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Alexander Emerick Jones

Aus Faktenradar
Version vom 10. Mai 2026, 23:21 Uhr von Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge) (Artikel «Alexander Emerick Jones» angelegt/aktualisiert)
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Vom lokalen Radiomoderator zum Protagonisten globaler Verschwörungserzählungen: Die Geschichte von Alexander „Alex“ Jones ist geprägt von skandalösen Behauptungen, Plattformsperren und Rekord-Schadenersatzurteilen.

Frühe Jahre und der Aufstieg von Infowars

Frühe Jahre und der Aufstieg von Infowars

Alexander Emerick Jones wurde am 11. Februar 1974 in Texas geboren und wuchs als Sohn eines Zahnarztes auf. Nach einem Studienabbruch an einem Community College in Austin startete er Mitte der 1990er-Jahre mit einer Call-in-Show beim lokalen Kabelanschluss. Die Sendung verband politische Kommentare mit apokalyptischen Warnungen und erzielte rasch eine kleine, aber eingeschworene Hörerschaft. 1999 gründete Jones das Webportal Infowars.com, das zunächst als reine Infoseite diente, später jedoch zum zentralen Vertriebskanal für seine Rundfunk- und Videoproduktionen wurde. Neben dem Hauptangebot entstanden die Seiten Prisonplanet.com und zahlreiche Ableger, die von einem festen Mitarbeiterteam betreut wurden. In den USA tragen derzeit etwa 60 Radiostationen seine wöchentlichen Beiträge, während das Kernteam von Infowars laut eigenen Angaben 14 feste Mitarbeiter umfasst. Die technische Produktion erfolgt von Jones’ Anwesen in Austin aus, von wo aus er täglich Livestreams und Podcasts sendet.

Verschwörungsmythen als Markenzeichen

Verschwörungsmythen als Markenzeichen

Bereits 1995 bezeichnete Jones den Bombenanschlag von Oklahoma City als „Insider-Job“ und beharrte auf dieser Version, obwohl Timothy McVeigh als Einzeltäter identifiziert, verurteilt und 2001 hingerichtet wurde. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 propagierte Jones die These, das World Trade Center sei durch kontrollierte Sprengungen zum Einsturz gebracht worden. Die Massenschießerei an der Sandy-Hook-Grundschule 2012 bezeichnete er wiederholt als inszeniertes „Theater“ mit Schauspielern. Gleiches behauptete er über das Attentat beim Boston-Marathon 2013. Weitere wiederkehrende Themen sind angeblich geheime FEMA-Konzentrationslager, das „Pizzagate“-Narrativ über einen vermeintlichen Kinderhandel in einer Washingtoner Pizzeria sowie die These, der Westen habe den Islamischen Staat gegründet. Impfstoffe sieht Jones als Teil eines Gesundheits„Hoax“, während er während der Covid-19-Pandemie ein Schlangengift als Ursache der Erkrankung ins Spiel brachte. In Europa pflegt Jones Kontakt zu ähnlich gelagerten Portalen; der deutsche Ableger Infokrieg.tv existiert seit 2006 und fungiert als Sammelpunkt für die selbsternannte „Infokrieger“-Bewegung.

Kommerzielle Vermarktung und Einnahmequellen

Kommerzielle Vermarktung und Einnahmequellen

Infowars fungiert nicht nur als Medienplattform, sondern auch als Handelshub. In den Sendungen wirbt Jones für Nahrungsergänzungsmittel der Eigenmarke „InfoWars Life“, für Survival-Ausrüstung und sogenannte Detox-Produkte. Branchenberichten zufolge sollen allein zwischen 2015 und 2018 Provisionen von jährlich sieben bis zwölf Millionen US-Dollar angefallen sein. Der Verkauf läuft über mehrere eigenständige Webshops, die von Partnern wie Paul Joseph Watson betrieben werden. Auch DVDs mit Dokumentationen, Bücher und Vorratskisten werden vertrieben. Die Preise für einzelne Nahrungsergänzungsmittel liegen je nach Produkt zwischen 30 und 80 US-Dollar. Kritiker werfen Jones vor, mit Angst vor einer angeblichen Elite absichtlich eine Käuferstimmung zu erzeugen, um hochpreisige Produkte abzusetzen. Jones selbst bezeichnet das Gegenteil und sieht sich als unabhängiger Finanzier durch direkte Zuschauerunterstützung.

Gerichtsverfahren und Rekord-Schadenersatz

Die wiederholte Behauptung, die Eltern der Sandy-Hook-Opfer seien krisengeübte Schauspieler, mündete in mehrere Zivilklagen. Bereits 2018 erstatteten sechs Familien sowie ein ehemaliger FBI-Ermittler Klage wegen Verleumdung. 2019 verurteilte ein Gericht Jones zur Zahlung von 100.000 Dollar Gerichtskosten. Im Oktober 2022 folgte in Connecticut ein Urteil über 965 Millionen Dollar Schmerzensgeld, ergänzt durch ein vorangegangenes Urteil in Texas von etwa 50 Millionen Dollar. Die Summe basiert auf der rechtlichen Bewertung, Jones habe die Angehörigen vorsätzlich weiter verleumdet, obwohl ihm die Falschheit seiner Behauptungen nachgewiesen wurde. Im April 2022 stellte Jones Insolvenz für Infowars und persönlich an. Ein texanisches Insolvenzgericht hob 2024 das Firmeninsolvenzverfahren auf, wies jedoch die Privatverbindlichkeiten nicht ab. Jones muss demnach sein Haus in Austin (2 Mio. Dollar) behalten dürfen, während Ranch (2,8 Mio. Dollar) und Waffensammlung veräußert werden. Rund 72 Millionen Dollar hatte er zuvor auf Treuhandkonten transferiert. Nach Verwertung seines Vermögens verbleibt laut Gerichtsakten eine Restschuld von etwa 1,09 Milliarden Dollar, die nicht durch Privatinsolvenz erlassen werden kann, da sie auf vorsätzlichem Handeln beruht.

Sperren auf Plattformen und Verlust der Kontrolle über Infowars

2018 entzogen YouTube, Facebook, Apple und Spotify Jones mehrere Millionen Abonnenten und Kanäle. YouTube löschte den Hauptkanal mit 2,3 Millionen Followern mit dem Hinweis auf wiederholte Verstöße gegen Richtlinien zu Hassrede und Belästigung. Apple entfernte Infowars-Podcasts vollständig aus iTunes. Facebook sperrte zunächst einzelne Videos, anschließend die Seiten „Infowars“ und „Alex Jones“. Spotify beendete die Distribution seines Podcasts. Die Maßnahmen erfolgten, nachdem Nutzer die Plattformen wegen des Umgangs mit Sandy-Hook-Verschwörungsvideos kritisiert hatten. Jones reagierte mit der Behauptung, man erlebe „digitale Buchverbrennung“. Die Reichweite sank daraufhin, blieb aber durch alternative Video-Plattformen und die eigenen Webseiten stabil. Im November 2024 wurde Infowars.com im Rahmen der Insolvenzliquidation versteigert. Erwerber war die Satirewebsite „The Onion“, die künftig über die Domain verfügt.

Einfluss auf Gewalttäter und politische Rezeption

US-Ermittlungsakten dokumentieren mindestens drei Fälle, in denen Täter sich explizit auf Inhalte von Jones bezogen. Oscar Ortega-Hernandez, der 2011 ein Attentat auf Präsident Obama verübte, hatte Jones’ Film „The Obama Deception“ gesehen und sah im Präsidenten den „Antichrist“. Edgar Maddison Welch eröffnete am 4. Dezember 2016 das Feuer in einer Washingtoner Pizzeria, nachdem er dort einen von Jones verbreiteten Kinderhandel vermutete. Richard McCaslin drang 2002 bewaffnet in das Bohemian-Grove-Gelände ein, weil er glaubte, dort würden rituelle Kindesmorde stattfinden. Auch der Attentäter von Tucson 2011, Jared Lee Loughner, konsumierte wiederholt Verschwörungstheorien, die unter anderem über Infowars kursierten. Jones selbst bezeichnete einzelne Vorfälle als inszenierte „False-Flag“-Operationen und wies eine Mitschuld zurück. Politiker äußerten sich vorsichtig: Während Donald Trump Jones 2016 in einem Interview einen „amazing reputation“ bescheinigte, distanzierten sich später auch konservative Medien, nachdem die Gerichtsurteile öffentlich wurden.

Zitate

Your reputation is amazing. I will not let you down. — Donald Trump in einem Interview mit Alex Jones, Dezember 2015

This whole thing stinks to high heaven... My gut tells me this was a staged mind-control operation. — Alex Jones zur Tucson-Schießerei, Januar 2011

Weblinks

  1. CNN-Bericht zur Liquidation von Infowars (2024)
  2. Reuters-Legal: Gericht billigt Jones-Bankrott (2024)
  3. Southern Poverty Law Center – Dossier zu Alex Jones

Veröffentlichungen

Einzelnachweise

  1. Urteil im Sandy-Hook-Verleumdungsprozess: Jury sieht 965 Mio. USD Schmerzensgeld angemessen, ABC News, 12. Oktober 2022
  2. Grundstücke und Waffensammlung müssen veräußert werden, Handelsblatt, 14. Juni 2024