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Urzeit-Code

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:03 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Urzeit-Code» angelegt/aktualisiert)
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Elektrostatische Felder sollen längst ausgestorbene Pflanzen und Tiere zurückholen – das behaupten Anhänger des „Urzeit-Codes“. Dahinter stehen zwei Schweizer Chemiker, ein paar Patente und jede Menge Esoterik. Was ist dran?

Die Erfindung: Ein Labor in Basel und die Vision von der Umkehr der Evolution

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Ende der 1980er Jahre arbeiteten die Basler Chemiker Guido Ebner und Heinz Schürch bei Ciba-Geigy an der Wirkung starker elektrostatischer Felder auf lebende Zellen. In einem internen Projekt lagerten sie Maiskörner, Farnsporen und Fischeier zwischen geladene Metallplatten – Feldstärken laut Patentanmeldung zwischen 1 V/cm und 10 kV/cm. 1989 reichte Ciba-Geigy ein europäisches Patent für ein „verbessertes Fischzuchtverfahren“ ein, das negative Elektroden über dem Wasser und positive darunter vorsah. Die Erfinder behaupteten, die Keimung beschleunige sich und bei Fischen trete eine „robustere Wildform“ auf. Nachdem das Unternehmen 1993 die Forschung einstellte, gründete Ebner die „Institute for Pharmaceutical Research“ und meldete 1997 ein weiteres Patent an, das elektrostatische Felder auf Kresse, Weizen, Mikroorganismen und Farn anwendet. Beide Erfinder starben 2001; Ebners Sohn Daniel übernahm die Idee und gründete 2013 die FIOS GmbH in Zofingen, die eine 500 Euro teure „Greenbox“ vertreibt – ein Kunststoffkästchen mit Netzteil, in dem Hobbygärtner Samen elektrisch „optimieren“ sollen.

Die Behauptungen: Zurück in die Tiefen der Zeit mit Kabel und Kondensator

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Anhänger sprechen von einer doppelten Wirkung: Ertragserhöhung und Rückentwicklung zu „Urformen“. Regenbogenforellen sollen durch Felderbehandlung den Laichhaken tragen, den nur noch wilde Lachse besitzen; ein „Urmais“ bilde statt einem bis zwölf Kolben; aus Wurmfarn mit gefiederten Wedeln werde Hirschzungenfarn mit runden Blättern – angeblich ein 300 Millionen Jahre alter Zustand. Die Chromosomenzahl steige spontan von 36 auf 41. Diese Geschichten zirkulieren seit 1988, als die Schweizer Fernsehsendung „Supertreffer“ die Versuche live präsentierte. Moderator Kurt Felix zeigte Pflanzenbilder und sprach von einem „Evolutionsrückschritt“. Auch der deutsche Esoterik-Verlag Ehlers bewarb das Verfahren 2007 in einer Pressemeldung als „Chance gegen den Welthunger“. In Internetforen berichteten Bastler von Tulpen mit Stacheln und Spinnen, die „kleine Saurier“ werden. Der Kölner Physikprofessor Günter Nimtz kommentierte damals, an den Stellen, wo sich die Zellen befänden, herrsche „gar kein elektrisches Feld“ – die Anordnung sei physikalisch wirkungslos.

Weblinks

  1. Spiegel-Artikel „Köstliche Chimäre“ vom 26. August 1996
  2. Hoaxilla-Podcast #22 – Der Urzeit-Code
  3. Eintrag Elektrokultur in der deutschsprachigen Wikipedia

Veröffentlichungen

  • Goodman R, Henderson A. Sine waves enhance cellular transcription. Bioelectromagnetics. 1986;7(1):23-29.
  • Schoen A. Auswirkungen elektrostatischer Felder auf das Keimverhalten und die Ontogenie verschiedener Getreidearten. Diplomarbeit, Universität Mainz. 2001.
  • Demiray H. Effect of static electric fields in root cells of Vicia faba (Fabaceae). Electromagn Biol Med. 2006;25(1):53-60.

Einzelnachweise

  1. Europäisches Patent EP 0351357 B1, erteilt am 3. März 1993, Anmelder: Ciba-Geigy AG
  2. Europäische Patentanmeldung EP 0791651 A1, veröffentlicht am 27. August 1997, Anmelder: IPR Institute for Pharmaceutical Research