Potenzierung
Die Herstellung homöopathischer Arzneien basiert auf dem Prinzip der Potenzierung – einer wiederholten Verdünnung und mechanischen Bearbeitung. Dabei werden Ausgangssubstanzen teils bis weit über die Grenze der molekularen Nachweisbarkeit verdünnt. Welche Methoden dabei angewendet werden und welche praktischen Probleme auftreten, zeigt ein Blick auf die einzelnen Verfahren.
Grundprinzip: Verdünnung plus Verschüttelung

Zentrales Element der homöopathischen Arzneimittelherstellung ist die Potenzierung. Dabei wird eine Ausgangssubstanz – meist eine sogenannte Urtinktur – schrittweise mit Wasser, Alkohol oder Milchzucker verdünnt und gleichzeitig mechanisch bearbeitet. Diese Bearbeitung erfolgt durch rhythmisches Verschütteln, Verreiben oder – in industriellen Prozessen – durch maschinelle Schläge. Die Kombination aus Verdünnung und mechanischer Energiezufuhr wird als „Dynamisierung“ bezeichnet. Nach Auffassung der Homöopathie soll dadurch die ursprüngliche Wirkkraft des Stoffes nicht nur erhalten, sondern gesteigert werden – je stärker die Verdünnung, desto potenter die Arznei. Diese Annahme geht auf Samuel Hahnemann zurück, der im 19. Jahrhundert das Verfahren entwickelte und in seinem Werk „Organon der Heilkunst“ beschrieb. Dort vergleicht er die Wirkungssteigerung durch Reiben und Schütteln mit der Magnetisierung eines Eisenstabs durch mechanische Reibung.
Verdünnungsstufen und Potenzgrade

Die Verdünnung erfolgt in definierten Stufen. Bei der D-Potenz (Dekrimalpotenz) wird in jedem Schritt ein Verhältnis von 1:10 erreicht, bei der C-Potenz (Centesimalpotenz) von 1:100. Die Bezeichnungen D1, D2, D3 usw. oder C1, C2, C3 usw. geben an, wie oft der Verdünnungsschritt wiederholt wurde. Eine C30 entspricht demnach einer Verdünnung von 1:100^30 – ein Verhältnis, bei dem statistisch kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr im Endprodukt enthalten ist. Ab etwa C12 liegt die Verdünnung jenseits der Avogadro-Grenze. Dennoch werden in der Praxis auch Potenzen wie C200 oder höher verwendet. Neben D- und C-Potenzen existieren weitere Varianten: Die LM- oder Q-Potenz (1:50.000 pro Schritt), die K-Potenz nach Korsakoff (1:100, aber mit nur einem Gefäß pro Stufe) oder die Fluxionspotenzierung, bei der durch Einspritzen von Flüssigkeit Turbulenzen erzeugt werden sollen. Tiefpotenzen (D1–D6 bzw. C1–C6) enthalten noch messbare Substanzmengen, während Hochpotenzen (ab C12 bzw. D24) als „dynamisch“ oder „geisterartig“ bezeichnet werden.
Verschütteln, Verreiben und Maschinen

Die mechanische Bearbeitung ist ein konstitutiver Bestandteil der Potenzierung. Traditionell erfolgt das Verschütteln per Hand – früher gegen ein in Leder gebundenes Buch, heute gegen spezielle Lederkissen. In Großbritannien verwendet die Apotheke Helios nach eigenen Angaben eine ledergebundene King-James-Bibel. Die Anzahl der Schläge variiert: Oft sind es zehn pro Stufe, bei LM-Potenzen 100. Neben der Handverschüttelung gibt es maschinelle Verfahren, Ultraschallverschüttelung (in Frankreich verbreitet) oder die Verreibung mit Milchzucker in Porzellanschalen über mindestens eine Stunde. Die sogenannte Einglasmethode nach Korsakoff arbeitet mit nur einem Gefäß, das nach jeder Verdünnung ausgespült wird. Die Mehrglasmethode nach Hahnemann verwendet dagegen für jede Stufe ein neues Fläschchen. Beide Methoden sind im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) geregelt.
Komplexmittel, Nosoden und symbolische Substanzen
Neben Einzelmitteln existieren Komplexpräparate – Mischungen aus mehreren homöopathischen Stoffen. Diese werden von Anhängern der klassischen Homöopathie abgelehnt, da sie nicht der Lehre Hahnemanns entsprechen. Eine besondere Rolle spielen Nosoden: Arzneien aus krankhaften Ausscheidungen, Gewebeproben oder Krankheitserregern. Dazu zählen z. B. potenziertes Krebsgewebe (Carcinosin), HIV-Blutserum oder menschliche Plazenta. Auch symbolische oder exotische Substanzen finden Verwendung: „Murus berlinensis“ aus Mauerresten der Berliner Mauer, „Microwelle 2,45 GHz“ aus erhitztem Wasser oder „Magnetis polis arctis“ vom Nordpol. Einige dieser Mittel werden mit Preisen von mehreren tausend Euro pro Kilogramm gehandelt – etwa Asbest-Globuli D12 für 6.700 Euro.
Praktische Probleme und Kontaminationen
Die praktische Durchführung der Potenzierung wirft technische Fragen auf. Bereits 1935 zeigte eine Studie, dass Wirkstoffmoleküle durch Adhäsion an Gefäßwänden zurückbleiben können – was zu einer stärkeren Verdünnung führt als berechnet. Umgekehrt kann sich bei der Einglasmethode Substanz an der Glaswand anlagern und später wieder lösen, wodurch eine angebliche D200 tatsächlich nur D6 sein kann – ein Problem besonders bei giftigen Ausgangssubstanzen wie Quecksilber. Auch Reinheitsfragen spielen eine Rolle: Selbst hochreines Wasser enthält Spuren natürlicher Elemente, die in der Regel höher konzentriert sind als die eigentliche Arzneisubstanz. Zudem erfolgt die Herstellung nicht in Reinräumen, sodass Pollen, Staub oder Glaspartikel in die Präparate gelangen können. Die Frage, wie die potenzierte Substanz von Verunreinigungen unterschieden werden soll, bleibt offen. Einige Hersteller versuchen, „Nachdynamisierung“ durch Transporterschütterungen zu vermeiden, indem sie Fläschchen randvoll abfüllen.
Wissenschaftliche Bewertung und Grenzen
Aus naturwissenschaftlicher Sicht entspricht Potenzierung einer schrittweisen Verdünnung, bei der ab einer bestimmten Stufe keine Moleküle der Ausgangssubstanz mehr nachweisbar sind. Die behauptete Wirkungssteigerung durch Verdünnung und Verschüttelung steht im Widerspruch zum Dosis-Wirkungs-Prinzip der Pharmakologie. Studien zur Homöopathie zeigen keinen über Placebo hinausgehenden Effekt – was angesichts der fehlenden Substanz nicht überrascht. Dennoch bleibt das Verfahren in der alternativen Heilkunde verbreitet. Die Größenordnungen verdeutlichen die Dimension: Während D3 noch einem Gramm Salz in einem Liter Wasser entspricht, entspricht D20 einer Verdünnung im Atlantik – und D27 der Verteilung eines Salzkorns auf die gesamte Erdmasse. Bei C30 liegt die statistische Chance, ein einziges Molekül der Ursprungssubstanz zu finden, bei vergleichsweise einem Salzkorn in zehntausend Milliarden Kugeln, jede so groß wie das Sonnensystem.
Weblinks
- Thomas Mickler: Die Potenzierung von Arzneien in der Homöopathie
- Wolfgang Forth: Potentiell toxische Schwermetalle als Therapeutikum in der Homöopathie
- Homopedia: Korsakow-Methode
Veröffentlichungen
- Jan Geißler, Thomas Quak: Leitfaden Homöopathie
- Haas K: Der Einfluss der Adsorption auf die Konzentration homöopathischer Verdünnungen
- Friedrich Dellmour: Konzentrationsverhältnisse homöopathischer Arzneimittel