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Fürstentum Germania

Aus Faktenradar
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Von Februar bis Mai 2009 nutzte eine Gruppe um Michael Freiherr von Pallandt und Jessie Marsson das Schloss Krampfer in der Prignitz als „Regierungssitz“ des selbstproklamierten Fürstentums Germania. Die Aktion endete mit einer Zwangsräumung, internen Querelen und dem Plan einer Exilregierung in Südamerika.

Staatsgründung auf einer Brandenburger Schlossruine

Staatsgründung auf einer Brandenburger Schlossruine

Am 15. Februar 2009 versammelten sich rund 200 Menschen auf dem Gelände des verfallenen Schlosses Krampfer bei Plattenburg im brandenburgischen Landkreis Prignitz. Unter ihnen befanden sich der Adoptivadlige Michael Freiherr von Pallandt und der mehrfach pseudonym auftretende Jessie Marsson. In einer kurzen Zeremonie wurde Pallandt zum „Fürsten“ des neu ausgerufenen Fürstentums Germania erklärt. Die Gruppe beanspruchte das denkmalgeschützte Anwesen samt 4.000 m² Grundstück als „Staatsgebiet“ und verfasste eine eigene Verfassung. Wer der Organisation beitreten wollte, musste lediglich eine Beitrittserklärung unterschreiben – damit erhielt man laut Selbstverständnis automatisch die „germanische Staatsangehörigkeit“ und verlor zugleich die deutsche. Bis Ende Februar hatten laut Angaben der Initiatoren 200 bis 300 Personen diesen Schritt vollzogen. Die Mehrheit der Anhänger rekrutierte sich aus dem Umfeld sogenannter Reichsbürger, Freiwirtschaftler sowie Esoterik- und Verschwörungsszene. Als „Kirchenstaat“ bezeichneten sich die Organisatoren, obwohl weder eine anerkannte Religionsgemeinschaft noch ein geistliches Leitbild vorhanden war.

Alltag in der Ruine: Spenden, Bauverstöße und Gerüchte

Alltag in der Ruine: Spenden, Bauverstöße und Gerüchte

Die Bewohner des Schlosses lebten von Spenden und Zuwendungen, wie ein im Mai 2009 befragter Teilnehmer gegenüber der Märkischen Allgemeinen einräumte. Um die marode Bausubstanz provisorisch abzudichten, begannen Arbeitslose der NU-ERA-Bewegung mit Aufräumarbeiten. Ein Bauantrag auf Umnutzung zu Wohnzwecken wurde trotz wiederholter Aufforderungen seitens des Landkreises nicht gestellt. Das Bauamt stellte fest, dass weder eine funktionierende Heizung noch ein Kanalanschluss oder gesicherte Stromleitungen vorhanden waren. Nach einer Begehung unter Polizeischutz am 7. Mai 2009 setzte die Behörde eine Frist bis zum 15. Mai, das Gebäude zu verlassen. Bereits im März hatte ein Bürgerinformationstreffen im nahegelegenen Ort Krampfer gezeigt, dass die Dorfgemeinschaft die Selbstermächtigung der Gruppe ablehnte. Die Stimmung spitzte sich zu, als im Internet Gerüchte über einen angeblichen Polizeiüberfall auf „bewaffnete Einheiten der BRD“ kursierten. Der als „freier Journalist“ auftretende Rechtsaktivist Christoph Kastius behauptete in einem Forum, Beamte hätten ohne richterlichen Durchsuchungsbescheid das Gelände betreten wollen. Der regionale Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) erstattete seinerseits Anzeige wegen des Verdachts auf Rauschgiftbesitz im Schloss.

Räumung, Flucht in eine 40-Quadratmeter-Wohnung und interne Machtkämpfe

Räumung, Flucht in eine 40-Quadratmeter-Wohnung und interne Machtkämpfe

Am 19. Mai 2009 rückte die Polizei an, versiegelte das Gebäude und brachte die verbliebenen Aktivisten zum Aufbruch. Ein Teil versuchte noch in Zelten auf dem Gelände zu bleiben, zog dann aber in eine angemietete 40-Quadratmeter-Wohnung im Ort um. Die NU-ERA-Anhänger lösten sich offiziell vom Fürstentum und gründeten in Kleinow das Projekt „Areal:Löwenzahn“. Mit der Zwangsräumung begann auch der öffentliche Streit innerhalb der Gruppe. Der ehemalige Dresdner-Bank-Mitarbeiter und als „kosmisches Paar“ auftretende Coach Alexander Przibill, der zusammen mit Sylvia Annett Bräuning das „Neues-Lebens-Bewusstsein“-Seminarprogramm betrieb, hatte sich im März zum Volksrat wählen lassen. Bereits im Juni distanzierte er sich per E-Mail vom Projekt. Auch Manuela Pfeifer und Thomas Patzlaff traten zurück. Patzlaff beklagte in einer Rundmail „mangelndes Engagement des Volkes“ und warf den Initiatoren vor, „über Monate im Ungewissen“ gelassen zu haben. Jessie Marsson wiederum erklärte das Projekt in Krampfer per Video für beendet und machte einen bis dahin unbekannten „Bernd Gruber“ für finanzielle Fehlschläge verantwortlich. Gleichzeitig kündigte er an, das Schloss zu einem Mehrfachen des ursprünglichen Kaufpreises verkaufen zu wollen, um in Südamerika eine „Exilregierung“ zu errichten.

Medienecho und kirchliche Stellungnahmen

Der rbb widmete dem Vorgang mehrere Beiträge und titelte im März 2009: „Sekte will eigenes Reich gründen“. Spiegel TV, die Berliner Morgenpost, die taz und weitere Medien berichteten ebenfalls. Sektenbeauftragter Thomas Gandow warnte vor einer „karnevalsartigen Tarnung“, die den Blick auf rechtsextreme und esoterische Netzwerke verstelle. Die evangelischen Kirchengemeinden des Kirchenkreises Perleberg-Wittenberge erklärten in einer gemeinsamen Erklärung, der Begriff „Kirchenstaat“ werde bewusst missbraucht; man werde das Schloss Krampfer nicht erwerben und forderte Aufklärung durch die Behörden. In der Folge löschte die deutschsprachige Wikipedia einen kurzzeitig angelegten Artikel über das Fürstentum als nicht relevant. Auch das von den Initiatoren betriebene Forum auf Yooco.de wurde im April 2009 ohne Kommentar abgeschaltet. Bis heute existieren mehrere kleine Webseiten, die sich auf das Fürstentum berufen; die Domain fürstentum-germania.org läuft auf einen Schweizer Verein zur Förderung zensurfreier Medien.

Selbstbild, angebliche Anerkennung und Nachfolgeprojekte

Nach außen erweckten die Organisatoren den Eindruck, mindestens drei ungenannte Staaten hätten das Fürstentum bereits anerkannt. Der Verschwörungstheoretiker Jo Conrad behauptete im März 2009, Russland habe signalisiert, Germania diplomatisch anzuerkennen; ein gewisser „Harald“ habe direkten Zugang zu Wladimir Putin. Tatsächlich existierten lediglich Kontaktversuche über private Ausweispapiere der Firma WSA, die in einigen afrikanischen Ländern von Zöllnern nicht beanstandet wurden. Im April 2010 veröffentlichte eine verbliebene Gruppe um den Schweizer Beat Frischknecht einen „Erlass der Fürstenverwaltung“, in dem ein neuer Volksrat sowie Sonderbeauftragte für Zivil- und Staatsschutz ernannt wurden. Als Postanschrift diente erneut der Schweizer Verein zur Förderung zensurfreier Medien. Ob Jessie Marssons angekündigte Auslandsprojekte – darunter die Betreibung einer afrikanischen Plantage mit „Freie-Energie-Anlagen“ – realisiert wurden, ist nicht dokumentiert. Das Schloss Krampfer steht mittlerweile leer und soll laut Eigentümer gezielt dem Verfall anheimfallen.

Weblinks

  1. KRR-FAQ-Dossier zum Fürstentum Germania
  2. Inforiot: „Neues Germanien in alten Gemäuern“
  3. Märkische Allgemeine zum Räumungstermin
  4. Religio.de-Lexikonartikel
  5. KRR-FAQ-Blog: Zwei Rückblicke (Mai 2010)