Spirit of Health Kongress
Zwischen 2014 und 2018 fanden in Deutschland und dem Ausland mehrere „Spirit of Health“-Kongresse statt, auf denen umstrittene Therapien wie MMS propagiert wurden. Behörden, Medien und Selbsthilfegruppen reagierten mit Warnungen, Kontrollen und Protesten.
Von Hannover bis Berlin: Die Veranstaltungsreihe im Überblick

Die Reihe „Spirit of Health – Internationaler Kongress für Alternative Heilmethoden“ startete im April 2014 in Hannover. Veranstalter war die niederländische Jim-Humble-Uitgeverij des Buchhändlers Leo Koehof, der gemeinsam mit Ali Erhan die Events konzipierte. Nach eigenen Angaben sollten „natürliche Heilwege“ vorgestellt werden; im Fokus stand jedoch das als Wundermittel beworbene Chlordioxidpräparat MMS. Die letzte öffentlich dokumentierte Veranstaltung fand im März 2018 in Berlin statt. Die Organisationsgesellschaft Connectiv Events Limited hatte ihren Sitz offiziell auf Mallorca; geschäftsführend war bis zu ihrem Tod 2021 die Münchnerin Anna Maria August. Alle Kongresse waren kostenpflichtig, die Teilnahme an Workshops lag zwischen 100 € für Einzelberatungen und 450 € für zweitägige MMS-Intensivkurse.
Programm und Akteure: Von Chlordioxid bis Germanischer Neuer Medizin

Zu den ständigen Rednern gehörten Jim Humble, der MMS 2006 als „Miracle Mineral Solution“ bewarb, sowie der Medizinlaie Andreas Kalcker, der unter dem Kürzel „CDS“ ein modifiziertes Chlordioxidprotokoll vermarktete. Weitere wiederkehrende Namen sind der Autismusaktivistin Kerri Rivera, der Krebsmittel-Anbieter Tullio Simoncini, der Germanische-Neue-Medizin-Referent Nicolas Barro und der „Schwarze-Salbe“-Vertreter Adrian Jones. Begleitet wurden sie von Heilpraktikern wie Dietrich Klinghardt, Geschäftemachern wie Leonard Coldwell (eigentlich Bernd Klein) und Impfkritikern wie Andreas Bachmair. Die Vorträge deckten ein breites Spektrum ab: von Meerwasser- und Magnetfeldtherapie über Strophanthin bis zur Leugnung des Zusammenhangs von HIV und AIDS. Die Mehrzahl der Referenten besitzt keine universitäre Hochschulqualifikation; mehrere führen gekaufte Titel. 2015 mussten „Dr.“ Andreas Kalcker, „Dr.“ Leonard Coldwell und „Prof. Dr.“ Hans Kempe nach wettbewerbsrechtlichen Abmahnungen des Deutschen Konsumentenbundes die Doktorprädikate in der Werbung streichen.
Behördliche Kontrollen und juristische Schritte

Schon vor dem ersten Kongress warnte der NDR in der Sendung „Visite“ eindringlich vor Selbstversuchen mit MMS. Die US-Gesundheitsbehörde FDA wiederholte 2014 ihre Alarmsignale gegenüber Chlordioxidprodukten, insbesondere bei der Behandlung von Autismus. Das Regierungspräsidium Darmstadt stufte 2015 die Aufforderung zur MMS-Anwendung als möglichen Straftatbestand der Anstiftung zur Körperverletzung ein. In Kassel kontrollierten Ordnungs- und Gesundheitsamt während des Kongresses 16 Händler; neun erhielten ein Verkaufsverbot und Bußgelder, weil sie ohne Reisegewerbeschein Produkte feilboten. Die Stadt prüfte eine Kündigung des Mietvertrags, konnte sie aber nicht umsetzen, ohne sich rechtlich angreifbar zu machen. Die Ticket-Plattform Xing Events beendete 2015 die Zusammenarbeit mit den Organisatern, nachdem der Deutsche Konsumentenbund auf „ethisch-moralisch fragwürdige Vorgänge“ hingewiesen hatte.
Öffentlicher Protest und mediale Begleitung
In Hannover formierten 2014 Grüne, Piraten und Autismus-Selbsthilfegruppen eine Demonstration mit Plakaten wie „Liebe statt Chlorbleiche“. Teilnehmer berichteten über Beschimpfungen und gezielte Fotografie durch Kongressteilnehmer, was sie als Einschüchterung werteten. Auch in Kassel richteten Kritiker einen Informationsstand ein; sie wurden wiederum systematisch fotografiert und mit rechtlichen Schritten bedroht. Journalisten des RBB ließen sich 2014 für 100 € beraten: Jim Humble riet einem angeblich an Leukämie erkrankten Reporter, alle ärztlichen Behandlungen abzubrechen und stündlich MMS-Tropfen zu nehmen. Andreas Kalcker empfahl bei vermeintlichem Darmkrebs des Vaters eine Hinhaltetaktik gegenüber der Klinik. Der Berliner Onkologe Uwe Peters kommentierte im RBB-Magazin „Kontraste“, solche Ratschläge seien „absolut fahrlässig“, weil Patienten die heilbare Zeit versäumten. In Großbritannien und Irland riefen die Aufsichtsbehörden Health Products Regulatory Authority sowie die Polizei Eltern autistischer Kinder ab, um MMS-Gebrauch zu erfassen; die geplanten UK-Kongresse in Alfriston wurden nach Protesten von Schulen und Gemeindezentren abgesagt.
Verschobene Termine, geheime Locations und das Ende der Reihe
Ein für Mai 2015 in den Niederlanden geplanter Kongress im NH Conference Centre Leeuhorst wurde vier Tage vorher abgesagt; offiziell „aufgrund der Umstände“. Auch die irische und britische Ausgabe fiel aus, nachdem mehrere Locations Räumlichkeiten verweigerten. 2018 wechselte die Organisa- tion kurzfristig vom Park Inn Alexanderplatz zum Maritim Pro Arte Hotel in Berlin-Friedrichstraße, um Kritikern keine Anlaufstelle zu nennen. Teilnehmer konnten erstmals Eintrittskarten per Bitcoin erwerben; parallel warb der Veranstalter für das Investment-Programm USI-Tech mit angeblichen Tagesrenditen von 1 %. Seit dem März 2018 liegen keine öffentlichen Termine mehr vor; die Internetpräsenz der Jim-Humble-Uitgeverij ist offline, Leo Koehof konzentriert sich nach eigenen Angaben auf Hilfsprojekte in Afrika. Ob die Reihe eingestellt wurde oder lediglich unter anderem Label weitergeführt wird, bleibt offen.
Weblinks
- FDA Consumer Update: Beware of False or Misleading Claims for Treating Autism
- Spiegel Online: Gefährliches „Wundermittel“ MMS – Wenn Quacksalber für giftige Chlorbleiche werben
- DocCheck News: Spirit of Health – Nepper, Schlepper, Wunderheiler
- HNA: Kasseler Wunderheiler-Messe – Abmahnung für Titelschwindel