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Adnan Oktar

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:25 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Adnan Oktar» angelegt/aktualisiert)
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Der Türke Adnan Oktar, besser bekannt als „Harun Yahya“, verband religiöse Mission mit massiven Straftaten. 2021 verhängte ein Istanbuler Gericht gegen ihn eine Haftstrafe von 1.075 Jahren.

Werdegang und öffentliche Selbstdarstellung

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Adnan Oktar wurde 1956 in Ankara geboren und präsentierte sich seit den 1980er-Jahren unter dem Pseudonym „Harun Yahya“ als Schriftsteller und Prediger. Er gründete 1990 die Stiftung „Bilim Araştırma Vakfı“ (BAV), mit der er Bücher, Videos und Websites verbreitete, die sich gegen die Evolutionstheorie richten und stattdessen eine schöpfungswissenschaftliche Weltsicht propagieren. Seine Publikationen erschienen in Dutzenden Sprachen und fanden auch außerhalb der Türkei Verbreitung. Oktar trat in Talkshows auf, ließ sich von einem Gefolge schwer bewaffneter Leibwächter umgeben und finanzierte aufwendige Werbekampagnen für seine Werke, darunter den mehr als sechs Kilogramm schweren Bildband „Atlas der Schöpfung“, der unter anderem kostenlos an Schulen in Deutschland versandt wurde.

Kreationistische Argumentation und internationale Reaktionen

Kreationistische Argumentation und internationale Reaktionen

Zentrales Element von Oktars Schriften ist die Gleichsetzung der biologischen Evolution mit reiner Zufälligkeit. In kindgerechten Beispielen wird behauptet, ein Computer könne ebenso wenig durch bloßes Zusammenwirken von Materie entstehen wie ein lebender Organismus. Fossile Exemplare werden mit rezenten Tieren fotografiert gegenübergestellt; die Ähnlichkeit werde als Beweis gewertet, dass sich Arten nicht verändert hätten. Der französische Bildungsminister ordnete 2007 die Räumung aller Exemplare des „Atlas der Schöpfung“ aus Schulbibliotheken an, nachdem der Band unaufgefordert an französische Lehrkräfte verschickt worden war. Auch in der Schweiz und in Österreich erreichten Oktars Broschüren Klassenzimmer und losten teils heftige Debatten über den Umgang mit religiös motivierter Werbung im Bildungsbereich aus.

Gerichtsverfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung

Seit den späten 1990er-Jahren laufen gegen Oktar und enge Mitarbeiter Ermittlungen wegen Erpressung, Nötigung und Bildung einer kriminellen Organisation. 1999 wurden Oktar und rund 50 Anhänger festgenommen; das Verfahren zog sich über Jahre. 2008 sprach ein Istanbuler Gericht ihn wegen Gründung einer verbotenen Gruppe zur eigenen Bereicherung zu drei Jahren Haft ohne Bewährung schuldig. Die Urteilsbegründung verwies auf systematische Drohungen gegen Geschäftsleute und Wissenschaftler, die sich öffentlich gegen Oktars Thesen geäußert hatten. Ein Gutachten stellte später eine paranoide Schizophrenie fest, weshalb der Strafvollzug zunächst ausgesetzt wurde; Oktar verbüßte dennoch 19 Monate in Haft, unter anderem wegen antisemitischer Passagen in seinem 1986 erschienenen Buch „Judentum und Freimaurerei“.

Holocaust-Leugnung und antisemitische Publikationen

1996 veröffentlichte die von Oktar kontrollierte BAV das Buch „Soykırım Yalanı“ („Die Holocaust-Lüge“). Die Schrift behauptete, die nationalsozialistische Judenvernichtung sei eine Erfindung und die Todesfälle seien auf Typhus und Nahrungsmangel zurückzuführen. Die Auflage löste Empörung in der Türkei und im Ausland aus; jüdische Organisationen forderten ein Verkaufsverbot. Im März 1996 bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass Oktar der verantwortliche Autor sei; ein Strafverfahren wurde jedoch wegen Verjährung eingestellt. Seitdem zitiert ihn die extrem rechte Szene europaweit als Quelle für Holocaust-Relativierungen, während Bildungsministerien mehrere seiner Broschüren auf die Indexliste setzten.

Prozess 2021: Missbrauch, Erpressung und Rekordstrafe

In einer neuen Anklage weitete die Istanbuler Staatsanwaltschaft die Vorwürfe auf Bandenmäßigen Menschenhandel, sexuellen Missbrauch Minderjähriger, Erpressung, Veruntreuung und Kokainhandel aus. Prozessbeobachter zählten über 200 Klagende, darunter ehemalige Anhänger, die von Zwangsheiraten, psychischem Druck und wirtschaftlicher Ausplünderung berichteten. Im Januar 2021 fällte das Schwurgericht ein Urteil von insgesamt 1.075 Jahren Haft für Oktar; zehn weitere Angeklagte erhielten Strafen zwischen 80 und 500 Jahren. Die Richter stellten zudem die zwangsweise Auflösung der BAV sicher und ordneten die Einziehung zahlreicher Immobilien und Konten. Oktars Anwälte kündigten Revision an; bislang liegt jedoch kein Freispruch vor. Die Entscheidung gilt als eine der höchsten jemals in der Türkei gegen eine einzelne Person verhängten Freiheitsstrafen.

Weblinks

  1. Wikipedia-Artikel über Harun Yahya
  2. Ausführlicher englischer Wikipedia-Artikel zu Oktar
  3. Website von Adnan Oktar

Einzelnachweise

  1. Turkish sex-cult televangelist sentenced to over 1.000 years for abuse, Times of Israel, 11. Januar 2021
  2. Harun Yahya and Holocaust Revisionism, TalkOrigins Archive
  3. Der Schöpfungs-Atlas: Wie türkische Kreationisten Schulen erobern wollen, Spiegel online, 15. Juli 2007
  4. Milli Gazete: Oktars Kolumnen