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Elektrosensibilität

Aus Faktenradar

Etwa ein bis zwei Prozent der deutschen Bevölkerung berichten über Beschwerden, die sie auf elektromagnetische Felder zurückführen. Die medizinische Forschung findet dafür jedoch keinen nachweisbaren Zusammenhang.

Begriffe und Abgrenzung

Begriffe und Abgrenzung

Unter Elektrosensibilität – in der englischsprachigen Literatur „electromagnetic hypersensitivity“ (EHS) – versteht man die Selbstbeobachtung körperlicher oder psychischer Symptome, die auf die Wirkung schwacher elektromagnetischer Felder zurückgeführt werden. Die Betroffenen reagieren nach eigener Aussage auf Alltagsquellen wie Mobilfunkbasisstationen, WLAN-Router, DECT-Schnurlostelefone oder Haushaltsstrom. Die wissenschaftliche Fachsprache spricht bei möglichen Wechselwirkungen zwischen biologischem Gewebe und technischen Feldern von „elektromagnetischer Umweltverträglichkeit“ (EMVU). Dabei werden ausschließlich sogenannte athermische Effekte diskutiert, also solche, die nicht durch Erwärmung erklärbar sind. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) führt seit 2005 unter der Ziffer Z58.4 „Probleme mit Bezug zur physikalischen Umwelt – Exposition gegenüber Strahlung“ Beschwerden auf, ohne ein eigenständiges Krankheitsbild anzuerkennen. Die deutsche Modifikation ICD-10-GM listet Elektrosensibilität seit 2004 unter Z58 „Kontaktanlässe mit Bezug zur physikalischen Umwelt“. Zwischen 2000 und 2012 wurde diese Diagnose in Deutschland lediglich sieben Mal offiziell erfasst – alle Fälle stammen aus dem Jahr 2006.

Häufigkeitsangaben und regionale Unterschiede

Häufigkeitsangaben und regionale Unterschiede

Die geschätzte Prävalenz schwankt je nach Befragungsmethode erheblich. Arbeitmediziner gehen von wenigen Fällen pro Million Einwohner aus, während Selbsthilfegruppen von zwei bis zehn Prozent der Bevölkerung sprechen. Eine 2004 durchgeführte bundesweite Telefonstichprobe bei 30 047 Personen im Alter von 14 bis 69 Jahren ergab, dass 9,5 Prozent der Befragten Mobilfunk als gesundheitlich belastend einstuften. Dabei zeigte sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: In Mecklenburg-Vorpommern berichteten 6,2 Prozent über entsprechende Beschwerden, in Bayern 13,0 Prozent. Für diese Verteilung gibt es keine Parallele in der tatsächlichen Sendeleistung oder der Dichte von Mobilfunkanlagen. Auch zwischen Skandinavien und Mitteleuropa bestehen unterschiedliche Häufigkeitsmuster, während in Großbritannien, Österreich oder Frankreich seltener Klagen auftreten.

Weblinks

  1. Stern: Elektrosensibilität – ein Leben im Funkloch
  2. Spiegel Wissenschaft: Studie zur Elektrosensibilität

Veröffentlichungen

  • Rubin GJ, Das Munshi J, Wessely S. Electromagnetic hypersensitivity: a systematic review of provocation studies. Psychosom Med. 2005;67(2):224-32.
  • Röösli M. Radiofrequency electromagnetic field exposure and non-specific symptoms of ill health: A systematic review. Environmental Research. 2008;107(2):277-87.
  • Hug K, Röösli M. Elektromagnetische Hypersensibilität. Bewertung von wissenschaftlichen Studien. Umwelt-Wissen Nr. 1218, Bundesamt für Umwelt, Bern.
  • Maël Dieudonné: Does electromagnetic hypersensitivity originate from nocebo responses? Indications from a qualitative study. Bioelectromagnetics, 2016, doi: 10.1002/bem.21937.

Einzelnachweise

  1. RKI-Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“: Melatonin in der umweltmedizinischen Diagnostik im Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern. Bundesgesundheitsbl 2005;48:1406-8.
  2. Frey AH. Human auditory system response to modulated electromagnetic energy. J Appl Physiol 1962;17(4):689-92.