus sammle toxische Rückstände („Schlacken“), die gezielt ausgeleitet werden müssten. Eine einheitliche Definition, welche chemischen Substanzen genau gemeint sind, existiert bis heute nicht. Im Alternativmilieu werden unter „Schlacken“ häufig unspezifische „Giftstoffe“ subsumiert, ohne dass diese benannt oder messbar wären. Damit steht das Kontrastprogramm zur wissenschaftlichen Medizin: Dort sind potenziell schädliche Stoffwechselprodukte wie Ammoniak bekannt, ihre Konzentration lässt sich quantifizieren und bei Bedarf mit bewährten Verfahren wie der Dialyse senken.
Methodenvielfalt zwischen Wellness und Risiko

Die Palette angeblicher Entgiftungsmaßnahmen reicht von harmlosen Wellness-Anwendungen bis zu invasiven Maßnahmen. Zu den verbreiteten Verfahren zählen Entgiftungspflaster, Ölziehen, Schröpfen, Kaffee-Einläufe, Schwitzkuren sowie Rohkost- oder Basenfasten-Kuren. Teilweise werden auch medizinisch-indizierte Techniken wie die Chelattherapie oder die Gabe von DMPS und DMSA zur Schwermetallausleitung außerhalb ihrer Zulassung propagiert. Kommerziell vertrieben werden zudem Detox-Fußbäder, Algenpräparate, mineralstoffarmes Wasser und spezielle Geräte, die mit pulsierendem Gleichstrom angeblich „Gifte“ ausleiten sollen. Obwohl einzelne Methoden – etwa das Schwitzen in der Sauna – allgemein positive Effekte auf das Wohlbefinden haben können, fehlt für keines dieser Verfahren ein wissenschaftlicher Nachweis einer gezielten Schlacken-Elimination. Die meisten Anbieter nennen zudem keine konkreten Stoffe, die ausgeleitet werden sollen.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Gerichtsentscheidungen

Werbeaussagen mit Begriffen wie „Detox“, „Entgiften“ oder „Entschlacken“ unterliegen seit 2017 einer klaren Rechtslage. Der Bundesgerichtshof urteilte damals, dass solche Aussagen die europäische Health-Claims-Verordnung (VO (EG) Nr. 1924/2006) erfüllen müssen. Demnach dürfen nur noch zugelassene, wissenschaftlich belegte Gesundheitsbehauptungen verwendet werden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) listet „Detox“ und Synonyme wie „Cleansing“ oder „Purification“ als gesundheitsbezogene Angaben, für die bislang kein Lebensmittel, keine Zutat und kein Stoff eine positive Bewertung erhalten hat. Firmen, die unzugelassene Versprechen verwenden, riskieren Abmahnungen und ein Werbeverbot. Verbraucherschützer werfen der Branche vor, mit unscharfen Begriffen Angste zu schüren und anschließend teils wirkungslose Produkte zu verkaufen.
Fachliche Einschätzung und Risiken für Gesunde
Ernährungswissenschaftler und Toxikologen betonen, dass Leber, Niere, Lunge und Darm gesunde Menschen zuverlässig vor Schadstoffen schützen. Die Vorstellung, der Körper müsse durch externe Maßnahmen „entlastet“ werden, entbehre nach derzeitigem Erkenntnisstand jeder Grundlage. Kritiker warnen zusätzlich vor möglichen Nebenwirkungen: Intensive Fastenkurkuren können Elektrolytverschiebungen auslösen, unkontrollierte Abführmittel zu Flüssigkeitsverlust und Darmirritation führen. Die Amalgamentfernung ohne medizinische Indikation birgt Zahnstrukturschäden, hochdosierte Chelatbildner können Nieren belasten. Selbst harmlos erscheinende Maßnahmen wie Dauerduschen strapazieren Haut und Wasserhaushalt. Die Sendung WISO (ZDF, 21. Juli 2008) kam bei der Untersuchung des Präparats Froximun mit dem Mineral Klinoptilolith zu dem Ergebnis, dass keine belegbare Ausleitung stattfindet. Der Münchner Ernährungswissenschaftler Georg Wechsler stellte in der Reportage fest, die gefürchteten „Schlacken“ würden erst durch das Fasten selbst entstehen – ein Zirkelschluss, der die Sinnhaftigkeit infrage stellt.