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Hans-Reinhard Schmidt

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:28 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Hans-Reinhard Schmidt» angelegt/aktualisiert)
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Der Bonner Psychologe Hans-Reinhard Schmidt bezweifelt die Existenz von ADHS als eigenständiger Diagnose und warnt vor einer Übermedikation mit Methylphenidat. Seine Positionen stoßen auf breite Kritik, lösen aber auch Debatten über Diagnosekriterien und Therapiepfade aus.

Wer ist Hans-Reinhard Schmidt?

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Hans-Reinhard Schmidt, 1945 geboren, arbeitete bis Mai 2010 als Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien in Brühl-Wessling. Danach eröffnete er in Bonn eine Praxis für Psychotherapie und Psychoedukation. Über seine Webpräsenz „Café Holunder“ veröffentlicht er seit Jahren Beiträge, in denen er die Gültigkeit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als eigenständige Diagnose infrage stellt. Schmidt argumentiert, es gebe keine standardisierten, objektiven und validen Testverfahren, die ausschließlich auf ADHS zugeschnitten seien. Die üblichen Verfahren stützten sich seiner Ansicht nach vorrangig auf Beobachtungsdaten von Eltern und Lehrkräften, seien jedoch nicht für eine spezifische Abgrenzung gegenüber anderen Störungen geeignet. Zudem bemängelt er, dass eine vermeintliche neurobiologische Ursache nicht direkt gemessen werde, sondern lediglich postuliert wird. Schmidt sieht in ADHS deshalb eine rein psychogene Verhaltensauffälligkeit, die durch familiäre und soziale Faktoren entstehe.

Kritik an Methylphenidat und an der Schulmedizin

Im Mittelpunkt von Schmidts öffentlichem Engagement steht die Ablehnung des Wirkstoffs Methylphenidat (Handelsname u. a. Ritalin). Er bezeichnet das Präparat wiederholt als „Psychodroge“ und unterstellt, es werde vor allem verordnet, um Kinder in Schul- und Familienalltag „pflegeleicht“ zu machen. Langzeitfolgen seien unzureichend erforscht, das Suchtpotenzial unterschätzt und der tatsächliche Nutzen für den schulischen Erfolg nicht belegt. Diese Darstellung wird von Fachgesellschaften als irreführend zurückgewiesen. Die Bundesärztekammer etwa verweist auf mehr als fünf Jahrzehnte klinischer Erfahrung mit Methylphenidat sowie auf Studien, die ein reduziertes Suchtrisiko bei korrekter Indikationsstellung zeigen. Auch Wachstumsverzögerungen seien bei dosierungsgerechter Anwendung selten und reversibel. Die Stoffwechselwirkung des Medikaments sei weitgehend bekannt: Es verstärkt die dopaminerge und noradrenerge Signalübertragung im präfrontalen Kortex und verbessert so die Reizfilterung und Impulskontrolle. Gegen Schmidts These, das Präparat „stelle nur ruhig“, sprechen Meta-Analysen, die neben einer Reduktion hyperkinetischer Symptome auch Effekte auf Arbeitsgedächtnis und Exekutivfunktionen belegen.

Netzwerke und politische Interventionen

Bereits 2001 kündigte Schmidt an, eine überregionale Plattform für ADHS-Kritiker aufbauen zu wollen. Daraus entstand die „Konferenz ADHS“, ein lose organisiertes Netzwerk von Pädagogen, Psychologen und Therapeuten. Im Kuratorium finden sich neben Schmidt u. a. der Pädagoge Reinhard Voß (Universität Koblenz-Landau), die Kinderpsychotherapeutin Annette Streeck-Fischer (Asklepios Klinik Tiefenbrunn) sowie der Psychoanalytiker Matthias Wenke. Die Gruppe versteht sich als Gegenpol zur Leitlinie der Bundesärztekammer und fordert eine stärker psychotherapeutisch-pädagogische Ausrichtung. In einer eigenen „Konsensuserklärung“ postuliert sie, ADHS sei ein „kulturelles Artefakt“ und nicht eine biologisch fundierte Erkrankung. Die Formulierung wurde von Fachverbänden als bewusst irreführend kritisiert, weil sie die wissenschaftlich gesicherte Multifaktorialität der Störung ignoriert. Auch greift Schmidt in politische Entscheidungsprozesse ein: 2002 initiierte er eine E-Mail-Aktion an die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, in der er eine Einschränkung der Methylphenidat-Verordnung forderte und zugleich eine stärkere Einbindung klinischer Psychologen in die Behandlung verlangte.

Vorwurf des Zitierens aus dem Zusammenhang

Kritiker werfen Schmidt vor, wissenschaftliche Aussagen selektiv oder fehlerhaft zu präsentieren. Ein Beispiel ist die Darstellung von Rudolf Sponsel, der auf seiner Website erklärt, Methylphenidat wirke bei Kindern „eher beruhigend, klärend und organisierend“. Schmidt zitiert lediglich den Satz über die Beruhigungswirkung und fügt hinzu, das Präparat werde deshalb „massenhaft verschrieben, um Kinder ruhigzustellen“. Sponsel selbst betont jedoch, die medikamentöse Behandlung ermögliche erst die Wirksamkeit anderer Therapien und sei indiziert, weil ADHS „im Basiskern eine organisch bedingte Störung der Neurotransmitter“ darstelle. Ähnliche Vorwürfe ergeben sich bei der Rezeption einer Göttinger Studie, deren Autoren eine differenziertere Definition klinischer Subgruppen fordern. Schmidt interpretierte die Publikation dahingehend, die Wissenschaft bestätige, „ADHS gebe es nicht“. Im Originaltext heißt es jedoch, zukünftige Forschung solle „höher homogene klinische Gruppen“ definieren, um pathophysiologische Mechanismen besser zu entschlüsseln – eine Forderung, die nicht die Nichtexistenz der Diagnose behauptet, sondern deren biologische Heterogenität adressiert.

Reaktionen der Fachwelt und gesellschaftliche Einordnung

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) sowie die Bundesärztekammer betonen, ADHS sei durch eine Vielzahl genetischer, neurobiologischer und psychosozialer Studien gut valide abgegrenzt. Internationale Leitlinien empfehlen ein mehrschrittiges Vorgehen: Diagnostik nach ICD- oder DSM-Kriterien, Ausschluss differentialdiagnostischer Alternativen, psychoedukative Elternberatung, verhaltenstherapeutische Interventionen und – bei moderater oder schwerer Ausprägung – eine medikamentöse Behandlung. Die evidenzbasierte Kombination reduziere Symptomatik, verbessere Schul- und Lebensqualität und senke das Risiko für Begleitstörungen. Schmidt wiederum hält den Diagnosekatalog für ein „Konstrukt“, das vor allem der Pharmaindustrie diene. Sein Buchtitel „Ich lerne wie ein Zombie – Plädoyer für die Abschaffung von ADHS“ wurde von Betroffenenverbänden als diskriminierend kritisiert, weil er suggeriere, eine legitime psychiatrische Diagnosis könne per Mehrheitsentscheid „abgeschafft“ werden. Vertreter der Selbsthilfe warnen, solche Simplifizierungen verstärken Stigmata und erschweren Betroffenen den Zugang zu adäquater Hilfe.

Forenkultur und Umgang mit Gegenpositionen

Auf Schmidts Website „Café Holunder“ findet sich ein Diskussionsforum, in dem nach Angaben mehrerer Nutzer unliebsame Beiträge gelöscht oder deren Autoren gesperrt wurden. Kritisiert wird dort unter anderem die Arbeit von ADHS-Selbsthilfegruppen, die als „Lobby“ diffamiert werden. In der Vergangenheit tauchten Nutzernamen auf, die identisch mit denen öffentlich bekannter Kritiker waren, anschließend aber mit anzüglichen oder extremen Postings unterlegt wurden – ein Vorgang, der von Betroffenen als Identitätsdiebstahl und Bloßstellung gewertet wird. Schmidt selbst hat diese Vorwürfe nicht juristisch verfolgt; sie verweisen jedoch auf eine tendenziell homogene Moderationspraxis. Fachliche Gegenargumente werden seinerseits mit dem Hinweis zurückgewiesen, sie stammten von Vertretern „biologistischer Lehrmeinung“, die an einer „Ritalin-Verschreibungsindustrie“ mitverdienten. Die DGKJP fordert seit Jahren eine sachliche Debattenkultur, die wissenschaftliche Evidenz ebenso berücksichtigt wie die Lebensrealität von Betroffenen und deren Angehörigen.

Weblinks

  1. Stellungnahme der DGKJP zur Diagnostik und Therapie von ADHS
  2. Leitlinie der Bundesärztekammer (Langfassung)
  3. Zentrales ADHS-Netz der deutschen Selbsthilfegruppen
  4. Interview mit Fred Baughman bei PBS Frontline

Einzelnachweise

  1. Langzeitdaten belegen kein erhöhtes Risiko für Parkinson oder andere neurodegenerative Erkrankungen nach kindlicher Methylphenidat-Einnahme.
  2. Meta-Analyse zur Reduktion des späteren Substanzmissbrauchs durch adäquate ADHS-Behandlung.