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Bioscan-SWA

Aus Faktenradar

Das Diagnosegerät Bioscan-SWA verspricht blutlose Voll­analysen per Hand­sensor. Gutachter und Gerichte stuften das Verfahren als «Humbug» ein – Haft- und Millionen­strafen folgten.

Werbung verspricht vollständige Blutanalyse ohne Blutentnahme

Werbung verspricht vollständige Blutanalyse ohne Blutentnahme

Das Gerät Bioscan-SWA, auch als „Skalar-Wave-Analyzer“ beworben, wird seit rund einem Jahrzehnt in Heilpraktiker-Praxen und Apotheken angeboten. Ein stabförmiger Sensor soll dabei ausreichen, um innerhalb einer Minute rund 200 Gesundheits­parameter zu erfassen – von Herz-Kreislauf-Funktion über Spurenelemente bis zur „visuellen Müdigkeit“. Die Hersteller­werbung verspricht: „Blut messen statt Blut nehmen“ und „OHNE Stechen & OHNE Labor“. Preislich lag das Gerät 2018 je nach Ausstattung zwischen 4.690 € und 5.740 €, obwohl es technisch baugleich mit günstigeren Import­geräten ist, die z. B. unter dem Namen „Quantum Resonance Magnetischer Analysator“ für weniger als 200 € erhältlich sind. Vertrieben wurde der Bioscan-SWA unter anderem über die Firmen activ Care transcon GmbH und Sana Care Gesundheits­produkte GmbH & Co. KG, die sich auf Schulungen für Anwender spezialisierten.

Studie und Tests belegen: Messwerte entstehen ohne jede Messung

Studie und Tests belegen: Messwerte entstehen ohne jede Messung

Eine 2018 durchgeführte wissenschaftliche Arbeit der Ärzte Walter Dorsch und Andreas Kolt, veröffentlicht im Allergo Journal, ließ den Bioscan-SWA an neun Probanden, zwei Patienten, einer Leiche, einem Stück Leberkäse und einem feuchten Tuch „messeln“. Alle Objekte erhielten nahezu identische Befunde; einer Leiche bescheinigte das System „beste Gesundheit“ bei gleichzeitiger Auflistung zahlreicher Risikowerte. Wechselte man nur Name, Alter oder Geschlecht in der begleitenden PC-Software, schwankten die Ergebnisse um bis zu 200 %. Technische Analyse des USB-Datenverkehrs ergab: Vom Sensor fließen keine Messdaten an den Computer – die Werte werden ausschließlich aus eingegebenen Patienten­angaben generiert. Der BR-Sendung „Dubiose Bioresonanz“ zufolge lieferte das Gerät sogar „Erektions­koeffizienten“ und „Spermien­verflüssigung“ für Leberkäse, was Gutachtern zufolge einzig dem Zweck diente, anschließend Nahrungsergänzungs­mittel zu verkaufen.

Gerichtsverfahren enden mit Haft- und Millionenstrafen

Gerichtsverfahren enden mit Haft- und Millionenstrafen

Die Staatsanwaltschaft Tübingen leitete 2021 ein Ermittlungs­verfahren wegen gewerbs­mäßigen Betrugs und Verstoßes gegen das Heilmittel­werbegesetz ein. Im Mai 2022 verurteilte das Amtsgericht Reutlingen zwei Geschäfts­führer der Vertriebs­gesellschaft Institut Dr. Rilling zu Freiheits­strafen von zwei und drei Jahren sowie zu Geld­strafen von insgesamt über 2,5 Mio. €. Ein Richter verglich das Gerät mit „einem Auto, das nicht fährt“. Das Unternehmen hatte nach Urteils­lage etwa sechs Millionen Euro mit dem Verkauf der Geräte umgesetzt. Im Berufungs­verfahren vor dem Landgericht Tübingen (2024) wurden die Haftstrafen zur Bewährung ausgesetzt; zugleich wurde Wertersatz in Höhe von vier Millionen Euro angeordnet. Die Revisionen sind noch nicht rechtskräftig.

Physikalische Grundannahmen widersprechen wissenschaftlichem Konsens

Herstellerangaben zufolge erfasse der Sensor „elektromagnetische Longitudinal­wellen“ bzw. „Skalar­wellen“, die der Körper aussende. Der Begriff der Skalar­wellen ist in der akademischen Physik nicht anerkannt; es gibt kein Messverfahren, das Spurenelemente oder Organkoeffizienten durch bloßes Halten eines Metall­stabs bestimmen könnte. Auch die behauptete Kopplung an ein „quanten­physikalisches Resonanz­spektrum“ bleibt unplausibel, weil weder Frequenz­bereiche noch Nachweis­grenzen offengelegt werden. Es fehlen valide Studien, die eine Übereinstimmung der Bioscan-Befunde mit Labor­werten belegen. Die einfache Elektrode reicht lediglich aus, um eine minimale elektrische Leitfähigkeit nachzuweisen – ausreichend, um die Software zur Ausgabe von Pseudowerten zu aktivieren.

Weiterer Vertrieb trotz Urteilen – Verbraucher­schützer warnen

Obwohl Gerichte die Methode als Betrug sanktioniert haben, sind identische Geräte weiterhin unter wechselnden Namen im Handel. Die österreichische Apotheker­kammer warnte bereits 2019 vor „Imageschäden“, wenn Apotheken solche Messungen anbieten. Verbraucher­zentrale Ratgeber empfehlen, bei Gesundheits­checks auf zertifizierte Labore auszuweichen und kritische Nachfragen zu stellen. Die GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) listet Bioscan-SWA und baugleiche Produkte als „Geräte ohne nachweisbare Messung“ und führt einfache Validierungs­tests („Leberkäse-Test“) an, mit denen Anwender die Funktions­losigkeit selbst demonstrieren können.

Weblinks

  1. SWR Aktuell: Haft- und Geldstrafen im Bioscan-Betrugsprozess
  2. NDR-Markt: Abzocke mit Bioresonanz-Messungen
  3. BR-Doku: Die Abzocke mit Quantenmedizin und Bioresonanz
  4. Medizin-transparent.at: Bioscan im Überblick
  5. GWUP-Video: Bioscan- und Zellcheck-Geräte noch am Markt

Veröffentlichungen