Die Bandbreite
Seit 1999 tritt das Duisburger Hip-Hop-Duo „Die Bandbreite“ auf – zunächst regional, dann in der deutschsprachischen Verschwörungsszene. Lieder leugnen den 11-September-Anschlag, verharmlosen den Nationalsozialismus oder verbreiten antisemitische Stereotype. Chronologie der Auftritte, Kooperationen und juristischen Auseinandersetzungen.
Gründung, Besetzung und musikalisches Umfeld

Das Projekt entstand 1999 in Duisburg. Zentrale Figuren sind Marcel Wojnarowicz (geb. 1976, Gesang, Produktion) und Torben Eckhoff alias „DJ-Torben“ (Technik, Co-Produktion). Erste gemeinsame Tracks erschienen 2000 auf dem Sampler „Komm in die Pötte“, Tonträger folgen über das Label „Lärmquelle Records“ in Oberhausen. Die Gruppe bezeichnet ihr Genre selbst als „Polit-Pop“; Texte sind durchgehend deutschsprachig. Schon früh zielten Stücke auf eine Nische: Auftritte fanden bei EU-Gegnern, Anhängern des US-Politikers Ron Paul, in der sogenannten Truther-Bewegung sowie bei der rechtsextremen Splitterpartei DVU und der 2013 gegründeten Kleinpartei „Deutsche Mitte“ statt. Kooperationen bestanden zudem mit der Partei „Neue Mitte“ und der 2017 gegründeten „Deutschen Stimme“.
Inhalte: 11-September-Leugnung, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit

Mehrere Lieder propagieren zentrale Verschwörungsthesen. Im Stück „Selbst gemacht“ heißt es wörtlich: „Habt ihr dat vielleicht selbst gemacht, den Terror selbst in die Welt gebracht“, womit die USA für die Attentate vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht werden. Auch den Angriff auf Pearl Harbor führt das Duo einer angeblichen US-Inszenierung zu. In „Danke für das Monster“ (Oktober 2014) wird Adolf Hitler als Produkt „britischen und amerikanischen Finanzkapitals“ dargestellt. Der Song „Schawarma“ bedient die in rechtsextremen Foren kursierende urban legend, wonach „Ausländer“ deutschen Gästen Speisen mit Sperma verunreinigen würden. Texte wie „Häng dich auf“ diffamieren Sozialleistungsbezieher; Frauen werden in „Man kennt uns“ und „Miesmuschel“ herabgewürdigt, in „Eingelocht“ findet sich eine drastische Vergewaltigungsbeschreibung. Auf dem Album „Reflexion“ wird die wissenschaftliche Erkenntnis, dass HIV die Immunschwächekrankheit AIDS auslöst, geleugnet („Die Geschichte vom AIDS ist ’ne Lüge“). Als „Vorlage“ dafür zitiert die Band Wolfgang Eggerts antisemitische „Mossad-Verschwörung“-Theorie, wonach ein „Kunsterreger“ gezielt Nicht-Juden vernichten solle.
Netzwerke, Auftritte und mediale Selbstinszenierung

Seit 2007 erscheinen regelmäßig Interviews auf der rechtsextremen Plattform „Altermedia“ (in Deutschland seit 2016 verboten), dem Blog „Alles Schall und Rauch“ sowie der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Die NPD-Landesorganisation Hamburg würdigte das Duo mit einem Werbeartikel, in dem es hieß, die Band durchbreche „das volksfeindliche, amerikanisierte, unsoziale und israelhörige Meinungsmonopol“. 2011 titelte die Regionalzeitung „Der Westen“ die Gruppe zur „Lieblingsband deutscher Verschwörungsfans“. Bei Auftritten inszenieren sich die Musiker wiederholt als Zensurobjekt „mächtiger Kreise“; so auf Kongressen des Schweizer Evangelikalen Ivo Sasek („Anti-Zensur-Koalition“), wo sie gemeinsam mit Reichsbürger-Aktivisten, dem Scientology-Vertreter Jürg Stettler und dem Holocaustleugner Bernhard Schaub auftraten. 2012 spielten sie auf einer Berliner „Occupy“-Demonstration; im dazugehörigen Video ist neben dem Lied „Was ist los in diesem Land“ eine Flasche Zyklon B zu sehen. 2017 und 2018 stellten sie auf Impfgegner-Demonstrationen in Berlin-Wedding und Nürnberg den Song „Bitte impft sie nicht“ vor, gemeinsam mit Andrew Wakefield, Rolf Kron und Hans Tolzin. Nach Inkrafttreten des Masernschutzgesetzes 2019 trat die Band bei Gegenprotesten in Düsseldorf auf.
Politische Kandidaturen und juristische Auseinandersetzungen
Marcel Wojnarowicz kandidierte 2009 im Wahlkreis Duisburg I für die „Willi-Weise-Bewegung“ und erhielt 407 Stimmen (0,32 %). Die Bewegung um den Unternehmensberater Otto Friedrich Schönbeck steht laut Verfassungsschutzberichten dem „Kommissarischen Reichsregierungen“-Milieu nahe. Gerichtlich wurde Wojnarowicz 2009 vor dem Landgericht Berlin (Az. 27 O 545/09) aktiv: Er konnte der Tageszeitung taz untersagen, die Band als „bekannt für antisemitische Texte“ zu bezeichnen. Ein Unterlassungsanspruch gegen den Anwalt der taz, J. Eisenberg, der Wojnarowicz Holocaust-Leugnung vorgeworfen hatte, blieb 2010 erfolglos (Az. 27 O 170/10). In dem offiziellen Gästebuch der Band tauchen seit Jahren Einträge mit Verlinkungen auf NS-Propaganda und Holocaust-Relativierung auf, die trotz Moderation nicht entfernt werden. Als Rechtsvertreter der Band in entsprechenden Verfahren fungiert wiederholt der Anwalt Dominik Storr.
Reaktionen und gesellschaftliche Isolation
Kritik von Gewerkschaftsjugend und DGB-Jugend führte zu Auftrittsverboten bei Veranstaltungen von IG Metall und SPD. Ein 2008 in der Berliner Kulturbrauerei angekündigtes Gratiskonzert zog nur ein Dutzend Besucher an, die Hälfte verließ den Saal, nachdem Infomaterial verteilt worden war. Sprecher der bayerischen IG Metall erklärten, die Gruppe künftig „nicht mehr auftreten zu lassen“. Die Duisburger Tageszeitung „Der Westen“ dokumentierte 2011, wie das Duo ein Voting für die RTL-II-Sendung „The Dome“ manipuliert haben soll, um sich ins Rampenlicht zu spielen. Trotzdem bleibt die Band ein wiederkehrender Gast in der deutschsprachigen Verschwörungsszene: Bei Gegenveranstaltungen zum Bilderberger-Treffen 2011 in St. Moritz trat sie gemeinsam mit der rechten Schweizer Jung-SVP auf; Nationalrat Pirmin Schwander (SVP) unterstützte die Kundgebung.
Zitate
Habt ihr dat vielleicht selbst gemacht, den Terror selbst in die Welt gebracht — Song „Selbst gemacht“, 2007
Die Geschichte vom AIDS ist ’ne Lüge — Song „AIDS“, Album Reflexion
Irgendjemand bezahlt das doch, oder? [...] Man braucht sich eigentlich nur angucken, wer hat ’nen Nachteil davon, dass wir so ’nen Song über 11. September gestalten. — Marcel Wojnarowicz in einem Interview
Weblinks
- Spiegel Online: Bericht über rechtspopulistische Netzwerke
- Der Westen: Duisburger Bericht zur Band
- Ruhrbarone: Kritik an Auftritten der Bandbreite
- Antifaschismus2: Ausführliche Inhaltsanalyse
- Friedensdemo-Watch: Bericht über Corona-Proteste in Duisburg
Einzelnachweise
- Landgericht Berlin, Urteil v. 8.10.2009, Az. 27 O 545/09
- Landgericht Berlin, Urteil v. 8.6.2010, Az. 27 O 170/10