Zum Inhalt springen
Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

AFA-Algen

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 22:31 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «AFA-Algen» angelegt/aktualisiert)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

AFA-Algen werden als Superfood gegen ADHS, Krebs und Immunschwäche angepriesen. Doch viele Produkte enthalten potenziell krebserregende Toxine, und gesicherte Wirksamkeitsnachweise fehlen.

Was sind AFA-Algen?

Afa2.jpg

Aphanizomenon flos-aquae (AFA) ist eine photosynthetisch aktive Cyanobakterien-Art, die in Süßgewässer vorkommt und handelsüblich als „Blaualge“ bezeichnet wird – eine irreführende Bezeichnung, da es sich evolutionär um Eubakterien handelt. Die Artengruppe ist alt: fossil belegte Formen reichen bis zu 3,5 Milliarden Jahre zurück. AFA tritt massenhaft beispielsweise im Upper Klamath Lake im US-Bundesstaat Oregon auf und wird dort industriell geerntet. Die getrocknete Biomasse gelangt seit den 1980er-Jahren als Pulver oder Pressling in den europäischen und nordamerikanischen Nahrungsergänzungsmittelmarkt. In der EU gelten solche Präparate als Lebensmittel und unterliegen der Richtlinie 2002/46/EG sowie der deutschen NemV. Gesundheitsbezogene Werbung ist demnach untersagt, kann aber kostenpflichtig abgemahnt werden.

Toxinbelastung: Lebergifte, Nervengifte und Krebsrisiko

Toxinbelastung: Lebergifte, Nervengifte und Krebsrisiko

Das zentrale Sicherheitsproblem vieler AFA-Produkte sind Cyanobakterientoxine. Besonders Mikrozystine – zyklische Peptidtoxine mit potenter Leberspezifität – wurden in zahlreichen Handelsmustern nachgewiesen. Die Substanzgruppe hemmt Proteinphosphatasen, fördert Leberzellapoptose und gilt nach Einstufung der WHO als „möglicherweise krebserregend für den Menschen“ (Gruppe 2B). Eine Untersuchung der Universität Konstanz (2008) fand in 10 von 16 getesteten AFA-Produkten Mikrozystin-Konzentrationen, die den von der EU empfohlenen Summenrichtwert von 1 µg/g um das Achtfache überschritten. Auch Anatoxin-a, ein nicotinischer Acetylcholin-Rezeptoragonist, sowie Saxitoxin, ein Natriumkanal-blockierendes Neurotoxin, wurden in einzelnen Stämmen nachgewiesen. Beide Wirkstoffklassen verursachen in Tierversuchen Atemlähmung und können beim Menschen über kontaminiertes Trinkwasser oder Nahrungsergänzer aufgenommen werden. Die Online-Datenbank des Instituts für Veterinärpharmakologie und -toxikologie der Universität Zürich listet Aphanizomenon flos-aquae daher mit dem Hinweis „stark giftig“. Hersteller argumentieren, nur vereinzelte AFA-Stämme produzierten Toxine und verweisen auf Reinheitsnachweise. Tatsächlich existieren nicht-toxinische Isolate, doch besteht wegen hoher genetischer Verwandtschaft zu toxinbildenden Anabaena-Stämmen stets Kontaminationsrisiko. Langzeitstudien zur Bioakkumulation in der menschlichen Leber liegen bislang nicht vor.

Weblinks

  1. Stiftung Warentest: Algenpräparate – Die grüne Gefahr
  2. BfR: AFA-Algen und AFA-Algenprodukte
  3. DGE: Wie nützlich sind AFA-Algen für die Gesundheit?

Veröffentlichungen

  • Gilroy DJ, Kauffman KW, Hall RA, Huang X, Chu FS: Assessing potential health risks from microcystin toxins in blue-green algae dietary supplements. Environmental Health Perspectives 108: 435-439, 2000
  • Schaeffer DJ, Maplas PB, Barton LL: Risk assessment of microcystins in dietary Aphanizomenon flos-aquae. Ecotoxicology and Environmental Safety 44: 73-80, 1999

Einzelnachweise

  1. WHO: Guidelines for Safe Recreational Water Environments, Vol. I