Avemar
Avemar ist ein mit Bäckerhefe fermentierter Weizenkeimextrakt, der in Osteuropa als sogenannte Medizinnahrung vertrieben wird. Hersteller und Vertriebspartner bewerben das Produkt häufig mit Hinweisen auf immunmodulatorische, antioxidative und krebshemmende Eigenschaften. Eine therapeutische Wirksamkeit beim Menschen ist bislang jedoch nicht belegt.
Entwicklung und Verbreitung

Der ungarische Biochemiker Mate Hidvégi entwickelte Anfang der 1990er-Jahre ein Verfahren zur Fermentation von Weizenkeimen mit Bäckerhefe. Dabei bezog er sich auf Arbeiten seines Landsmannes Albert Szent-Györgyi, der die Bedeutung bestimmter Chinone für Zellstoffwechsel und Immunantwort untersucht hatte. Das daraus resultierende Pulver wurde unter dem Namen Avemar® (angelehnt an „Ave Maria“) patentiert und ab 1996 über die von Hidvégi gegründete Firma Biromedicina vertrieben. Heute wird der Extrakt in Ungarn von der Biropharma Ltd. hergestellt und über Lizenzpartner in mehreren Ländern abgegeben, darunter Österreich (Fresenius Kabi Austria), die Niederlande, Tschechien, die Slowakei, Südkorea, Zypern und die USA. In Deutschland war das Präparat zeitweise unter der PZN 549783 für rund 129 Euro erhältlich; der Anbieter Grana Medical Service stellte den Vertrieb 2013 ein. In den USA wird Avemar ohne Rezept als Nahrungsergänzung unter dem Kurznamen „Ave“ angeboten.
Zusammensetzung und Herstellung

Die Rezeptur basiert zu 60 % auf dem Trockenextrakt fermentierter Weizenkeime (Triticum aestivum). Die verbleibenden 40 % bestehen überwiegend aus Maltodextrin (33,4 %), Fructose (3,2 %) sowie Aromastoffen und dem Süßungsmittel Acesulfam-K (0,5 %). Nährstoffangaben je 100 g Pulver liegen bei 30,4 g Eiweiß, 65 g Kohlenhydraten, 0,5 g Fett und einem Brennwert von 1.548 kJ (370 kcal). Als mögliche Wirkkomponenten werden entglykosylierte Polyphenole, insbesondere 2,6-Dimethoxy-p-Benzochinon, diskutiert. Das Patent WO 1999008694 beschreibt die Massenherstellung und Standardisierung des Extrakts.
Wissenschaftliche Befunde und Datenlage

Die überwiegende Zahl der veröffentlichten Arbeiten stammt von ungarischen Arbeitsgruppen um Hidvégi und Kollegen. In vitro konnte in Brustkrebszellen (MCF-7) eine Verstärkung der Tamoxifen-Empfindlichkeit gezeigt werden. Eine nicht randomisierte Pilotstudie an 66 Darmkrebspatienten berichtete ein günstigeres Outcome unter begleitender Gabe von Avemar im Vergleich zur alleinigen konventionellen Therapie. Allerdings wiesen die Behandlungsgruppen unterschiedliche Altersstrukturen auf, wodurch die Ergebnisse nur begrenzt interpretierbar sind. Kontrollierte klinische Studien, die den heutigen Standards evidenzbasierter Medizin genügen, liegen bislang nicht vor. Versuche an Zellkulturen und Tumorträgermäusen erbrachten widersprüchliche Befunde: Während Hidvégi eine synergistische Wirkung mit Zytostatika postulierte, konnten Szende und Mitarbeiter einen solchen Effekt in ihrem Tiermodell nicht bestätigen.
Regulatorischer Status und Werberecht
In der Europäischen Union gilt Avemar als diätetisches Lebensmittel für die adjuvante Ernährung onkologischer Patienten. Es unterliegt nicht dem Arzneimittelgesetz, sondern der Diätverordnung (DiätV) und dem Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB). Krankheitsbezogene Werbung außerhalb der gesetzlich erlaubten Fachkreise ist nach § 12 Abs. 1 Nr. 1 LFGB untersagt. Das Landgericht Bielefeld bestätigte 2008 (Az. 10 O 36/08), dass sich diese Regelung auch auf diätetische Lebensmittel erstreckt. Hersteller dürfen daher keine Heilungs- oder Linderungsaussagen für Krebserkrankungen treffen. Dennoch finden sich im deutsch- und englischsprachigen Internet zahlreiche Seiten, die das Präparat mit Begriffen wie „Krebszellen aushungern“ oder „Immunsystem stärken“ bewerben. Teilweise wird sogar behauptet, die ungarische Krebssterblichkeit sei seit Markteinführung gesunken – ein Zusammenhang, der wissenschaftlich nicht erwiesen ist.
Nebenwirkungen und Risikoaspekte
Häufig berichtete unerwünschte Wirkungen umfassen gastrointestinal Beschwerden wie Durchfall, Übelkeit, Blähungen und Verstopfung. Bei längerer Einnahme kann nach Herstellerangaben ein Gewichtszuwachs resultieren. Kritisch diskutiert wird ferner die antioxidative Wirkung: Da Bestrahlung und viele Chemotherapeutika auf der Bildung freier Radikale beruhen, könnten stark antioxidative Substanzen theoretisch die Tumorzellabtötung abschwächen. Für Patienten mit östrogensensiblen Tumoren ist zudem zu beachten, dass in vitro eine verstärkte Wirkung von Tamoxifen beobachtet wurde – klinische Konsequenzen sind daraus bislang nicht abgeleitet. Wechselwirkungen mit anderen Zytostatika wurden nicht systematisch untersucht.
Weblinks
- Krebsinformationsdienst zu Nahrungsergänzungsmitteln bei Krebs
- Krebsinformationsdienst zu Nahrungsergänzungsmitteln bei der Krebsbehandlung
- Patent zur Massenherstellung von Avemar
Veröffentlichungen
- Jakab F, Shoenfeld Y, Balogh A, et al. A medical nutriment has supportive value in the treatment of colorectal cancer. Br J Cancer. 2003;89(3):465-469.
- Marcsek Z, Kocsis Z, Jakab M, Szende B, Tompa A. The efficacy of tamoxifen in estrogen receptor-positive breast cancer cells is enhanced by a medical nutriment. Cancer Biother Radiopharm. 2004;19(6):746-753.
- Szende B, Marcsek Z, Kocsis Z, Tompa A. Effect of simultaneous administration of Avemar and cytostatic drugs on viability of cell cultures, growth of experimental tumors, and survival tumor-bearing mice. Cancer Biother Radiopharm. 2004;19(3):343-349.
- Hübner J. Komplementäre Onkologie: Supportive Maßnahmen und evidenzbasierte Empfehlungen. Schattauer Verlag; 2008.