Anthroposophie
Rudolf Steiners Lehre von der „Weisheit vom Menschen“ verbindet esoterische Kosmologie, Pädagogik, Medizin und Landwirtschaft. Die Bewegung zählt heute rund 30.000 Mitglieder im deutschsprachigen Raum und ein weltweites Netz von Unternehmen, Schulen und Kulturbetrieben.
Entstehung und Selbstverständnis

Als „Anthroposophie“ bezeichnete Rudolf Steiner erstmals 1902 während seiner Mitarbeit in der Theosophischen Gesellschaft eine eigenständige spirituelle Lehre. Der Begriff selbst, zusammengesetzt aus dem Griechischen für „Mensch“ und „Weisheit“, war jedoch schon im 16. Jahrhundert in alchemistisch-magischen Texten belegt. Steiner löste sich 1913 von der Theosophie und begründete die Anthroposophische Gesellschaft, die sich als „Geisteswissenschaft“ versteht – im bewussten Gegensatz zu den empirischen Geisteswissenschaften an Universitäten. Ziel ist ein systematischer Zugang zu einer übersinnlichen Wirklichkeit, den nur Eingeweihte durch einen strengen Schulungsweg erlangen sollen. Die Lehre beansprucht, über die „nur“ materielle Forschung hinauszugehen und spirituelle Zusammenhänge anschaulich zu machen. Kernelemente sind die Annahme mehrerer „Leiber“ (physisch, ätherisch, astral, Ich), ein ausgeprägtes Reinkarnations- und Karmakonzept sowie die Vorstellung einer siebenstufigen Erdengeschichte mit je einer „Wurzelrasse“. Die gegenwärtige Epoche gilt als fünfte, die „postatlantische“, in der der Mensch das intuitive Wissen um seine Göttlichkeit weitgehend verloren, dafür aber neue individuelle Fähigkeiten entwickelt hat.
Organisation und wirtschaftliche Verankerung

Die Anthroposophische Gesellschaft mit Sitz im schweizerischen Dornach gilt als eine der einflussreichsten esoterischen Organisationen Europas. Ihre Struktur umfasst nicht nur Mitgliederversammlungen und ein Sekretariat, sondern ein dichtes Netz von Stiftungen, landwirtschaftlichen Betrieben, Kultur- und Medieneinrichtungen sowie eigenen Banken und Versicherungen. Dazu zählen die GLS-Bank, die Versicherung „FUTURUM“, die Arzneimittelhersteller Wala und Weleda, die Lebensmittelmarken Demeter, Alnatura und Tegut sowie Maschinenbauunternehmen wie Voith und Mahle. Weltweit werden über 10.000 Betriebe als anthroposophisch oder von der Lehre beeinflusst gezählt; allein die Drogeriekette dm-filialen erwirtschaftete 2023 einen Umsatz von mehr als acht Milliarden Euro. Die Gesellschaft finanziert sich durch Wirtschaftserträge, staatliche Zuschüsse – etwa für Waldorfschulen und Krankenhäuser – sowie Spenden und Vermächtnisse. Schätzungen zufolge leben im deutschsprachigen Raum knapp 30.000 Menschen in enger organisatorischer Verbundenheit zur Anthroposophie; die Zahl der Kunden und sympathisierenden Eltern ist deutlich höher.
Weblinks
- Süddeutsche Zeitung: 100 Jahre Waldorfschule – Erfahrung und Kritik
- NDR Panorama: Die Waldorfbewegung und die Corona-Krise
Veröffentlichungen
- Helmut Zander: Geschichte der Anthroposophie in Deutschland. 2 Bde., Göttingen 2011
- Peter Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister. Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik, Hamburg 2005
Einzelnachweise
- Sven Ove Hansson: Anthroposophical Climate Science Denial, in: Critical Research on Religion 10 (2022), S. 1-20