EGM international
Die Papenburger EGM International GmbH versprach mit einem „Wirbelwandler“ Wasser in Diesel zu verwandeln – und stieß auf Investoren, Gutachten sowie strafrechtliche Ermittlungen.
Gründung, Firmengeflecht und erste Öffentlichkeit

1999 gründete Wolfgang Gesen in Papenburg die Middle East-Europe-Link Trading GmbH, die später als EGM International GmbH, EGM Environmental Solutions GmbH oder auch Ecobound firmierte. Sitz aller Varianten ist die Siemensstraße 7–9 im niedersächsischen Papenburg. Nach eigenen Angaben entwickelt und vermarktet das Unternehmen „neue und innovative Technologien“, wobei sich die Geschäftstätigkeit in Jahresabschlüssen kaum messbar niederschlägt: Löhne und Gehälter werden seit Jahren mit null Euro ausgewiesen. Die EGM ist eine Ausgründung der Pagatec Group, die selbst mit Kaffeeautomaten handelt. Zwischen beiden Firmen bestehen Kreditbeziehungen, konkrete Umsätze mit dem angeblichen Umwelttechnik-Geschäft sind jedoch nicht dokumentiert. Trotzdem fand das Unternehmen schnell Investoren: Einem Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung zufolge stammten mehrere Millionen Euro aus dem Emirates Investment House in Abu Dhabi. Auch staatliche Würdigung blieb nicht aus: Im Rahmen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Christian Wulff wurde EGM 2010 mit einem der bundesweiten „Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet.
Das Wirbelwandler-Verfahren: Versprechen und physikalische Kritik

Kern der Selbstdarstellung ist ein patentiertes „Wirbelwandlerverfahren“. In einem hyperbolischen Trichter soll Wasser zu einem kraftvollen Strahl verdreht werden, wobei Kohlendioxid zugeführt und dauerhaft gebunden wird. Das Resultat: angeblich eine ölartige Flüssigkeit, die sich 1:1 oder besser 1:3 mit konventionellem Diesel mischen lässt. EGM versprach 70 Prozent Kostenersparnis und einen Beitrag zum Klimaschutz, weil das Verfahren CO2 „recycelt“. Konkret gibt das Unternehmen an, 337 mg Kohlenstoff pro Liter Wasser zu lösen – umgerechnet 1,24 g CO₂/l, ein Wert deutlich unter der natürlichen Löslichkeitsgrenze von 1,7 g/l und damit geringer als in handelsüblichem Mineralwasser. Für die Bindung der 2,33 kg CO₂, die beim Verbrennen eines Liters Benzin entstehen, wären nach dieser Rechnung rund zwei Tonnen Wasser nötig. Die Mischung werde zudem als Dünger angepriesen, weil das CO₂-angereicherte Wasser Pflanzenwachstum „um bis zu 600 Prozent“ steigere. In der Fachliteratur findet sich dafür keine Bestätigung. Das Verfahren beruft sich auf Viktor Schauberger, einen österreichischen Förster, der Wirbeln mystische Eigenschaften zuschrieb. Mit der konventionellen Wassereinspritzung zur Klopfbegrenzung oder mit stabilen Wasser-Diesel-Emulsionen wie dem französischen Kraftstoff „Aquazole“ hat die EGM-Idee technisch nichts gemein; jene Verfahren nutzen maximal 15 Prozent Wasser und erreichen lediglich geringe NOₓ-Minderungen bei gleichzeitigem Leistungsverlust.
Gutachten, wissenschaftliche Berater und unklare Titel
Zur Untermauerung ihrer Behauptungen beauftragte EGM mehrere Gutachten. Prof. Dr. Konstantin Meyl (Hochschule Furtwangen) und Prof. Dr.-Ing. Dirk Freese (Brandenburgische Technische Universität Cottbus) traten als „Scientific Advisors“ auf und sprachen auf Esoterik-Tagungen über die Wirbeltechnologie. Freeses Messbericht bestätigte zwar das Mischverhältnis, konnte die Wirkung jedoch nicht physikalisch erklären. Die Universität der Vereinigten Arabischen Emirate analysierte gelieferte Kraftstoffproben mit Standardmethoden, ohne das Wirbelprinzip zu bewerten. Die Ingenieurgesellschaft Zech dokumentierte 2009, dass sich Rapsöl und Wasser im Verhältnis 1:3 vermischen ließen, schlussfolgerte aber auf Seite 33: „Die Ergebnisse … sind nach physikalischen und chemischen Grundsätzen von uns nicht erklärbar“. Ein weiteres Gutachten stammte 2012 von Karl Kautz (ehemals TU Clausthal) und Harald Kautz-Vella, das mit Begriffen wie „skalare Elektrodynamik“, „Global Scaling“ und „rückwärts laufender Zeit“ arbeitete und in Fachkreisen als pseudowissenschaftlich gilt. Die auf EGM-Webseiten genannten „Key Scientists“ Prof. Wilhelm Kosov und Prof. Viktor Klauser lassen sich in akademischen Datenbanken nicht nachweisen; in der Neuen Osnabrücker Zeitung tauchen stattdessen die Namen Vilgem Kosow (angeblich aus Moldawien) und Viktor Klausner (Bonn) auf. Laut einem Spiegel-Bericht führte ein vermeintlicher „Prof. Dr. Dr.“ aus Sibirien Vorführungen durch, obwohl ihm der akademische Grad fehlt.
Patentlage, Gerichtsverfahren und strafrechtliche Ermittlungen
Am 11. September 2008 meldete EGM beim Deutschen Patent- und Markenamt die Offenlegungsschrift DE 102008046889 A1 an: „Hyperbolischer Trichter“ mit bestimmten Aspektverhältnissen. Das Deutsche Patentamt lehnte die Erteilung wiederholt ab; in der letzten Prüfungsmitteilung vom 28. Mai 2013 hieß es, „eine Patenterteilung kann nicht in Aussicht gestellt werden“. Mitte 2015 erstattete eine chinesische Firmengruppe Anzeige wegen Betrugs und forderte 3,25 Millionen Euro Schadenersatz, weil die versprochene Technologie nicht geliefert worden sei. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück durchsuchte im August 2017 die Papenburger Geschäftsräume; die Ermittlungen dauern an. Seitdem berichteten regionale Medien wie Ostfriesland-Zeitung und Nordwest-Zeitung von einem „Wirtschaftskrimi“ um die angebliche Wundermaschine. Die Internetpräsenz von EGM ist inzwischen nur noch fragmentär erreichbar, Probefahrten oder Kundenreferenzen werden nicht dokumentiert.
Einordnung: Was bleibt vom „Papenburger Kraftstoff“?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Unternehmen mit markanten Versprechen Aufmerksamkeit erzeugte, aber keine unabhängige wissenschaftliche Studie die Energiebilanz oder die CO₂-Bindung bestätigt. Die dokumentierten CO₂-Lösemengen sind technisch irrelevant, die Mischbarkeit von Wasser und Öl allein belegt keine Kraftstoff-Transmutation. Mehrere Gutachten bestätigen lediglich, dass Emulsionen entstehen, nicht aber, dass sich dabei Energie oder Masse vermehrt – ein Verstoß gegen den Energieerhaltungssatz. Die ausgebliebene Patenterteilung, fehlende Lohnaufwendungen, dubiose Titelträger und laufende Betrugsermittlungen lassen die ursprüngliche Darstellung als unhaltbar erscheinen. Regionale Wirtschaftsförderung und politische Ehrungen wurden zurückgenommen, Investoren fordern ihr Geld. Somit bleibt vom „Wirbelwandler“ vor allem ein Beispiel dafür, wie Mischungen aus Esoterik, Energieversprechen und mangelnder Prüfung zu millionenschweren Investitionen führen können, ohne physikalisch tragfähige Grundlagen zu besitzen.
Weblinks
- Neue Osnabrücker Zeitung: Millionen-Wirbel um den Wirbelwandler
- Spiegel Print: Hintergründe zum wissenschaftlichen Direktor der EGM
- Ostfriesland-Zeitung: Durchsuchungen im Wasserdiesel-Streit
- DPMA-Publikation DE102008046889A1
Veröffentlichungen
- Kautz, Karl; Kautz-Vella, Harald: Gutachten zur Herstellung von Ecofuel-Heizöl, -Jetfuel und -Diesel nach der EGM-Wirbelwandler-Technologie
- Meyl, Konstantin: Vortrag zur Wirbeltechnologie, Frankfurt
- Freese, Dirk: Messbericht zur Wirbelwandler-Technologie, BTU Cottbus