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Max Otto Bruker

Aus Faktenradar
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Der Internist Max Otto Bruker prägte mit seiner Vollwert-Kost ganze Generationen – und verband Ernährungslehren mit rechter Ideologie. Seine Impfkritik und NS-Nähe machten ihn bis heute umstritten.

Vom Schulmediziner zum Kreisarzt der Naturkostbewegung

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Geboren 1909 in Reutlingen als Sohn eines Lehrers, studierte Bruker nach dem Abitur 1927 in Tübingen, München, Berlin und Wien Medizin und promovierte 1933. Nach Assistenzjahren in Schwerte und Stuttgart leitete er 1938 die homöopathisch-biologische Abteilung der Bremer Krankenanstalt. Während des Krieges blieb er zunächst in Deutschland, um „Bettnässer auf Kriegstauglichkeit“ zu untersuchen, wurde später in Finnland kriegsgefangen. Nach 1947 leitete er bis 1977 die Anstalt Eben-Ezer in Lemgo, danach eine psychosomatische Klinik in Bad Salzuflen. Seit 1977 arbeitete er am anthroposophisch geprägten Krankenhaus Lahnhöhe in Lahnstein, wo er bis zu seinem Tod 2001 blieb und seine Söhne seine Aktivitäten fortsetzten. Wissenschaftlich veröffentlichte Bruker kaum: lediglich zwei Fachartikel in den 1960er-Jahren gelten als nachweisbar.

Die Bruker-Kost: Rohkost statt Industriezucker

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Bruker teilte Nahrungsmittel in „lebende“ und „tote“ Nahrung: Rohkost galt als lebend, industriell verarbeitete Produkte als tot. Er warnte vor raffinierten Kohlenhydraten („Fabrikzucker“), Auszugsmehlen, Margarine und raffinierten Pflanzenölen. Fleisch, Fisch und Eier sollten ebenso wegfallen wie bei bestimmten Krankheiten Milchprodukte. Die tägliche Zusammenstellung sollte zwei ober- und zwei unterirdisch gewachsene Lebensmittel enthalten. Morgens empfahl er Frischkornbrei, als Fettquelle ausschließlich kaltgepresste Öle, Butter oder Sahne. Fruchtsäfte und Früchtetees lehnte er ab, die tägliche Wasseraufnahme wollte er künstlich beschränken – ein Rat, der gerade für ältere Menschen kritisch gesehen wird. Die These, eine solche Kost mache vor Infektionen wie Kinderlähmung, Masern oder sogar AIDS unnötig, fehlt jeglicher wissenschaftlicher Evidenz und wird von Fachgesellschaften als gefährlich eingestuft.

Impfpolemik und sozialdarwinistische Gesundheitslehren

Impfpolemik und sozialdarwinistische Gesundheitslehren

In „Biologischer Ratgeber für Mutter und Kind“ behauptete Bruker, bei konsequenter Vollwertkost könne es keine Poliomyelitis-Infektion geben; Schutzimpfungen seien daher überflüssig. Gleiches erklärte er für Keuchhusten, Masern, Röteln und Tetanus. Auch HIV/AIDS führte er auf falsche Ernährung zurück: „Bei Beachtung dieser Besonderheiten besteht also keinerlei Anlass, sich Sorgen um eine Erkrankung an AIDS zu machen.“ Krebs bezeichnete er als „vollendete Krankheit“, die „dem verblendeten Fortschrittsgläubigen die Augen öffnen“ solle; chronische Schlafstörungen führte er auf „Mangel an Vertrauen zu Gott“ zurück. Seine Ausführungen zur Frauenrolle lesen sich wie sozialdarwinistische Programmschriften: Verhütung mache Frauen krank; Sterilität sei „vom biologischen Standpunkt aus eine sinnvolle Maßnahme“, weil sie gesundheitlich minderwertige Bevölkerungsteile von der Fortpflanzung ausschließe. Drei Kinder pro Familie hielt er für ideal, weil damit „der Kampf ums Dasein im späteren Leben“ besser geübt werde.

SA-Mitglied, Holocaust-Leugner und Netzwerker der extremen Rechten

Laut Bundesarchiv-Akte war Bruker SA-Mann und bewarb sich 1937 um Aufnahme in den NS-Ärztebund. Seine Burschenschaft Normannia gehörte er von 1927 bis in die 1980er Jahre an. 1969 kandidierte er für die Freisoziale Union (FSU), die das Oberlandesgericht Frankfurt 1995 als rechtsextremistisch einstufte. Von 1967 bis 1974 führte Bruker den Weltbund zum Schutze des Lebens (WSL), der Auschwitz leugnete und England für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich machte. Er saß im Beirat der rassistischen „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung“ des Neonazi-Anwalts Jürgen Rieger und war „wissenschaftlicher Beirat“ der Zeitschrift „Neue Anthropologie“. 1978 gründete er die „Grüne Liste Rheinland-Pfalz“, aus der später die „NPD-Grüne Liste“ hervorging. Das Gericht erlaubte es, ihn als „langjährige Scharnierstelle zwischen Naturkostbewegung und Neonaziszene“ zu bezeichnen.

Nachlass und Vereinsstrukturen

In Lahnstein residieren Verein, Verlag und Erinnerungsort in unmittelbarer Nähe: Die „Gesellschaft für Gesundheitsberatung e. V. (GGB)“ betreibt im Dr.-Max-Otto-Bruker-Haus Kurse zum „Gesundheitsberater“, eine geschützte, jedoch nicht heilkundliche Bezeichnung. Dreiwöchige Seminare mit Kochunterricht sollen Teilnehmer befähigen, in Großküchen oder Schulen die Bruker’sche Zucker- und Industriekost-Kritik zu verbreiten. Der emu-Verlag mit Sitz im selben Gebäude vertreibt impfkritische Literatur und Brukers Standardwerke. GGB-Vorsitzende ist Ilse Gutjahr-Jung; 2017 lud der Verein den Aluminium-Kritiker Bert Ehgartner zu einer Tagung ein. Die Straßenbezeichnung „Dr.-Max-Otto-Bruker-Straße“ erinnert bis heute an den Arzt, dessen Ernährungslehre zwar weite Verbreitung fand, dessen politisches Erbe jedoch auf kontinuierliche Kritik stößt.

Zitate

Bei Beachtung dieser Besonderheiten besteht also keinerlei Anlass, sich Sorgen um eine Erkrankung an AIDS zu machen. — Bruker, M. O.: Gesund durch richtiges Essen, 1989

vom biologischen Standpunkt aus eine sinnvolle Maßnahme, weil dadurch der Anteil der Bevölkerung von der Fortpflanzung ausgeschlossen wird, der keine gesunde Nachkommenschaft gewährleisten kann — Bruker, M. O.: Lebensbedingte Krankheiten, 1982, S. 280

Zur Vorbereitung für die späteren Lebensaufgaben sind drei Kinder geeigneter als nur zwei. Dies entspricht dem Kampf ums Dasein im späteren Leben mehr. — Bruker, M. O.: Lebensbedingte Krankheiten, 1982, S. 280

Weblinks

  1. Dokumentation der Anti-Fa-Gruppe Kiel (PDF)
  2. Roh-Vegan-Artikel zu Bruker
  3. Bericht im Salzkurier

Veröffentlichungen

  • Bruker, M. O.: Atherosclerosis – another carbohydrate problem, Landarzt 1965
  • Bruker, M. O.: Special nutrition prevents poliomyelitis, Landarzt 1961
  • Bruker, M. O.: Biologischer Ratgeber für Mutter und Kind, Emu-Verlag 1989
  • Bruker, M. O.: Gesund durch richtiges Essen, 16. Aufl. München 1989
  • Bruker, M. O.: Lebensbedingte Krankheiten, Hopferau 1982

Einzelnachweise

  1. Oberlandesgericht Frankfurt, Urteil vom 11. Mai 1995, Az. 16 U 135/94
  2. S2-Leitlinie Varikose, Deutsche Gesellschaft für Phlebologie