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Bioresonanz

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 21:35 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Bioresonanz» angelegt/aktualisiert)
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Die Bioresonanztherapie basiert auf der Annahme, der Körper sende krankheitsrelevante elektromagnetische Schwingungen aus. Diese Signale sollen über Geräte verstärkt, invertiert und zurückgeleitet werden, um Beschwerden zu lindern. Eine wissenschaftliche Wirksamkeit ist bisher nicht belegt.

Entstehung und Verbreitung des Verfahrens

Entstehung und Verbreitung des Verfahrens

Die Bioresonanztherapie geht auf den Arzt Franz Morell (1921–1990) und den Ingenieur Erich Rasche (1946–2010) zurück. 1977 stellten sie das erste Gerät vor, das nach ihren Initialen MORA-Therapie genannt wurde. Das Konzept knüpft an die Elektroakupunktur nach Voll (EAV) an, bei der Messungen am Hautwiderstand erfolgen. Später tauchten weitere Bezeichnungen wie biophysikalische Informationstherapie (BIT), elektromagnetische Resonanztherapie oder Multiresonanztherapie auf. Heute wird das Verfahren in vielen alternativmedizinischen Praxen angeboten, teils auch für Tiere und Pflanzen. In Österreich wird zudem eine Variante zur Gewichtsreduktion (AMB-Methode) beworben. Die Kosten übernehmen gesetzliche Krankenkassen in Deutschland nicht, da der Gemeinsame Bundesausschuss eine fehlende Wirksamkeitsprüfung feststellte.

Funktionsweise der Geräte

Funktionsweise der Geräte

Ein typisches Bioresonanzgerät nimmt über eine Handelektrode eine elektrische Wechselspannung vom Patienten auf. Dieses Signal wird verstärkt, gegebenenfalls invertiert und anschließend über eine zweite Elektrode zurückgeleitet. Die Begründung: Durch Überlagerung der ursprünglichen mit der invertierten Schwingung sollen „pathologische“ Anteile gelöscht werden. Filter (Hochpass, Tiefpass oder Bandpass) begrenzen zuvor den Frequenzbereich. Einige Geräte enthalten zusätzlich einen sogenannten Separator oder „Molekularsaugkreis“. Diese Bauteile sollen „harmonische“ von „disharmonischen“ Signalanteilen trennen, indem das elektrische Signal an einen kleinen Behälter mit Substanzen wie Chlorophyll oder Hämoglobin gekoppelt wird. Wie diese Trennung physikalisch erfolgen soll, bleibt unklar; nachweisliche Messdaten liegen nicht vor. Die Behandlung dauert wenige Minuten bis zu einer halben Stunde, wobei die „Therapieschwingung“ sekundenweise mit Pausen wiederholt wird. Neben Handelektroden kommen auch Handschuhe, Fußlinge oder Matten mit eingewebten Metallfäden zum Einsatz.

Physikalische und biologische Einwände

Physikalische und biologische Einwände

Die Annahme, der Körper strahle charakteristische elektromagnetische Schwingungen ab, die sich mit einfachen Verstärkern erfassen und manipulieren ließen, widerspricht physikalischen Grundlagen. Die abgegriffenen Signale bestehen überwiegend aus technischen Störfeldern, insbesondere der 50-Hz-Netzfrequenz und ihren Oberwellen. Diese Störspannungen sind zwar messbar, lassen sich jedoch nicht mit individuellen Krankheitsmustern in Verbindung bringen. Befürworter erklären ausbleibende Messergebnisse häufig mit der Behauptung, die Körpersignale seien „zu schwach“ und würden im Geräterauschen untergehen. Gleichzeitig postulieren sie aber, dass dieselben Signale problemlos verstärkt und invertiert werden könnten – ein Widerspruch. Zudem fehlen reproduzierbare Frequenzspektren, die eine Diagnose oder Verlaufskontrolle erlauben würden. Patentschriften und Aussagen Morells zeigen esoterische Vorstellungen zur Elektrotechnik, etwa die Behauptung, eine Schwingung könne durch simple Invertierung „gelöscht“ werden. Auch die Trennung von „guten“ und „schlechten“ Frequenzanteilen mit Hilfe von Pflanzenpigmenten oder Mineralien ist physikalisch nicht plausibel, da elektrische Signale im Bereich von Hertz bis Kilohertz nicht mit optischen Filtereigenschaften wechselwirken.

Verfahren im klinischen Alltag

In der Praxis wird Bioresonanz häufig bei allergischen Erkrankungen, Schlafstörungen, chronischer Müdigkeit und Schmerzen eingesetzt. Manche Anbieter diagnostizieren zunächst mit Elektroakupunktur nach Voll, indem sie den Hautwiderstand an Akupunkturpunkten messen und Glasampullen mit Allergenextrakten in die Schaltung einbringen. Ein von 50 abweichender Zeigerausschlag gilt dann als „Belastung“. Anschließend wählt der Therapeut ein passendes „Frequenzmuster“ aus dem Gerätespeicher oder verwendet das invertierte Patientensignal. Die Sitzungen wiederholen sich mehrmals wöchentlich über Wochen bis Monate. Da objektive Messgrößen fehlen, erfolgt die Erfolgsbeurteilung überwiegend subjektiv. Kritiker warnen vor Fehldiagnosen und verzögerter konventioneller Therapie, etwa bei unerkannten Infektionen oder Tumoren. In der Schweiz rät die Fachkommission der Gesellschaft für Allergologie und Immunologie einstimmig von diagnostischer und therapeutischer Anwendung ab.

Studienlage und regulatorische Bewertung

Randomisierte, placebokontrollierte Studien zeigen für Bioresonanz keine Wirksamkeit über den Placebo-Effekt hinaus. Eine Untersuchung an Kindern mit atopischem Ekzem führte zu keinem Unterschied zwischen aktiver und Scheinbehandlung. Bei der Therapie des kindlichen Stotterns ebensowenig wie bei allergischer Rhinitis oder Asthma. Eine kleine Pilotstudie zur Rauchentwöhnung berichtete einen positiven Effekt, doch die Fallzahl war gering und die Blinding-Qualität umstritten. Systematische Reviews kommen übereinstimmend zum Schluss, dass keine zuverlässigen Daten für eine klinische Nutzen-Risiko-Relation vorliegen. In Deutschland ist das Verfahren seit 2006 im Anhang II der Methoden-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses aufgeführt, was eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen ausschließt. Die Schweizerische Ärztezeitung bezeichnet Bioresonanz als „diagnostischen und therapeutischen Unsinn“. Trotzdem bleibt das Angebot vielfältig, da die Geräte als „Wellness“-Produkte oder für Tierheilkunde vermarktet werden und damit der Regulierung entgehen.

Weblinks

  1. GWUP-Dossier zur Bioresonanztherapie
  2. AOK-Bundesverband: Bioresonanztherapie
  3. SRF-Beitrag „Esoterischer Humbug – Bioresonanztherapie: Viel Geld für keine Wirkung“

Veröffentlichungen

  • Stiftung Warentest: Bioresonanztherapie. In: Die Andere Medizin, S. 111-115, Berlin, Januar 2006
  • Edzard Ernst: Bioresonance, a study of pseudo-scientific language. Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd. 2004;11(3):171-173
  • Schoni MH et al.: Efficacy trial of bioresonance in children with atopic dermatitis. Int Arch Allergy Immunol. 1997;112(3):238-246
  • Cap F: Bemerkungen eines Physikers zur Bioresonanz. Allergologie 1995;18:253-257

Einzelnachweise

  1. Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses, Anlage II Nr. 17, Stand 18.12.2014 (PDF)
  2. Übersichtsarbeit der Schweizerischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie, Schweiz Ärztezeitung 2006;87(2):50-54