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Darmverpilzung

Aus Faktenradar

Seit Jahrzehnten kursiert in alternativen Kreisen die Vorstellung, dass Candida-Pilze im Darm zahlreiche Beschwerden auslösen. Die wissenschaftliche Evidenz für das sogenannte Candida-Hypersensitivitäts-Syndrom fehlt bis heute.

Ursprung und Verbreitung der Hypothese

Ursprung und Verbreitung der Hypothese

Die Idee, dass Hefepilze der Gattung Candida im Verdauungstrakt eine Vielzahl chronischer Symptome verursachen, geht auf den US-amerikanischen Internisten Claude Orian Truss zurück. 1976 veröffentlichte er das Buch „Candida-Hypersensitivitäts-Syndrom“, in dem er eine kausale Verbindung zwischen einer angeblichen Darmbesiedelung mit Candida albicans und Beschwerden wie Müdigkeit, Depression oder Asthma postulierte. Kurz darauf griff der Kinderarzt William G. Crook die These in „The Yeast Connection“ auf und erweiterte sie um Empfehlungen zu strengen Diäten sowie dem Verzicht auf Zucker, Antibiotika und hormonelle Kontrazeptiva. Die Veröffentlichungen fanden rasch Eingang in populärmedizinische Ratgeber und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1998 gründeten Truss und Crook die „Candida and Dysbiosis Information Foundation“, um ihre Lehre zu verbreiten. In der Folge etablierte sich das Konzept in der Alternativmedizin als häufig gestellte Verlegenheitsdiagnose, obwohl es in der evidenzbasierten Medizin keine Anerkennung fand.

Symptomkatalog und angebliche Folgen

Symptomkatalog und angebliche Folgen

Befürworter des Syndroms führen ein breites Spektrum unspezifischer Beschwerden an, das von chronischer Müdigkeit und Blähungen über Hautjucken, Durchfall und Heißhunger auf Süßes bis hin zu Depressionen und Asthma reicht. Da diese Symptome vielfältige organische oder psychische Ursachen haben können, wird die Diagnose fast ausschließlich klinisch gestellt; laborchemische oder mikrobiologische Kriterien fehlen. In der Praxis greifen viele Therapeuten auf alternative Testverfahren wie Kinesiologie, Elektroakupunktur nach Voll oder Bioresonanz zurück, deren aussagekräftige Validierung nicht gelungen ist. Der Nachweis von Candida im Stuhl gilt nicht als pathologisch, da rund 70–80 % aller Menschen ohnehin Hefepilze in der Darmflora tragen. Dennoch werden Patienten häufig mit der Behauptung konfrontiert, eine „Darmverpilzung“ zu haben, die dringend therapiert werden müsse.

Weblinks

  1. Ärzteblatt-Archiv: Kritische Bewertung des Candida-Syndroms
  2. Stellungnahme des Robert Koch-Instituts (PDF)
  3. Quackwatch: Candida-Related Illnesses (engl.)

Veröffentlichungen

  • Dismukes WE, Wade JS, Lee JY, et al.: A randomized, double-blind trial of nystatin therapy for the candidiasis hypersensitivity syndrome. N Engl J Med 1990; 323: 1717-1723.
  • Renford L, Feder HM Jr, Lane TJ, et al.: Yeast connection among 100 patients with chronic fatigue. Am J Med 1989; 86: 165-168.