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Die Violetten

Aus Faktenradar
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Seit 2001 tritt die deutsche Kleinpartei „Die Violetten“ für ein Programm aus Ökologie, Direkter Demokratie und alternativer Heilkunde an. Trotz bundesweiter Präsenz auf Esoterikmessen bleiben ihre Wahlergebnisse unter 0,2 Prozent.

Gründung, Namenswahl und Organisationsstruktur

Gründung, Namenswahl und Organisationsstruktur

Am 6. Januar 2001 wurde in Deutschland erstmals eine Partei gegründet, die sich ausdrücklich an esoterisch Interessierte richtete. Unter dem Arbeitstitel „Alternative spirituelle Politik im neuen Zeitalter“ formierten sich Gründer um eine Plattform, die 2003 in „Die Violetten – für spirituelle Politik“ umbenannt wurde. Die Farbe Violett wurde nach Überzeugung der Mitglieder gewählt, weil sie im sichtbaren Spektrum die höchste Frequenz besitzt und zugleich durch die Mischung von Rosa (weiblich) und Blau (männlich) die Einheit der Geschlechter symbolisieren soll. Bundesgeschäftsstelle ist Wölfersheim in Hessen. Als Parteisymbol dient ein Schmetterling, der für Wandel und Transformation steht. Seit Juli 2011 existiert zusätzlich die lose Formierung „Die Ultravioletten“, die sich selbst als parteifreie Community-Version versteht und unter anderem Anhänger der Freien-Energie-Idee sowie des umstrittenen Mediziners Ryke Geerd Hamer vereint. Den Bundesvorsitz führen seit Februar 2012 Irene Garcia aus Regensburg und Markus Benz aus Freiburg. Benz, Jahrgang 1955, bezeichnet sich als Jurist (nicht vollständig) und freier Seelsorger. Garcia übernahm das Amt von Christina Diggance, die zuvor gemeinsam mit Benz den Vorsitz innehatte.

Wahlergebnisse und Kampagnenmethoden

Wahlergebnisse und Kampagnenmethoden

Bis 2009 kandidierte die Partei ausschließlich auf Landesebene und erreichte dabei stets nur etwa 0,1 Prozent der abgegebenen Stimmen. Bei der Bundestagswahl 2009 trat sie erstmals bundesweit an und gewann rund 32 000 Zweitstimmen (0,1 Prozent). Die Europawahl 2009 verzeichnete 46 355 Stimmen, was 0,18 Prozent entsprach. Auch bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2010 blieb das Ergebnis mit knapp über 6 000 Stimmen bei 0,1 Prozent. Um die notwendigen Unterstützungsunterschriften für Wahlbeteiligungen zu sammeln, präsentiert sich die Partei regelmäßig auf Esoterikmessen wie dem Rainbow Spirit Festival oder der Grenzenlos-Messe. Dort wirbt sie mit einem bunten Programm aus Umweltschutz, Tierrechten und Förderung alternativer Heilmethoden.

Programmatische Schwerpunkte und Forderungen

Programmatische Schwerpunkte und Forderungen

Das Selbstverständnis der Violetten basiert auf dem Leitbild „Politik aus spiritueller Erkenntnis“. Im Zentrum steht ein umfassender Verzicht auf Tierversuche sowie eine konsequente ökologische Landwirtschaft. Die Partei fordert zudem die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und orientiert sich dabei an der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell. Direkte Demokratie soll laut Programm die parlamentarische Repräsentation ergänzen oder teilweise ersetzen. Im Gesundheitsbereich propagiert die Partei das Prinzip „Wer heilt, hat Recht“, wodurch alternativen Heilmethoden ein höherer Stellenwert eingeräumt werden soll. Auch eine Bildungspolitik, die sich an der Waldorfpädagogik orientiert, zählt zu den Kernthemen. Diese Forderungen verbindet die Partei mit dem Anspruch, Lebensstile sichtbar zu machen, die jenseits rein materialistischer Werte liegen.

Öffentliche Auftritte und interne Auseinandersetzungen

Einige prominente Auftritte sorgten für begrenzte Medienaufmerksamkeit. So trat die ehemalige Bundesvorsitzende Gudula Blau, frühere Ehefrau des Schauspielers Karlheinz Böhm, 2007 gemeinsam mit dem Moderator Jo Conrad bei Secret-TV auf, einem Internetformat des Autors Jan van Helsing. Obwohl ihr die kontroversen Positionen Conrads bekannt waren, organisierte sie im Landesverband Bayern einen Vortrag mit ihm. Nach ihrer Abwahl im Jahr 2009 veröffentlichte Blau einen emotionalen Erfahrungsbericht, in dem sie von mangelndem parteiinternen Respekt berichtete. Eine interne Replik wies ihre Vorwürfe zurück und bezeichnete sie unter anderem als „narzisstisch gestörte Persönlichkeit“. Diese Vorfälle illustrieren, dass die Partei trotz ihres Anspruchs auf „harmonisches Miteinander“ nicht frei von personellen Konflikten ist.

Internetpräsenz und Nischeninnovationen

Die Website des Bundesverbandes präsentiert sich heute deutlich sachlicher als in den Anfangsjahren, als zahlreiche Links zu kommerziellen Esoterik-Angeboten, Schamanismus-Seminaren und Kartenleger-Portalen führten. Dennoch finden sich weiterhin Hinweise auf umstrittene Technologien. Unter der Rubrik „Innovatives“ werden etwa der Stelzermotor oder ein sogenannter Trabold-Hochleistungsfilter vorgestellt. Besonders hervorgehoben wird das Konzept der „Freien Energie“. Auf einer zwischenzeitlich gelöschten Unterseite hieß es 2012, technische Anlagen könnten Wirkungsgrade von mehreren tausend Prozent erreichen und damit „wesentlich mehr Energie liefern, als in sie hineingesteckt wird“. Als wissenschaftliche Referenz wurde dabei auf Claus Wilhelm Turtur verwiesen. Auch die Gewinnung von Energie aus Knallgas (HHO), das aus Wasser erzeugt wird, wurde propagiert. Landesverbände nutzen ihre Seiten unterschiedlich: Während Baden-Württemberg weiterhin ein breites Netzwerk aus alternativmedizinischen Anbietern, Life-Coachings und Ökodörfern listet, beschränkt sich der sächsische Landesverband weitgehend auf politische Inhalte.

Wählerpotenzial und politische Einordnung

Trotz verbreiteter Esoterik- und Alternativbewegungen stagniert das Wählerpotenzial der Violetten. So konnten bei rund 1.100 Mitgliedern auch bei Themen wie Naturschutz, Anti-Atomkraft oder Gentechnik-Frei keine nennenswerten Zuwächse erzielt werden. Ein Grund liegt möglicherweise darin, dass viele esoterisch Interessierte grundsätzlich distanziert gegenüber klassischer Politik stehen. Parlamentarischen Abläufen wird in dieser Sichtweise wenig Einfluss auf „kosmische Gesetzmäßigkeiten“ eingeräumt. Zudem decken Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen bereits zentrale Forderungen aus Ökologie und Alternativmedizin ab, sodass potenzielle Wähler dort eine größere politische Durchsetzungskraft vermuten. Die geringe Resonanz führt dazu, dass sich der Einfluss der Partei auf bundespolitische Entscheidungen bislang auf ein Minimum beschränkt. Dennoch bietet sie für ein kleines, festes Umfeld ein politisches Zuhause, das spirituelle Lebenskonzepte mit gesellschaftspolitischen Forderungen verbindet.

Weblinks

  1. Offizielle Website der Partei
  2. Landesverband Baden-Württemberg
  3. Landesverband Sachsen

Veröffentlichungen

  • Andreas Fincke: Die Violetten - Deutschlands erste Esoterikpartei. In: Materialdienst der EZW 65 (9), 2002, S. 265-267

Einzelnachweise

  1. Bundesgeschäftsstelle: Wohnbacher Straße 12, 61200 Wölfersheim
  2. Mitgliederzahl laut öffentlicher Quelle: 1.143