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Fürstentum Germania: Unterschied zwischen den Versionen

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Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge)
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Das Fürstentum Germania war ein von Februar bis Mai 2009 existierendes Mikroprojekt aus dem Spektrum der sogenannten Kommissarischen Reichsregierungen (KRR). Als basisdemokratischer Scheinstaat und selbsternannter Kirchenstaat vereinte es Anhänger reichsbürgerlicher Ideologien, Freiwirtschaftler, Verschwörungstheoretiker und Esoteriker um die Figur eines selbst ernannten Fürsten sowie eines mehrfach identitätswechselnden Stellvertreters. Mit maximal etwa 220 Unterstützern aus dem gesamten Bundesgebiet beanspruchte das Projekt auf dem Gelände eines baufälligen Schlosses in der brandenburgischen Ortschaft Krampfer staatliche Souveränität, was jedoch von den Behörden nicht anerkannt wurde. Nach der polizeilichen Räumung des Objekts im Mai 2009 zerfaserte die Gruppe, wobei vereinzelte Akteure die Gründung einer Exilregierung in Südamerika anstrebten.
''Von Februar bis Mai 2009 nutzte eine Gruppe um Michael Freiherr von Pallandt und Jessie Marsson das Schloss Krampfer in der Prignitz als „Regierungssitz“ des selbstproklamierten Fürstentums Germania. Die Aktion endete mit einer Zwangsräumung, internen Querelen und dem Plan einer Exilregierung in Südamerika.''


[[Datei:Furstentum_Germania_1.jpg|thumb|right|400px|Fürstentum Germania]]
== Staatsgründung auf einer Brandenburger Schlossruine ==
[[Datei:Faktenradar_1e9a5402_300px-Fuerstentumwappen.jpg|thumb|right|Staatsgründung auf einer Brandenburger Schlossruine]]


== Entstehung und Selbstverständnis ==
Am 15. Februar 2009 versammelten sich rund 200 Menschen auf dem Gelände des verfallenen Schlosses Krampfer bei Plattenburg im brandenburgischen Landkreis Prignitz. Unter ihnen befanden sich der Adoptivadlige Michael Freiherr von Pallandt und der mehrfach pseudonym auftretende Jessie Marsson. In einer kurzen Zeremonie wurde Pallandt zum „Fürsten“ des neu ausgerufenen Fürstentums Germania erklärt. Die Gruppe beanspruchte das denkmalgeschützte Anwesen samt 4.000 m² Grundstück als „Staatsgebiet“ und verfasste eine eigene Verfassung. Wer der Organisation beitreten wollte, musste lediglich eine Beitrittserklärung unterschreiben – damit erhielt man laut Selbstverständnis automatisch die „germanische Staatsangehörigkeit“ und verlor zugleich die deutsche. Bis Ende Februar hatten laut Angaben der Initiatoren 200 bis 300 Personen diesen Schritt vollzogen. Die Mehrheit der Anhänger rekrutierte sich aus dem Umfeld sogenannter Reichsbürger, Freiwirtschaftler sowie Esoterik- und Verschwörungsszene. Als „Kirchenstaat“ bezeichneten sich die Organisatoren, obwohl weder eine anerkannte Religionsgemeinschaft noch ein geistliches Leitbild vorhanden war.


Am 15. Februar 2009 wurde auf dem Gelände des Schlosses Krampfer in Plattenburg (Landkreis Prignitz) unter dramatischen Umständen das Fürstentum Germania ausgerufen. Als Staatsoberhaupt fungierte der als Michael Freiherr von Pallandt bezeichnete Augsburger Taxifahrer Michael Brunkhorst, der durch Adoption in eine adlige Familie gelangt war. Seine Stellvertretung übernahm eine Person, die unter den Namen Jessie Marsson, Frank Büntert, Byron Michael Jessie Marsson und weiteren Pseudonymen auftrat. Die Gründungszeremonie, bei der angeblich unter Tränen eine neue Verfassung verkündet wurde, markierte den Höhepunkt einer seit Monaten geplanten Aktion, die im Internet unter dem Etikett eines souveränen Kirchenstaates beworben worden war.
== Alltag in der Ruine: Spenden, Bauverstöße und Gerüchte ==
[[Datei:Faktenradar_1e9a5402_300px-Ftx.jpg|thumb|left|Alltag in der Ruine: Spenden, Bauverstöße und Gerüchte]]


Das Selbstverständnis des Projekts basierte auf der Annahme, die Bundesrepublik Deutschland sei kein legitimer Staat, weshalb eine Selbstausbürgerung zugunsten einer neuen Staatsangehörigkeit notwendig sei. Durch das Unterzeichnen einer Beitrittserkläration sollte die bisherige deutsche Staatsangehörigkeit automatisch in eine „Germania“-Staatsangehörigkeit umgewandelt werden. Bis Ende Februar 2009 beanspruchten die Initiatoren, zwischen 200 und 300 Personen hätten diese Erklärung unterzeichnet. Das Projekt verstand sich als „erster souveräner Staat auf deutschem Gebiet seit dem Ersten Weltkrieg“ und behauptete, Teil eines wiedererstandenen Deutschen Kaiserreichs zu sein. Zentrales Organ sollte ein sogenannter Volksrat sein, ergänzt durch eine Institution namens „Ritter der Menschenrechte“, die als Verwaltungsorgan und Schlichtungsinstanz fungieren sollte.
Die Bewohner des Schlosses lebten von Spenden und Zuwendungen, wie ein im Mai 2009 befragter Teilnehmer gegenüber der Märkischen Allgemeinen einräumte. Um die marode Bausubstanz provisorisch abzudichten, begannen Arbeitslose der NU-ERA-Bewegung mit Aufräumarbeiten. Ein Bauantrag auf Umnutzung zu Wohnzwecken wurde trotz wiederholter Aufforderungen seitens des Landkreises nicht gestellt. Das Bauamt stellte fest, dass weder eine funktionierende Heizung noch ein Kanalanschluss oder gesicherte Stromleitungen vorhanden waren. Nach einer Begehung unter Polizeischutz am 7. Mai 2009 setzte die Behörde eine Frist bis zum 15. Mai, das Gebäude zu verlassen. Bereits im März hatte ein Bürgerinformationstreffen im nahegelegenen Ort Krampfer gezeigt, dass die Dorfgemeinschaft die Selbstermächtigung der Gruppe ablehnte. Die Stimmung spitzte sich zu, als im Internet Gerüchte über einen angeblichen Polizeiüberfall auf „bewaffnete Einheiten der BRD“ kursierten. Der als „freier Journalist“ auftretende Rechtsaktivist Christoph Kastius behauptete in einem Forum, Beamte hätten ohne richterlichen Durchsuchungsbescheid das Gelände betreten wollen. Der regionale Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) erstattete seinerseits Anzeige wegen des Verdachts auf Rauschgiftbesitz im Schloss.


== Die Protagonisten ==
== Räumung, Flucht in eine 40-Quadratmeter-Wohnung und interne Machtkämpfe ==
[[Datei:Faktenradar_1e9a5402_300px-Fgbk.jpg|thumb|right|Räumung, Flucht in eine 40-Quadratmeter-Wohnung und interne Machtkämpfe]]


Das Fürstentum Germania war geprägt von zwei dominanten Figuren, deren Biografien und Motive sich als höchst widersprüchlich und uneindeutig erwiesen. Michael Freiherr von Pallandt, geborener Brunkhorst, arbeitete als Taxifahrer in Augsburg und war durch Adoption in eine Familie gelangt, die den Adelstitel „Freiherr von Pallandt“ trug. Sein Bruder Hans, der als Graf von Culemborg fungierte, distanzierte sich öffentlich scharf vom Projekt und drohte mit rechtlichen Schritten gegen die Verwendung des Familiennamens im Kontext des Fürstentums. Pallandt fungierte als nominelles Staatsoberhaupt und „Bürger-König“, verfügte jedoch über begrenzten Einfluss auf die tatsächliche Steuerung des Projekts.
Am 19. Mai 2009 rückte die Polizei an, versiegelte das Gebäude und brachte die verbliebenen Aktivisten zum Aufbruch. Ein Teil versuchte noch in Zelten auf dem Gelände zu bleiben, zog dann aber in eine angemietete 40-Quadratmeter-Wohnung im Ort um. Die NU-ERA-Anhänger lösten sich offiziell vom Fürstentum und gründeten in Kleinow das Projekt „Areal:Löwenzahn“. Mit der Zwangsräumung begann auch der öffentliche Streit innerhalb der Gruppe. Der ehemalige Dresdner-Bank-Mitarbeiter und als „kosmisches Paar“ auftretende Coach Alexander Przibill, der zusammen mit Sylvia Annett Bräuning das „Neues-Lebens-Bewusstsein“-Seminarprogramm betrieb, hatte sich im März zum Volksrat wählen lassen. Bereits im Juni distanzierte er sich per E-Mail vom Projekt. Auch Manuela Pfeifer und Thomas Patzlaff traten zurück. Patzlaff beklagte in einer Rundmail „mangelndes Engagement des Volkes“ und warf den Initiatoren vor, „über Monate im Ungewissen“ gelassen zu haben. Jessie Marsson wiederum erklärte das Projekt in Krampfer per Video für beendet und machte einen bis dahin unbekannten „Bernd Gruber“ für finanzielle Fehlschläge verantwortlich. Gleichzeitig kündigte er an, das Schloss zu einem Mehrfachen des ursprünglichen Kaufpreises verkaufen zu wollen, um in Südamerika eine „Exilregierung“ zu errichten.


Die treibende Kraft hinter den Kulissen war der als Jessie Marsson bekannte Aktivist, dessen reale Identität bis heute uneindeutig bleibt. Je nach Quelle gab er als Geburtsjahre 1975, 1979 oder 1981 an, behauptete verschiedentlich, in Venezuela, Irland oder Schliersee geboren zu sein, und legte je nach Kontext unterschiedliche Biografien dar. Mal behauptete er, als Waisenkind bei einer Familie Büntert aufgewachsen zu sein, ein anderes Mal gab er an, ein genetisch manipuliertes „Klon-Kind“ aus einem amerikanischen Labor zu sein, in dem die Gene aller europäischen Kaiserlinien vereint worden seien. Marsson verbreitete extremistische Verschwörungstheorien, darunter die Behauptung von staatlich verübtem Völkermord durch Chemtrails, die Existenz von RFID-Chips in Impfstoffen sowie die Steuerung des Wetters durch HAARP-Technologie. In seinem Umfeld wurde auch antisemitische Stimmungsmache betrieben, etwa durch das von ihm initiierte „Deutsche Volksblatt“.
== Medienecho und kirchliche Stellungnahmen ==
Der rbb widmete dem Vorgang mehrere Beiträge und titelte im März 2009: „Sekte will eigenes Reich gründen“. Spiegel TV, die Berliner Morgenpost, die taz und weitere Medien berichteten ebenfalls. Sektenbeauftragter Thomas Gandow warnte vor einer „karnevalsartigen Tarnung“, die den Blick auf rechtsextreme und esoterische Netzwerke verstelle. Die evangelischen Kirchengemeinden des Kirchenkreises Perleberg-Wittenberge erklärten in einer gemeinsamen Erklärung, der Begriff „Kirchenstaat“ werde bewusst missbraucht; man werde das Schloss Krampfer nicht erwerben und forderte Aufklärung durch die Behörden. In der Folge löschte die deutschsprachige Wikipedia einen kurzzeitig angelegten Artikel über das Fürstentum als nicht relevant. Auch das von den Initiatoren betriebene Forum auf Yooco.de wurde im April 2009 ohne Kommentar abgeschaltet. Bis heute existieren mehrere kleine Webseiten, die sich auf das Fürstentum berufen; die Domain fürstentum-germania.org läuft auf einen Schweizer Verein zur Förderung zensurfreier Medien.


Weitere zentrale Akteure waren der Verschwörungstheoretiker Jo Conrad, der als Mediensprecher und Moderator des Fürstentum-Formats bei Jeet TV agierte und eine instrumentelle Hymne komponierte, sowie der Chemtrail-Aktivist Peter Platte, der später zum „Sonderbeauftragten für den Staatsschutz“ ernannt wurde. Der Heidelberger „freie Aufklärer“ Alexander Przibill fungierte zeitweise als PR-Berater, distanzierte sich jedoch nach dem Scheitern des Projekts. Auch Esoteriker wie Toni Haberschuss, der über das Internet „energetische Badewannen“ vertrieb, sowie der Anbieter einer „Wundermatte“ namens „Revital“ gehörten zum engeren Kreis.
== Selbstbild, angebliche Anerkennung und Nachfolgeprojekte ==
 
Nach außen erweckten die Organisatoren den Eindruck, mindestens drei ungenannte Staaten hätten das Fürstentum bereits anerkannt. Der Verschwörungstheoretiker Jo Conrad behauptete im März 2009, Russland habe signalisiert, Germania diplomatisch anzuerkennen; ein gewisser „Harald“ habe direkten Zugang zu Wladimir Putin. Tatsächlich existierten lediglich Kontaktversuche über private Ausweispapiere der Firma WSA, die in einigen afrikanischen Ländern von Zöllnern nicht beanstandet wurden. Im April 2010 veröffentlichte eine verbliebene Gruppe um den Schweizer Beat Frischknecht einen „Erlass der Fürstenverwaltung“, in dem ein neuer Volksrat sowie Sonderbeauftragte für Zivil- und Staatsschutz ernannt wurden. Als Postanschrift diente erneut der Schweizer Verein zur Förderung zensurfreier Medien. Ob Jessie Marssons angekündigte Auslandsprojekte – darunter die Betreibung einer afrikanischen Plantage mit „Freie-Energie-Anlagen“ – realisiert wurden, ist nicht dokumentiert. Das Schloss Krampfer steht mittlerweile leer und soll laut Eigentümer gezielt dem Verfall anheimfallen.
[[Datei:Furstentum_Germania_2.jpg|thumb|left|400px|Fürstentum Germania]]
 
== Schloss Krampfer als Staatssitz ==
 
Zentraler Anlaufpunkt des Fürstentums war das baufällige Schloss Krampfer in der Ortschaft Krampfer Groß Gottschow. Das denkmalgeschützte Gebäude auf einem 4.000 Quadratmeter großen Grundstück wurde im Jahr 2008 von einem Berliner Verein erworben, der dort ein Integrationsprojekt für Jugendliche scheitern ließ, bevor es über die Luton Consulting Corporation Limited schließlich an Michael Freiherr von Pallandt verkauft wurde. Das Schloss verfügte über keine ausreichende Stromversorgung, keine intakte Heizungsanlage und keinen Kanalanschluss, was es als dauerhaften Wohnsitz ungeeignet machte.
 
Trotzdem bezogen im Februar 2009 mehrere Anhänger der sogenannten NU-ERA-Bewegung und weitere Unterstützer das Gebäude, um es gegen Witterungseinflüsse zu sichern und als Regierungssitz zu nutzen. Die örtliche Bevölkerung reagierte auf die Ansiedlung der Gruppe mit Ablehnung und Sorge. Das örtliche Bauamt erkannte die Baufälligkeit des Objekts an und setzte den Bewohnern eine Frist bis zum 15. Mai 2009, entweder einen Bauantrag zur Umnutzung zu stellen oder das Gebäude zu räumen. Da weder Anträge eingereicht noch Mängel behoben wurden, erfolgte am 19. Mai 2009 die polizeiliche Zwangsräumung und Versiegelung des Schlosses. Die verbliebenen Bewohner mussten das Gelände verlassen; einige zogen vorübergehend in eine 40-Quadratmeter-Wohnung in Krampfer um, während andere Aktivisten sich nach Kleinow absetzten, um dort unter dem Namen „Areal:Löwenzahn“ neue Aktivitäten zu starten.
 
== Ideologische Grundlagen und kommerzielle Absichten ==
 
Das Fürstentum Germania verfolgte eine heterogene Mischung aus reichsbürgerlicher Staatslehre, esoterischen Weltdeutungen und libertären Wirtschaftsideen. Die Verfassung des Projekts beanspruchte, auf einem historischen Lehensrecht zu basieren, obwohl das Lehnswesen in Deutschland mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 endgültig abgeschafft wurde. Die Initiatoren verwechselten zudem den Namen ihres Fürsten mit dem des „Palandt“, einem bekannten Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, und zogen daraus falsche Schlüsse über die Legitimität ihres Staatswesens.
 
Als „Kirchenstaat“ definierte sich das Projekt religiös, wobei die „Schöpfungskirche“ des Ordens eine kreationistische Ausrichtung verfolgte, die der Evolutionstheorie widerspricht. In diesem Rahmen wurden auch pseudoreligiöse Ausreden für den Marihuanakonsum oder die Verweigerung von Impfungen konstruiert, die jedoch rechtlich irrelevant blieben. Geplant war die Einführung einer eigenen Währung, der „Dank-Mark“ (DM), sowie die Erhebung von Steuern in Höhe von ein bis zehn Prozent.
 
Neben den politischen Ambitionen traten schnell kommerzielle Interessen zutage. Der Digitalkünstler und MLM-Vertreter Andreas Rohlfs betrieb einen Online-Shop, der Esoterik-Produkte und teure Lautsprecher an die Anhängerschaft verkaufen sollte, sowie eine „Staatsbank“, in der keine Einlagen entgegengenommen wurden, sondern lediglich wertlose „Schecks“ gegen Gebühren ausgestellt wurden. Auch das „Joytopia“-Projekt und verschiedene „Freie Energie“-Anlagen wurden im Umfeld des Fürstentums beworben. Diese Aktivitäten führten jedoch zu internen Konflikten, da sie nicht durch das „Volk“ legitimiert waren und als Bereicherungsversuche einzelner Akteure wahrgenommen wurden.
 
[[Datei:Furstentum_Germania_3.jpg|thumb|right|400px|Fürstentum Germania]]
 
== Medienecho und öffentliche Kritik ==
 
Das Fürstentum Germania erregte schnell die Aufmerksamkeit regionaler und überregionaler Medien. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) berichtete bereits im März 2009 über die „dubiose Polit-Sekte“ und warnte vor einer „Melange aus Antisemiten, Esoterik-Faschisten und Spinnern“. Ähnlich urteilten die „Märkische Allgemeine“, der „Tagesspiegel“ und Spiegel-TV. Thomas Gandow, der Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche, bezeichnete das Fürstentum als „gefährlichen Verein“, dessen karnevalartige Tarnung die rechtsextremen Tendenzen der Akteure verschleiere. Die evangelische Kirchengemeinde des Kirchenkreises Perleberg-Wittenberge wies in einer öffentlichen Erklärung darauf hin, dass die Bezeichnung „Kirchenstaat“ historisch falsch verwendet werde und erteilte dem Wunsch der Projektinitiatoren, auch die örtliche Kirche zu erwerben, eine klare Absage.
 
Nach der Räumung des Schlosses kam es zu einem rapiden Zerfall der Strukturen. Jessie Marsson erklärte in einem Video bei Jeet TV das Projekt in Krampfer für beendet und kündigte an, das Schloss „dem Verfall preiszugeben“. Er behauptete, alleiniger Eigentümer zu sein und über das Schicksal des Projekts eigenmächtig entscheiden zu können, was im Widerspruch zum basisdemokratischen Selbstverständnis stand. Als Grund für das Scheitern wurden interne Betrugsvorwürfe gegen einen angeblichen „Bernd Gruber“ sowie mangelndes Engagement der Mitglieder genannt. Mehrere Volksratsmitglieder, darunter Manuela Pfeifer und Thomas Patzlaff, traten zurück und beklagten mangelnde Planung und Täuschung durch die Initiatoren.
 
Trotz des Zusammenbruchs in Brandenburg kündigten verbliebene Anhänger die Gründung einer „Exilregierung“ in Südamerika an, wobei Marsson behauptete, Grundstücke in Paraguay oder Argentinien erwerben zu wollen. Einzelne Aktivisten versuchten, das Projekt über einen Verein zur Förderung zensurfreier Medien weiterzuführen, wobei auch der Versuch unternommen wurde, neue „Ritter“ zu ernennen und virtuelle Staatsstrukturen aufrechtzuerhalten. Diese Aktivitäten blieben jedoch ohne nennenswerten Einfluss oder internationale Anerkennung.
 
== Einzelnachweise ==
 
<references />


== Weblinks ==
== Weblinks ==
# [http://www.krr-faq.net/reg2.php#germania KRR-FAQ-Dossier zum Fürstentum Germania]
# [http://inforiot.de/artikel/neues-germanien-alten-gemaeuern Inforiot: „Neues Germanien in alten Gemäuern“]
# [http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11512218/2242247/Fuerstentum-Germania-in-Krampfer-ist-geraeumt-Polizeieinsatz-in.html Märkische Allgemeine zum Räumungstermin]
# [http://www.religio.de/lex/Daten/F/fuerstentumgermania.html Religio.de-Lexikonartikel]
# [http://blog.krr-faq.net/?p=669 KRR-FAQ-Blog: Zwei Rückblicke (Mai 2010)]


* [https://www.psiram.com Psiram] – Artikel zum Fürstentum Germania und verwandten Themen
[[Kategorie:Esoterik]]
* [https://www.krr-faq.de KRR-FAQ] – Informationen zu Kommissarischen Reichsregierungen
[[Kategorie:Verschwörungstheorie]]
[[Kategorie:Sekte]]

Aktuelle Version vom 10. Mai 2026, 21:21 Uhr

Von Februar bis Mai 2009 nutzte eine Gruppe um Michael Freiherr von Pallandt und Jessie Marsson das Schloss Krampfer in der Prignitz als „Regierungssitz“ des selbstproklamierten Fürstentums Germania. Die Aktion endete mit einer Zwangsräumung, internen Querelen und dem Plan einer Exilregierung in Südamerika.

Staatsgründung auf einer Brandenburger Schlossruine

Staatsgründung auf einer Brandenburger Schlossruine

Am 15. Februar 2009 versammelten sich rund 200 Menschen auf dem Gelände des verfallenen Schlosses Krampfer bei Plattenburg im brandenburgischen Landkreis Prignitz. Unter ihnen befanden sich der Adoptivadlige Michael Freiherr von Pallandt und der mehrfach pseudonym auftretende Jessie Marsson. In einer kurzen Zeremonie wurde Pallandt zum „Fürsten“ des neu ausgerufenen Fürstentums Germania erklärt. Die Gruppe beanspruchte das denkmalgeschützte Anwesen samt 4.000 m² Grundstück als „Staatsgebiet“ und verfasste eine eigene Verfassung. Wer der Organisation beitreten wollte, musste lediglich eine Beitrittserklärung unterschreiben – damit erhielt man laut Selbstverständnis automatisch die „germanische Staatsangehörigkeit“ und verlor zugleich die deutsche. Bis Ende Februar hatten laut Angaben der Initiatoren 200 bis 300 Personen diesen Schritt vollzogen. Die Mehrheit der Anhänger rekrutierte sich aus dem Umfeld sogenannter Reichsbürger, Freiwirtschaftler sowie Esoterik- und Verschwörungsszene. Als „Kirchenstaat“ bezeichneten sich die Organisatoren, obwohl weder eine anerkannte Religionsgemeinschaft noch ein geistliches Leitbild vorhanden war.

Alltag in der Ruine: Spenden, Bauverstöße und Gerüchte

Alltag in der Ruine: Spenden, Bauverstöße und Gerüchte

Die Bewohner des Schlosses lebten von Spenden und Zuwendungen, wie ein im Mai 2009 befragter Teilnehmer gegenüber der Märkischen Allgemeinen einräumte. Um die marode Bausubstanz provisorisch abzudichten, begannen Arbeitslose der NU-ERA-Bewegung mit Aufräumarbeiten. Ein Bauantrag auf Umnutzung zu Wohnzwecken wurde trotz wiederholter Aufforderungen seitens des Landkreises nicht gestellt. Das Bauamt stellte fest, dass weder eine funktionierende Heizung noch ein Kanalanschluss oder gesicherte Stromleitungen vorhanden waren. Nach einer Begehung unter Polizeischutz am 7. Mai 2009 setzte die Behörde eine Frist bis zum 15. Mai, das Gebäude zu verlassen. Bereits im März hatte ein Bürgerinformationstreffen im nahegelegenen Ort Krampfer gezeigt, dass die Dorfgemeinschaft die Selbstermächtigung der Gruppe ablehnte. Die Stimmung spitzte sich zu, als im Internet Gerüchte über einen angeblichen Polizeiüberfall auf „bewaffnete Einheiten der BRD“ kursierten. Der als „freier Journalist“ auftretende Rechtsaktivist Christoph Kastius behauptete in einem Forum, Beamte hätten ohne richterlichen Durchsuchungsbescheid das Gelände betreten wollen. Der regionale Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) erstattete seinerseits Anzeige wegen des Verdachts auf Rauschgiftbesitz im Schloss.

Räumung, Flucht in eine 40-Quadratmeter-Wohnung und interne Machtkämpfe

Räumung, Flucht in eine 40-Quadratmeter-Wohnung und interne Machtkämpfe

Am 19. Mai 2009 rückte die Polizei an, versiegelte das Gebäude und brachte die verbliebenen Aktivisten zum Aufbruch. Ein Teil versuchte noch in Zelten auf dem Gelände zu bleiben, zog dann aber in eine angemietete 40-Quadratmeter-Wohnung im Ort um. Die NU-ERA-Anhänger lösten sich offiziell vom Fürstentum und gründeten in Kleinow das Projekt „Areal:Löwenzahn“. Mit der Zwangsräumung begann auch der öffentliche Streit innerhalb der Gruppe. Der ehemalige Dresdner-Bank-Mitarbeiter und als „kosmisches Paar“ auftretende Coach Alexander Przibill, der zusammen mit Sylvia Annett Bräuning das „Neues-Lebens-Bewusstsein“-Seminarprogramm betrieb, hatte sich im März zum Volksrat wählen lassen. Bereits im Juni distanzierte er sich per E-Mail vom Projekt. Auch Manuela Pfeifer und Thomas Patzlaff traten zurück. Patzlaff beklagte in einer Rundmail „mangelndes Engagement des Volkes“ und warf den Initiatoren vor, „über Monate im Ungewissen“ gelassen zu haben. Jessie Marsson wiederum erklärte das Projekt in Krampfer per Video für beendet und machte einen bis dahin unbekannten „Bernd Gruber“ für finanzielle Fehlschläge verantwortlich. Gleichzeitig kündigte er an, das Schloss zu einem Mehrfachen des ursprünglichen Kaufpreises verkaufen zu wollen, um in Südamerika eine „Exilregierung“ zu errichten.

Medienecho und kirchliche Stellungnahmen

Der rbb widmete dem Vorgang mehrere Beiträge und titelte im März 2009: „Sekte will eigenes Reich gründen“. Spiegel TV, die Berliner Morgenpost, die taz und weitere Medien berichteten ebenfalls. Sektenbeauftragter Thomas Gandow warnte vor einer „karnevalsartigen Tarnung“, die den Blick auf rechtsextreme und esoterische Netzwerke verstelle. Die evangelischen Kirchengemeinden des Kirchenkreises Perleberg-Wittenberge erklärten in einer gemeinsamen Erklärung, der Begriff „Kirchenstaat“ werde bewusst missbraucht; man werde das Schloss Krampfer nicht erwerben und forderte Aufklärung durch die Behörden. In der Folge löschte die deutschsprachige Wikipedia einen kurzzeitig angelegten Artikel über das Fürstentum als nicht relevant. Auch das von den Initiatoren betriebene Forum auf Yooco.de wurde im April 2009 ohne Kommentar abgeschaltet. Bis heute existieren mehrere kleine Webseiten, die sich auf das Fürstentum berufen; die Domain fürstentum-germania.org läuft auf einen Schweizer Verein zur Förderung zensurfreier Medien.

Selbstbild, angebliche Anerkennung und Nachfolgeprojekte

Nach außen erweckten die Organisatoren den Eindruck, mindestens drei ungenannte Staaten hätten das Fürstentum bereits anerkannt. Der Verschwörungstheoretiker Jo Conrad behauptete im März 2009, Russland habe signalisiert, Germania diplomatisch anzuerkennen; ein gewisser „Harald“ habe direkten Zugang zu Wladimir Putin. Tatsächlich existierten lediglich Kontaktversuche über private Ausweispapiere der Firma WSA, die in einigen afrikanischen Ländern von Zöllnern nicht beanstandet wurden. Im April 2010 veröffentlichte eine verbliebene Gruppe um den Schweizer Beat Frischknecht einen „Erlass der Fürstenverwaltung“, in dem ein neuer Volksrat sowie Sonderbeauftragte für Zivil- und Staatsschutz ernannt wurden. Als Postanschrift diente erneut der Schweizer Verein zur Förderung zensurfreier Medien. Ob Jessie Marssons angekündigte Auslandsprojekte – darunter die Betreibung einer afrikanischen Plantage mit „Freie-Energie-Anlagen“ – realisiert wurden, ist nicht dokumentiert. Das Schloss Krampfer steht mittlerweile leer und soll laut Eigentümer gezielt dem Verfall anheimfallen.

Weblinks

  1. KRR-FAQ-Dossier zum Fürstentum Germania
  2. Inforiot: „Neues Germanien in alten Gemäuern“
  3. Märkische Allgemeine zum Räumungstermin
  4. Religio.de-Lexikonartikel
  5. KRR-FAQ-Blog: Zwei Rückblicke (Mai 2010)