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Andullationstherapie

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:43 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Andullationstherapie» angelegt/aktualisiert)
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Andullationstherapie wird als schmerzlindernde Vibrationsmassage mit Infrarotwärme beworben. Hersteller versprechen Selbstheilung und Regulation, doch Studienlage und Sachverständige sehen keinen gesicherten Nutzen. Krankenkassen übernehmen keine Kosten.

Was ist Andullationstherapie?

Was ist Andullationstherapie?

Andullationstherapie ist eine Form der mechanischen Vibrationstherapie, bei der der Anwender auf einer elektrisch angetriebenen Liege mit Schwingkörpern und Infrarotlicht behandelt wird. Die Geräte erzeugen frequenzmodulierte Vibrationen zwischen etwa 2 Hz und 100 Hz, kombiniert mit wärmender Rotlicht- beziehungsweise Infrarotstrahlung. Befürworter sprechen von „stochastischen Resonanzen“, die Zellen, Gewebe und Organe zur Selbstregulation anregen sollen. Die Methode wird überwiegend in Privatpraxen, Wellness-Studios und häuslicher Selbstbehandlung eingesetzt. Gesetzliche Krankenkassen bezahlen die Behandlung nicht, weil ein nachweislicher Krankheitsnutzen bislang nicht erbracht wurde. Die Geräte tragen Markennamen wie ANDUBALANCE oder ANDUMEDIC und werden von der Firma hhp – Home Health Products GmbH aus Karlsruhe vertrieben. Preislich liegen die Liegen für Endkunden laut Anbieterangaben um 4 000 Euro; zusätzliche Produkte wie Pferdedecken, Vibrationskissen oder Matratzen ergänzen das Sortiment.

Technische Grundprinzipien und Frequenzkonzept

Technische Grundprinzipien und Frequenzkonzept

Die Massage erfolgt durch Unwuchtmotoren, die in der Liege eingebaut sind und rhythmische Schwingungen auf den Körper übertragen. In der Patentschrift DE 102007051411 A1 unterteilt der Anmelder drei Frequenzbereiche: unter 22 Hz für Blut- und Lymphflüssigkeit, 22–45 Hz für Weichteile wie Muskulatur oder Magen-Darm-Trakt sowie 45–70 Hz für Bindegewebe und Nervensystem. In der Kommunikation des Unternehmens werden darüber hinaus Einzelfrequenzen mit konkreten Wirkungen verknüpft: 2 Hz soll Nervenregeneration fördern, 7 Hz Knochenwachstum, 10 Hz peritumoröse Ödeme lindern und 70 Hz Schmerzen reduzieren. Ob diese Zuordnungen empirisch belegt sind, bleibt offen. Zusätzlich wird Infrarotlicht eingesetzt, um die Durchblutung der Haut zu erhöhen und eine Tiefenwärme zu erzeugen. Die Kombination aus Wärme und Vibration soll die angeblichen Heileffekte verstärken.

Wissenschaftlicher Erkenntnisstand

Wissenschaftlicher Erkenntnisstand

Obwohl die Wirkung niederfrequenter Vibrationen auf den Menschen in der Forschung untersucht wird, fehlen für die spezifische Kombinationstechnik der Andullation bisher randomisierte, placebo-kontrollierte Studien in anerkannten Fachjournalen. Eine Bachelorarbeit an der Hochschule Fresenius aus dem Jahr 2005 beschäftigt sich mit oszillierender Vibrationsmassage bei venösem und lymphatischem Stau, doch die Ergebnisse sind nicht publiziert und methodisch begrenzt. Die als interne Gutachten zirkulierenden Untersuchungsberichte von Roland Stutz und Mitarbeitern sind ebenfalls nicht in peer-reviewten Medien erschienen. Das Deutsche Patent- und Markenamt lehnte den Hauptpatentantrag 2013 mangels ausreichender Ausführbarkeit ab; ein Einspruch des Unternehmens blieb 2015 ohne Erfolg. Die Behauptung, durch chaotische Trägerfrequenzen könnten „Zellinformationen“ wiederhergestellt werden, wird von etablierter Biophysik nicht gestützt. Die Europäische Gesellschaft für Schmerzforschung und andere Fachgesellschaften erwähnen die Methode nicht in ihren Leitlinien.

Organisationen, Personen und Vermarktung

Zentrale Figur ist der Sportwissenschaftler Roland Stutz, geboren 1961, der die Deutsche Gesellschaft für Andullationstherapie (DGA) leitet und bis etwa 2015 den Titel „Prof. Dr. phil.“ führte. Die Universität Sevilla bestätigte auf Anfrage deutscher Medien, dass die vorgelegte Urkunde keine Professur verleiht; die zuständige Behörde in Deutschland stufte das Führen des Titels als nicht zulässig ein. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelte wegen unerlaubten Titelgebrauchs. Die DGA bezeichnet sich als Fachgesellschaft und bietet Schulungen an; einige Anbieter werben mit dem Zusatz „qualifizierter Fachanwender“. In der Öffentlichkeit sorgten Berichte über gezielte Haustürgeschäfte und Telefonwerbung für Aufsehen. Interessenten, die Online-Schmerzfragebögen ausgefüllt hatten, wurden laut ARD-Sendung Plusminus und Recherchen des MDR unaufgefordert besucht und unter Druck gesetzt, Liegen zu erwerben. Rabatte wurden angeblich von „Zuschüssen“ abhängig gemacht, die aber jedem Interessenten zugesagt wurden. Mitarbeiter berichteten, sie seien ausschließlich auf Abschlussprovision angewiesen gewesen. Die Firma hhp wies die Vorwürfe zurück und kündigte juristische Schritte an, scheiterte jedoch 2015 vor dem Landgericht Köln mit dem Versuch, Berichterstattung des MDR zu untersagen.

Kooperationen mit Universitäten und Prüfinstitutionen

In der Kundenansprache wurde wiederholt auf eine angebliche Zusammenarbeit mit der „Universität Karlsruhe“ beziehungsweise dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) verwiesen. Das KIT erklärte gegenüber ARD und MDR, keine wissenschaftliche Studie durchzuführen, und distanzierte sich von dem Projekt. Die genannte interdisziplinäre Forschungsgruppe „Hiper.Campus“ ist laut KIT ein pädagogisches Projekt zur Leistungsforschung, nicht zur klinischen Wirksamkeitsprüfung. Ein angebliches Kontaktstudium zum „hochschulzertifizierten Andullationstherapeuten“ wurde eingestellt. Positiv dargestellte Testurteile stammen unter anderem vom „Deutschen Verbraucher Verein e. V.“ und dem „IMR Institute for Medical Research“ in Lausanne. Beide Organisationen sind kaum öffentlich dokumentiert; der Verein ist in keinem deutschen Register auffindbar, das IMR ist ein eingetragener Schweizer Verein mit Roland Stutz und dem deutschen Unternehmer Peter Knolle in der Leitung. Die IMR-Webseite bewirbt die Liege mit Hinweisen auf Quantenmedizin und vergleicht 15 Minuten Anwendung mit einer Stunde Sport. Ein unabhängiges Institut mit dem Namen existiert an der Universität Lausanne nicht.

Rechtliche Auseinandersetzungen und Alternativprodukte

Gegen Vorstandsmitglieder der hhp AG laufen seit Jahren Ermittlungen wegen Betrugsverdachts im Zusammenhang mit manipulierten Krankenkassenabrechnungen. Die Staatsanwaltschaft Calw fasste nach MDR-Recherche mehr als 1 500 Einzelfälle zusammen. Die Verfahren sind teilweise noch anhängig. Parallel versuchen verschiedene Anbieter, vergleichbare Geräte unter Begriffen wie „Schallwellenliege“, „Schwingfeldtrainer“ oder „Schumann-Resonanz-Platte“ zu vermarkten. Auch diese Produkte berufen sich auf wissenschaftlich nicht gesicherte Frequenzkonzepte und machen Heilversprechen, die in der Regel nicht durch klinische Studien belegt sind. Verbraucherzentralen raten, bei Schmerzen oder chronischen Erkrankungen ärztlich abgesicherte Therapien zu nutzen und vor dem Kauf kostenintensurgeräte kritisch zu prüfen.

Weblinks

  1. Deutsches Patent- und Markenamt – Verfahrensakte DE102007051411A1
  2. ARD Plusminus-Beitrag „Andullationstherapie“ (28.08.2013)
  3. MDR Umschau extra „Das lukrative Geschäft mit fragwürdigen Medizinprodukten“ (15.04.2014)

Veröffentlichungen

  • Klein F. Eine empirische Studie über die Wirkung oszillierender Vibrationsmassage in Verbindung mit Infrarotbestrahlung bei Stau im venösen und lymphatischen System. Bachelor-Arbeit, Hochschule Fresenius, 2005.
  • Stutz R, Gebel R. Untersuchung der physiologischen Wirkung der oszillierenden Massageliege auf den menschlichen Organismus (Querschnittanalyse), 2003.
  • Stutz R, Gebel R. Untersuchung der physiologischen Wirkung der oszillierenden Massageliege auf den menschlichen Organismus (Längsschnittanalyse), 2004.
  • Frohn B, Stutz R. Andullation – Quelle der Gesundheit. Systemed Verlag, 2012.