Zum Inhalt springen
Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Pseudowissenschaft

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 22:48 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Pseudowissenschaft» angelegt/aktualisiert)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Lehren, die wissenschaftlich klingen, aber methodische Standards missachten, werden als Pseudowissenschaften bezeichnet. Welche Merkmale sie von etablierter Forschung unterscheiden und warum sie trotzdem an Bedeutung gewinnen.

Begriff und historische Einordnung

Begriff und historische Einordnung

Unter Pseudowissenschaft versteht man Lehren oder Praktiken, die durch Fachvokabular, Zahlenmaterial und scheinbar systematische Verfahren den Eindruck von Wissenschaft erwecken, ohne deren Qualitätsstandards zu erfüllen. Bereits 1844 tauchte im Northern Journal of Medicine die englische Bezeichnung „pseudo-science“ auf; sie wurde verwendet, um fragwürdige Lehren als bloße Ansammlung von vermeintlichen Fakten zu brandmarken, die unter Missachtung wissenschaftlicher Prinzipien verbreitet wurden. Die heute maßgebliche Abgrenzung geht maßgeblich auf Karl Popper zurück, der die Falsifizierbarkeit als zentrale Unterscheidungsmöglichkeit zwischen echter und vorgetäuschter Wissenschaft betonte. Danach muss eine empirische Theorie prinzipiell durch Beobachtung widerlegt werden können; wer immunisierende Strategien wählt, um kritische Daten auszuschließen, betreibt nach Popper Pseudowissenschaft. Diese Auffassung wurde später von Wissenschaftstheoretikern wie Thomas Huxley weiter ausdifferenziert und in zahlreiche Kriterienkataloge überführt.

Sieben zentrale Erkennungsmerkmale

Pseudoscience2.jpg

Der Philosoph Sven Ove Hansson fasste 1983 wiederkehrende Mängel in sieben Punkten zusammen, die seither zur Standarddiagnostik gehören. Er nannten sie die „Sieben Sünden der Pseudowissenschaft“. Danach fällt auf, dass fragwürdige Lehren häufig auf Autoritätsglauben setzen: Eine kleine Gruppe wird als besonders einfalls- oder erkenntnisfähig stilisiert, während externe Kritik pauschal abgewertet wird. Weitere Indizien sind nicht reproduzierbare Experimente, das Anführen handverlesener Einzelbeispiele statt repräsentativer Daten sowie eine grundsätzliche Weigerung, zugängliche Tests durchzuführen. Hinzu kommt die systematische Immunisierung gegen Widerlegungen, das Arrangieren von Scheintests, die nur Bestätigung liefern können, sowie die Entwicklung von Theorien mit geringerem Erklärungswert als die vorige Referenztheorie. Anton Derksen ergänzte 1993 eine ähnliche Liste und betonte zusätzlich den Mangel an empirischer Beweiskraft, die Verlockung durch scheinbar spektakuläre Übereinstimmungen sowie die Behauptung exklusiver Eingeweihten-Einsichten, die angeblich nur nach jahrelanger Läuterung zugänglich seien.

Weblinks

  1. Stanford Encyclopedia of Philosophy: Science and Pseudo-Science
  2. Scientific American: What Is Pseudoscience? (Michael Shermer)
  3. GWUP – Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften

Veröffentlichungen

  • Carl Sagan: Der Drache in meiner Garage. München 1997
  • Ben Goldacre: Die Wissenschaftslüge. Frankfurt 2010
  • Michael Shermer: Why People Believe Weird Things. New York 1998

Einzelnachweise

  1. Vgl. Northern Journal of Medicine 1844, S. 387
  2. Karl Popper: Ausgangspunkte. Piper, 2. Aufl. 2006, S. 118
  3. Anton Derksen: The Seven Sins of Pseudoscience. Journal for General Philosophy of Science 24 (1993) 17-42