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Simplonik

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:32 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Simplonik» angelegt/aktualisiert)
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Der Schongauer Arzt und Buchautor Ulrich Mohr propagiert mit seiner Marke „Simplonik“ ein Weltbild, das Krankheit grundsätzlich leugnet und auf angebliche Selbstheilung durch Mineralien und Lebensstil setzt. Kritiker sehen Parallelen zur Germanischen Neuen Medizin.

Markenname statt Medizin – was steckt hinter Simplonik?

Markenname statt Medizin – was steckt hinter Simplonik?

Als „Wissenschaft von der Einfachheit“ bezeichnet Ulrich Mohr das von ihm entwickelte Konzept Simplonik. Der Begriff ist markenrechtlich geschützt und wird über mehrere eingetragene Vereine sowie zahlreiche Webseiten vermarktet. Träger sind der „Verein zur Förderung der inneren Reinigung“, das „Institut für Gesunden Menschenverstand“ und der „Verband zur Förderung der Einfachheit“, alle mit Sitz im bayerischen Bernbeuren beziehungsweise Schongau. Mohr selbst, der bis 2007 als niedergelassener Arzt tätig war, bietet heute als „Lebensberater“ Seminare und Produkte an, die sich laut eigener Aussage „von der Erkältung bis Krebs“ an Besucher richten. Um rechtlichen Beanstandungen wegen „unerlaubter Ausübung der Heilkunde“ zuvorzukommen, ließ er nach Angaben des Gesundheitsamts und des Bezirksärzteverbands einen 20.000 Euro teuren Haftungsausschluss formulieren, der jeden Eindruck einer ärztlichen Behandlung ausschließen soll. Mohr betont, er biete „lediglich Lebensbegleitung mit Nahrungsergänzung“ an, die mit Medizin nichts zu tun habe. Dennoch bezieht er sich explizit auf die Germanische Neue Medizin (GNM) des umstrittenen Arztes Ryke Geerd Hamer und bezeichnet dessen Lehre als „wertvolle Pionierarbeit“. Selbstkritisch räumt Mohr ein, die GNM enthalte „Fehler“ und „Irrtümer“, die Simplonik hingegen vermeide.

Krankheit als „Widerstand gegen Veränderung“ – zentrale Inhalte der Lehre

Krankheit als „Widerstand gegen Veränderung“ – zentrale Inhalte der Lehre

Im Mittelpunkt der Simplonik steht die These, es gebe „keine Krankheit im klassischen Sinn“. Stattdessen seien körperliche Symptome Ausdruck innerer Widerstände gegen Lebensveränderungen. Krebs, Infektionen oder chronische Beschwerden entstünden demnach durch „negative Grundannahmen“ und seien durch bewusste Umorientierung sowie die Zufuhr spezieller Mineralien auflösbar. Mikroorganismen wie Bakterien, Viren oder Pilzen schreibt Mohr keine eigenständige Erregerrolle zu. Er leugnet, dass Asbest oder ionisierende Strahlung Krebs auslösen können, und behauptet, Mikroben entstünden aus körpereigenen Zellen – eine Theorie, die auf dem seit dem 19. Jahrhundert widerlegten Pleomorphismus basiert. Auch moderne Erkenntnisse der Infektiologie, Mikrobiologie und Onkologie weist er als „Verschwörung“ zurück. Stattdessen beruft er sich auf historische Autoren wie Antoine Béchamps, Günther Enderlein oder Rudolf Virchows Zeitgenossen, ohne belastbare Studien zu nennen. Ebenso postuliert Mohr „biologische Transmutation“: demnach wandelten Pflanzen- oder Bakterienzellen chemische Elemente um – eine Vorstellung, die an mittelalterliche Alchemie erinnert und wissenschaftlich nicht bestätigt ist.

Produktpalette und Preismodell – wer profitiert?

Zugang zum Simplonik-System erhält man ausschließlich über kostenpflichtige Mitgliedschaften in den zugehörigen Vereinen. Das „SEIN-Programm Innere Erholung“ etwa kostet 460 Euro für drei Monate und verspricht „Stoffwechselrenaturierung“ sowie „Schlackenlösung“. Zentrale Rolle spielen Nahrungsergänzungsmittel: das Zeolith-haltige Pulver „Echt SEIN“ (200 g), das Darmreinigungspräparat „Rein SEIN“ mit Pflanzenfasern und Laktobakterien sowie „Hell SEIN“ auf Basis von Luzerne-Presssaft. Die Werbung formuliert vage: die Mineralien „unterstützen“ Säure-Basen-Haushalt und „fördern“ die Selbstreinigung. Herstellerangaben zu enthaltenen Mengen, zur Bioverfügbarkeit oder zu klinischen Tests fehlen. Druckerzeugnisse und Wochenendseminare (120 Euro) runden das Angebot ab. Laut Satzung dürfen nur zahlende Mitglieder an Programmen teilnehmen; eine dreimonatige „Aufbau-Mitgliedschaft“ kostet 140 Euro monatlich. Die juristische Absicherung erreicht Mohr dadurch, dass er Produkte nicht als Arzneimittel, sondern als „Lebensbegleitung“ deklariert.

Zwischen Selbstverantwortung und Todesfall – der Blog des Andreas Clauss

Ein bekannt gewordener Fall ist der des Unternehmers Andreas Clauss, der sich der Reichsbürgerszene zugerechnet wurde. Nach eigenen Angaben diagnostizierten ihm Ärzte Ende 2015 ein fortgeschrittenes Plattenepithelkarzinom im Halsbereich. Er lehnte Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie ab und suchte stattdessen die „Simplonik-Begleitung“ durch Mohr. In seinem letzten Blogeintrag vom 8. März 2016 berichtete Clauss, er habe sich „mit der Kraft des Geistes“ den Tumor „an die Backe gezaubert“ und baue ihn nun „mit mentalen und emotionalen Fähigkeiten wieder ab“. Er beschreibt zweimonatige Exerzitien in den Bergen bei Mohr mit Askese, Mineralien und Schweigen. Ob die Erkrankung tatsächlich zurückging, ist nicht belegt; Clauss starb laut Gerüchten wenige Wochen später. Der Fall zeigt, wie sehr die Lehre Betroffene überzeugen kann, wissenschaftliche Behandlung zu verweigern.

Publikationen und Netzwerke – Verbreitung außerhalb des medizinischen Mainstreams

Mohrs Texte erscheinen überwiegend in Eigenregie oder im e-Ratgeberverlag des Vereinsmitglieds Eduard Wingerter. Titel wie „Simplonik-Anwendungshandbuch“, „Die drei Schlüssel zu Hippokrates Schatztruhe“ oder „Elektrizität – unsere wahre Nahrung“ finden sich nicht im wissenschaftlichen Buchhandel. In Online-Foren verbreitet der Autor unter dem Pseudonym „mohro“ Traktate, in denen er Impfungen, Umweltmedizin und Schulmedizin generell ablehnt. Als Quellen dienen überwiegend Werke des 19. Jahrhunderts; aktuelle Studien werden nicht zitiert. Die Gemeinschaft der Anhänger organisiert sich über private Seminare, verschlossene Facebook-Gruppen und die genannten Vereinswebseiten. Dort werden Erfahrungsberichte ausgetauscht, die allerdings keiner externen Qualitätsprüfung unterliegen.

Wissenschaftliche Bewertung und rechtliche Einordnung

Fachgesellschaften für Innere Medizin, Onkologie und Mikrobiologie weisen Mohrs Thesen zurück. Die Annahme, Mikroorganismen seien lediglich Entwicklungsstadien körpereigener Zellen, widerspricht dem seit Pasteur experimentell belegten Krankheitskeim-Konzept. Die Existenz von Infektionskrankheiten, die Rolle von Strahlung oder Asbest bei Krebs und die Wirksamkeit von Impfungen gelten als gesichert. Die Germanische Neue Medizin, auf die sich Mohr beruft, wird von der Bundesärztekammer als „nicht wissenschaftlich“ und „patientengefährdend“ eingestuft. Dennoch blieb Mohr ein Verfahren wegen Heilkunde ohne Approbation erspart, weil er seine Tätigkeit offiziell als „Lebensberatung“ deklariert. Verbraucherschützer kritisieren, durch die Kombination aus kruden Krankheitstheorien, teuren Produkten und verschleierter Mitgliedschaft kostenpflichtiger Programme würden vulnerable Menschen zusätzlich belastet. Die Mischung aus Esoterik, Geschäftsmodell und Leugnung gesicherten Wissens mache Simplonik zu einem Paradebeispiel für moderne Pseudomedizin.

Zitate

Es gibt keine Krankheit. Nur Widerstände gegen Veränderungen im Leben. So einfach ist das. — Ulrich Mohr, Zeitschrift SEIN, August 2010

Ich habe mir also Kraft meines Geistes einen Tumor an die Backe gezaubert, den ich gerade dabei bin, mit der gleichen Kraft wieder abzubauen. — Andreas Clauss, Blogeintrag 8. März 2016

Weblinks

  1. Verein zur Förderung der inneren Reinigung e.V.
  2. Institut für Gesunden Menschenverstand e.V.
  3. Verband zur Förderung der Einfachheit e.V.

Veröffentlichungen

  • Simplonik-Anwendungshandbuch. Die Wissenschaft von der Einfachheit
  • Die drei Schlüssel zu Hippokrates Schatztruhe
  • Elektrizität – unsere wahre Nahrung

Einzelnachweise

  1. Merkur Online: Freispruch für Medizinrebell Mohr – Aber Ärzte warnen vor umstrittener Methode, 27.12.2007
  2. Zeitschrift SEIN: Das Ende vom Märchen der unheilbaren Erkrankung, Ausgabe August 2010