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Europäische Union der Homöopathie

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Die Europäische Union der Homöopathie (EUH) strebt seit 2001 eine staatliche Anerkennung des Homöopathenberufs an. Mit der Gründung der Homöo-Akademie in Traunstein und einem geplanten Bachelorstudiengang sollte dieses Ziel vorangetrieben werden. Doch das Projekt scheiterte an rechtlichen, wissenschaftlichen und öffentlichen Bedenken.

Gründung und politische Ziele der EUH

Gründung und politische Ziele der EUH

Die Europäische Union der Homöopathie (EUH) wurde im Jahr 2001 gegründet und hat ihren Sitz in Deutschland. Sie versteht sich als Lobbyorganisation für Homöopathen aus Deutschland und der Schweiz. Ihr erklärtes Hauptziel ist die politische Anerkennung des Berufsstands eines „Homöopathen E.H.D.“ in der Europäischen Union. Die Abkürzung E.H.D. steht für „European Homoeopathic Degree“, einen von der EUH selbst initiierten akademischen Titel. Damit verfolgt der Verein die Gleichstellung einer klassischen medizinischen Ausbildung mit einem Studium der Homöopathie. Ein weiteres zentrales Anliegen ist die Etablierung eines eigenständigen Heilberufs, der ausschließlich auf homöopathischen Behandlungsmethoden basiert. Um dies zu erreichen, setzt sich die EUH für die Einrichtung entsprechender Studiengänge an Hochschulen ein. Im Jahr 2013 gründete sie die sogenannte Homöo-Akademie in Traunstein, die in Kooperation mit der privaten Steinbeis-Hochschule Berlin einen Bachelorstudiengang in klassischer Homöopathie anbieten sollte. Bereits ein Jahr später, im März 2014, zog sich die Hochschule jedoch aus dem Projekt zurück.

Organisation und interne Struktur

Organisation und interne Struktur

Die EUH gliedert sich in drei Teilorganisationen: eine Stiftung, einen Berufsverband und einen eingetragenen Verein. Die Stiftung der EUH verfolgt das Ziel, eine Europäische Hochschule für Homöopathie zu errichten und den „European Homoeopathic Degree“ als akademischen Abschluss einzuführen. Der Stiftungsrat wird von einem vierköpfigen Kuratorium berufen, dem unter anderem der Psychiater Urs Rentsch angehört. Rentsch leitet zudem das Steinbeis-Transfer-Institut EUH, das die wissenschaftliche Koordination des geplanten Studiengangs übernahm. Der Berufsverband der EUH hatte Ende 2013 etwa 60 Mitglieder, darunter Heilpraktiker, Ärzte, Apotheker und weitere Berufsgruppen. Etwa die Hälfte der Mitglieder waren Heilpraktiker, zwölf sogenannte „Naturärzte“ zählten ebenfalls dazu. Die dritte Säule, die Homöopathische Gesellschaft e. V., sieht sich als Unterstützer der Stiftung durch öffentliche Aufklärung, Vorträge und Spendensammlung. Sie richtet sich auch an Patienten und Interessierte. Kontaktadresse für alle drei Organisationen ist die Praxis der Heilpraktikerin Susanne Augst in Müllheim (Baden-Württemberg), die zugleich Mitglied des Stiftungsrats ist.

Das Konzept der „Rationalen Heilkunde“ und die Rolle Hahnemanns

Das Konzept der „Rationalen Heilkunde“ und die Rolle Hahnemanns

Die EUH propagiert ein Konzept, das sie als „Rationale Heilkunde im Sinne Samuel Hahnemanns“ bezeichnet. Damit versteht sie mehr als die reine Anwendung homöopathischer Arzneien – es gehe vielmehr darum, die Denk- und Arbeitsweise Hahnemanns auf die heutige Zeit zu übertragen. Dazu zählen seine Theorien zur Entstehung chronischer Krankheiten und seine Auffassung zur Natur von Gesundheit und Krankheit. Die EUH kritisiert, dass die moderne Medizin zunehmend von ökonomischen Interessen geprägt sei und dass chronische Erkrankungen bewusst nicht geheilt, sondern zur Gewinnmaximierung genutzt würden. Die von ihr vertretene „Rationale Heilkunde“ soll als Gegenentwurf dienen. Dabei beruft sie sich auf historische Ausbildungsmodelle, insbesondere auf die USA vor dem Jahr 1910. Dort hatte es bis dahin zahlreiche homöopathische Hochschulen gegeben, die eine flächendeckende Versorgung mit Homöopathie ermöglichten. Mit dem Flexner Report von 1910 änderte sich dies: Seither müssen medizinische Studiengänge wissenschaftlichen Standards genügen, was zur Schließung vieler privater Homöopathie-Institute führte. Die EUH sieht in diesem historischen Einschnitt eine Fehlentwicklung und fordert die Wiederaufnahme eigenständiger homöopathischer Studiengänge.

Die Homöo-Akademie Traunstein: Studienkonzept und Kritik

Die geplante Homöo-Akademie in Traunstein sollte einen dreijährigen Bachelorstudiengang in „Complementary Medicine and Management“ mit Schwerpunkt klassischer Homöopathie anbieten. Das Studium war in Blockveranstaltungen unterteilt und kostete rund 7.200 Euro pro Jahr. Die Inhalte orientierten sich stark an den Schriften Samuel Hahnemanns, insbesondere am „Organon“ und seinem Werk „Die chronischen Krankheiten“. Zentrale Begriffe wie „Miasmen“ spielten dabei eine wichtige Rolle. Die akademische Leitung lag bei der Ärztin Wiebke Lohmann, die sich unter anderem auf das umstrittene Konzept des „Wassergedächtnisses“ beruft und sich von Forschern wie Jacques Benveniste und Masaru Emoto inspiriert zeigt. Auch andere Dozenten wurden kritisch beäuchtet: Der Allgemeinmediziner Christoph Abermann propagiert unter anderem homöopathische Mittel aus menschlichem Krebsgewebe und warnt vor Lagerung von Arzneien in der Nähe von Elektrogeräten. Der Heilpraktiker Josef-Karl Graspeuntner ist Impfgegner und verbreitet widerlegte Theorien über Impfschäden. Die wissenschaftliche Qualifikation des Lehrpersonals wurde von Kritikern angezweifelt, da viele Dozenten keine nachweisbare wissenschaftliche Laufbahn haben und sich auf pseudowissenschaftliche Konzepte stützen.

Rechtliche Bedenken und öffentliche Kontroverse

Bereits im Vorfeld der geplanten Studienaufnahme wurde das Projekt heftig kritisiert. Blogger und Wissenschaftsaktivisten wie Norbert Aust stellten fest, dass der geplante Studiengang nicht die Voraussetzungen des Bayerischen Hochschulgesetzes erfülle. So müssten Lehrkräfte über ein abgeschlossenes Hochschulstudium und Promotionsabschlüsse verfügen, was bei vielen Dozenten nicht der Fall sei. Die Steinbeis-Hochschule Berlin, die formal für den Studiengang verantwortlich zeichnete, verwies darauf, dass das Verfahren nach Artikel 86 des Bayerischen Hochschulgesetzes lediglich eine formale Prüfung durch das bayerische Wissenschaftsministerium erfordere. Die inhaltliche Verantwortung liege bei der Hochschule selbst. Die Akkreditierung des Studiengangs war zum Zeitpunkt der geplanten Aufnahme im Herbst 2014 noch nicht abgeschlossen. Nach öffentlichem Druck zog sich die Steinbeis-Hochschule im März 2014 aus dem Projekt zurück. Der Präsident der Hochschule, Johann Löhn, begründete dies mit der „inflationären Zahl“ neuer Studiengänge und der mangelnden wissenschaftlichen Fundierung des Homöopathie-Studiums. Die Internetseite der Homöo-Akademie wurde daraufhin weitgehend offline genommen. Die Akademieleiterin Anja Wilhelm sprach von einer „Kampagne“ der „Skeptiker-Bewegung“ und behauptete, dass ein renommierter Mediziner durch „falsche rechtliche Argumente“ von einer Dozententätigkeit abgehalten wurde.

Referenzen auf umstrittene Forscher und impfkritische Positionen

Die EUH stützt sich in ihrer Argumentation wiederholt auf Personen und Theorien, die in der wissenschaftlichen Gemeinschaft als pseudowissenschaftlich gelten. So wird auf ihrer Website die Heilpraktikerin Karin Lenger verwiesen, die mit Methoden wie Biophotonen, Skalarwellen und Wünschelruten die Wirksamkeit homöopathischer Hochpotenzen nachweisen will. Auch der französische Nobelpreisträger Luc Montagnier wird zitiert, dessen spätere Experimente zum „Wassergedächtnis“ in der Fachwelt auf breite Kritik stießen. Unter der Überschrift „Nobelpreisträger entdeckt wissenschaftliche Grundlage der Homöopathie“ verlinkt die EUH unkritisch auf entsprechende Veröffentlichungen. Zudem finden sich auf der Website Verweise auf impfkritische Organisationen wie den Verein „Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung“. Die EUH stellt dort unter anderem die Wirksamkeit der saisonalen Grippeimpfung in Frage. Solche Inhalte verstärken den Eindruck, dass sich die Organisation nicht an wissenschaftlichen Standards orientiert, sondern auf alternative Erklärungsmodelle und gesellschaftliche Kontroversen setzt.

Weblinks

  1. Stopp für Homöo-Studium. Süddeutsche Zeitung, 5. April 2014
  2. Neues von der Homöo-Akademie Traunstein – GWUP-Blog, 12. Dezember 2013
  3. Homöopathie Akademie in Traunstein – die nächste Runde Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie, 9. Dezember 2013
  4. Die Hohe Schule der Verwirrung – Die Ausrufer, 18. März 2012
  5. Internetseite der Europäischen Union der Homöopathie (EUH)