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Lichtnahrung: Unterschied zwischen den Versionen

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''Anhänger der Lichtnahrung behaupten, ohne feste Nahrung und oft sogar ohne Wasser auszukommen getragen von der Vorstellung, „kosmische Energie“ oder „Prana“ aufnehmen zu können. Die Praxis endete für mehrere Menschen tödlich.''
''Anhänger der Lichtnahrung glauben, ohne feste Nahrung auskommen zu können allein durch „kosmische Energie“ oder Sonnenlicht. Die Realität sieht anders aus: Mehrere Menschen starben bereits, nachdem sie diese Esoterik-Lehre ernst nahmen. Ein Überblick über Ideengeschichte, wissenschaftliche Fakten und dokumentierte Todesfälle.''


== Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Lichtnahrung“? ==
== Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Lichtnahrung“? ==
[[Datei:Faktenradar_c762c2ea_360px-Lichtfasten.jpg|thumb|right|Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Lichtnahrung“?]]
[[Datei:Faktenradar_46e1b50b_360px-Lichtfasten.jpg|thumb|right|Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Lichtnahrung“?]]


Lichtnahrung, auch Breatharianismus, Lichtfasten oder endogene Ernährung genannt, ist die Annahme, der menschliche Körper könne allein durch „Licht“ oder eine universelle Lebensenergie – häufig als Prana, Chi oder Äther bezeichnet – überleben. Die Idee ist nicht neu: Bereits um 1900 bezeichnete sich der italienische Hungerkünstler Giovanni Succi als „Mann des Lichts“ und finanzierte sich durch öffentliche Fastenkuren. Dabei wurde er jedoch beim Verzehr eines Beefsteaks ertappt. Die moderne Variante des Lichtfastens wurde vor allem durch die Australierin Ellen Greve, bekannt unter dem Pseudonym Jasmuheen, populär. Sie propagiert ein 21-tägiges Ritual, bei dem in der ersten Woche weder Essen noch Trinken erlaubt ist – mit dem Ziel, den Körper auf „Lichtnahrung“ umzustellen. Doch was als spirituelle Praxis verkauft wird, basiert auf esoterischen Vorstellungen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind.
Lichtnahrung, auch Breatharianismus, Lichtfasten oder endogene Ernährung genannt, ist die Vorstellung, der menschliche Körper könne allein durch eine universelle „Lebensenergie“ überleben, die als Licht, Prana, Chi oder Äther beschrieben wird. Konkrete physikalische Definitionen fehlen; die Begriffe bleiben bewusst vage und beziehen sich meist auf esoterische Energiekonzepte. Anhänger behaupten, Nahrungsmittel seien überflüssig, da der Körper die benötigte Energie direkt aus der Umgebung aufnehmen könne. Teilweise wird ergänzend das lange Schauen in die Sonne („Sungazing“) empfohlen, um sich zusätzlich „Lichtenergie“ zuzuführen. Die Lehre beruht nicht auf messbaren physiologischen Prozessen und wird von der wissenschaftlichen Medizin eindeutig zurückgewiesen.


== Prominente Anhänger und ihre Erklärungsversuche ==
== Prominente Protagonisten und ihre Rituale ==
[[Datei:Faktenradar_c762c2ea_360px-Tod_durch_Lichtnahrung_Finn_Bogumil.jpg|thumb|left|Prominente Anhänger und ihre Erklärungsversuche]]
[[Datei:Faktenradar_46e1b50b_360px-Tod_durch_Lichtnahrung_Finn_Bogumil.jpg|thumb|left|Prominente Protagonisten und ihre Rituale]]


Neben Jasmuheen gibt es eine Reihe von Personen, die behaupten, sich ausschließlich von Licht zu ernähren darunter der Deutsche Rico Kolodzey, die Schweizer Anthroposophen Michael Werner und Judith von Halle sowie die deutsche Steuerfachangestellte Gaby Teroerde. Auch der Basler Privatdozent Dr. med. Jakob Bösch schrieb ein Vorwort zu einem Buch über Lichtfasten und berichtete von eigenen Erfahrungen mit dem 21-Tage-Prozess. Er beschreibt, dass er während der ersten sieben Tage ohne Flüssigkeit tanzte und dabei voller Energie war. Bösch behauptet, dass drei Viertel der menschlichen Energieübertragung über elektromagnetische Strahlung erfolgen und die Nahrung nur eine untergeordnete Rolle spiele. Diese Aussage stützt sich unter anderem auf den esoterischen Autor Ulrich Warnke, der in pseudowissenschaftlichen Publikationen behauptet, der menschliche Energiehaushalt werde primär über Strahlung geregelt. Die medizinische Fachwelt widerspricht diesen Thesen eindeutig.
Ein zentrales Anleitungsformat ist der 21-tägige „Lichtnahrungsprozess“ der Australierin Ellen Greve, die sich Jasmuheen nennt. Die erste Woche sieht völligen Verzicht auf Essen und Trinken vor; danach darf „beliebig“ Flüssiges – idealerweise Wasser oder stark verdünnte Säfte konsumiert werden. Die dritte Woche dient der „Kräftigung“. Schlaf und körperliche Ruhe sollen helfen, den Körper auf „Licht“ umzustellen. In Deutschland propagierte unter anderem der Basler Privatdozent Jakob Bösch das Konzept; er berichtete, während der ersten sieben Tage ohne Flüssigkeit morgens zwei Stunden zu tanzen. Der Schweizer Anthroposoph Michael Werner präsentierte sich jahrelang als „Lichtesser“, verlor jedoch unter ärztlicher Beobachtung innerhalb von zehn Tagen 2,6 kg Gewicht und zeigte objektive Hungerstoffwechselparameter <ref>Heusser P et al., Forsch Komplementmed. 2008;15(4):203-9</ref>. Auch der Deutsche Rico Kolodzey trat als Lichtnahr-Protagonist auf, zog sich jedoch 2006 aus einer geplanten Million-Dollar-Prüfung des Magiers James Randi zurück, weil keine überprüfbaren Testbedingungen vereinbart werden konnten.


== Wissenschaftliche Fakten: Warum Lichtnahrung unmöglich ist ==
== Wissenschaftliche Grundlagen: Warum Menschen Nahrstoffe brauchen ==
[[Datei:Faktenradar_c762c2ea_360px-Lichtnahrung_Baby_verhungert_Maxim_Lyutyi_2024_Stern.jpg|thumb|right|Wissenschaftliche Fakten: Warum Lichtnahrung unmöglich ist]]
[[Datei:Faktenradar_46e1b50b_360px-Lichtnahrung_Baby_verhungert_Maxim_Lyutyi_2024_Stern.jpg|thumb|right|Wissenschaftliche Grundlagen: Warum Menschen Nahrstoffe brauchen]]


Der menschliche Organismus benötigt Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Proteine, Fette, Vitamine und Mineralstoffe, um zu überleben. Bei völliger Nahrungskarenz tritt nach etwa 21 Tagen der Tod ein – bei ausreichender Wasserzufuhr kann ein gesunder Erwachsener maximal 50 bis 80 Tage überleben. Der vollständige Verzicht auf Wasser verkürzt diese Zeit auf etwa zehn Tage. Ein zentrales Argument gegen Lichtnahrung ist der Kohlenstoffhaushalt: Jeder Mensch atmet täglich rund 270 Gramm Kohlenstoff in Form von CO₂ aus. Dieser Verlust kann nicht durch Atmung oder „Licht“ kompensiert werden, da die CO₂-Konzentration in der Luft nur 0,03 % beträgt – ein Ausgleich über die Atemluft ist biologisch unmöglich. Auch die Wasserbilanz ist negativ: Täglich gehen etwa 800 ml Wasser durch Haut und Atem verloren, nur 300 ml werden durch Stoffwechselprozesse gebildet. Ohne Zufuhr von Flüssigkeit und Nahrung ist ein längeres Überleben nicht möglich.
Ein erwachsener Mensch atmet pro Tag rund ein Kilogramm Kohlendioxid aus, das 270 g Kohlenstoff enthält. Ohne Zufuhr über Nahrung oder Infusionen kann dieser Verlust nicht kompensiert werden, weil die Atemluft nur 0,04 % CO₂ enthält – ein Ausgleich über „Einatmen“ ist biologisch unmöglich. Bereits nach wenigen Tagen entsteht ein messbares Defizit; nach 50–80 Tagen kommt es bei Wasserverfügbarkeit zum Hungertod, bei gleichzeitigem Wassermangel schon nach etwa zehn Tagen. Zusätzlich verliert der Körper durch Hautdiffusion und Atemluft täglich etwa 800 ml Wasser, während interne Oxidationsprozesse nur rund 300 ml liefern – eine negative Bilanz, die über Flüssigkeitsaufnahme ausgeglichen werden muss <ref>Frommel D et al., Lancet 1984;1(8392):1451-2</ref>. Da der Mensch kein Chlorophyll besitzt, kann er – entgegen anderslautenden Behauptungen – keine Photosynthese betreiben. Die zentrale Rolle von Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen für Enzymfunktion, Zellenergie und Gewebeersatz ist durch tausende Studien belegt.


== Todesfälle und betrügerische Praktiken ==
== Dokumentierte Todesfälle und strafrechtliche Konsequenzen ==
Die realen Folgen des Lichtfastens sind dramatisch. Mehrere Menschen starben, weil sie die Lehren der Lichtnahrung wörtlich nahmen. Der Münchner Kindergärtner Timo Degen verstarb 1997 im Alter von 31 Jahren nach zwölf Tagen ohne Nahrung und Wasser. Die Engländerin Verity Linn wurde 1999 tot in der schottischen Wildnis aufgefunden – neben ihr lag das Buch „Lichtnahrung“ von Jasmuheen. Die Australierin Lani Morris erlitt während des 21-Tage-Prozesses einen Hirnschlag und starb an Nierenversagen; ihre Betreuer wurden wegen Totschlags verurteilt. Auch ein Säugling in Russland namens Kosmos verstarb 2024 an Hunger, nachdem sein Vater – ein Influencer für „Lichtnahrung“ – die Mutter vom Stillen abhielt. In mehreren Fällen wurden angebliche Lichtesser beim heimlichen Essen beobachtet, darunter Jasmuheen selbst und der US-amerikanische Breatharianer Wiley Brooks. Der Schweizer Anthroposoph Michael Werner wurde 2008 wissenschaftlich überprüft: Unter kontrollierten Bedingungen verlor er innerhalb von zehn Tagen 2,6 kg Gewicht und zeigte eindeutige Hungerstoffwechselwerte.
Die fatale Folge der Lehre sind mehrere dokumentierte Todesfälle. 1997 verstarb der 31-jährige Münchner Kindergärtner Timo Degen nach zwölf tagem völligem Verzicht auf Essen und Trinken; er fiel ins Koma, stürzte und erlag seinen Kopfverletzungen. Im September 1999 fand man die 49-jährige Engländerin Verity Linn tot in der schottischen Wildnis; bei ihr lagen das Buch „Lichtnahrung“ von Jasmuheen und ein Tagebuch mit dem Eintrag „7. Tag“ <ref>BBC News, 21.09.1999</ref>. Die 53-jährige Australierin Lani Morris erlitt während des 21-Tage-Programms einen schweren Hirnschlag und Nierenversagen; zwei „Begleiter“ wurden 2000 von einem Gericht in Brisbane wegen Totschlags zu sechs bzw. sieben Jahren Haft verurteilt. 2011 starb in der Ostschweiz eine Frau mittleren Alters nach dem Besuch des Films „Am Anfang war das Licht“ an Unterernährung, 2017 verhungerte der 22-jährige Hamburger Finn Bogumil nach eigener Recherche zu Lichtfasten. Der jüngste bekannte Fall datiert aus dem März 2024: Das einmonatige Baby Kosmos in Sotschi, Russland, verstarb an Unterernährung, nachdem sein Vater – ein Social-Media-Influencer – die Mutter vom Stillen abhielt und das Kind „von Sonnenlicht leben lassen“ wollte; das Gericht verurteilte ihn zu acht Jahren Haft <ref>stern.de, 16.04.2024</ref>.


== Seminare, Mythen und gesellschaftliche Resonanz ==
== Beobachtete Betrugsfälle und mangelhafte Überprüfungen ==
Trotz der offensichtlichen Gefahren gibt es ein florierendes Angebot an kostenpflichtigen Seminaren und „Begleitungen“ zum Lichtnahrungsprozess. Die Elternzeitschrift „Lichtfokus“ des Esoterikverlags Elraanis gilt als zentrales Organ der Szene. In anthroposophischen Kreisen wird das Thema kontrovers diskutiert: Judith von Halle hielt sogar einen Vortrag im Goetheanum in Dornach. Die Medizinische Sektion des Goetheanum veröffentlichte eine Stellungnahme, in der sie eine mögliche Erklärung für Lichtnahrung über „subatomare Informationsübertragung“ andeutet – ein Modell, das weder belegt noch in der wissenschaftlichen Physik akzeptiert ist. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt eindringlich vor dem Versuch, sich von Licht zu ernähren. „Ein Motor braucht Treibstoff, und unser Körper braucht Nahrung“, erklärte die Kieler Ernährungswissenschaftlerin Petra Schulze-Lohmann. Der Verzicht auf essenzielle Nährstoffe führe zwangsläufig zu Mangelerscheinungen mit potenziell tödlichem Ausgang.
Mehrere selbst ernannte Breatharianer wurden wiederholt bei heimlichen Essen beobachtet. Der US-Amerikaner Wiley Brooks, der behauptete, seit 30 Jahren nichts mehr gegessen zu haben, wurde 1983 nachts in einer Fast-Food-Kette beim Kauf von Hotdogs und Süßwaren gesehen. Auch Jasmuheen wurde in Flughafenrestaurants bei der Nahrungsaufnahme beobachtet; als Journalisten sie erkannten, wies sie das servierte Essen zurück. Während einer für ein australisches Fernsehformat arrangierten Nulldiät musste der Versuch wegen ihres akuten Kraftverfalls abgebrochen werden. Indische Gurus, die sich als „nahrungslos“ präsentierten, erlaubten in kontrollierten Klinikstudien stets Besuchs- oder Heimübernachtungspausen, sodass eine zuverlässige wissenschaftliche Überwachung unmöglich war. Keinem der Kandidaten gelang es unter geschlossenen Bedingungen, Gewicht zu halten oder messbare Energiequellen nachzuweisen.
 
== Stellungnahmen von Fachgesellschaften und gesellschaftliche Einordnung ==
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betont, dass Mensch und Motor einen Treibstoff bräuchten; ein Verzicht auf Proteine, Kohlenhydrate, Fette sowie Vitamine und Mineralstoffe führe zwangsläufig zu Mangelerscheinungen mit potenziell tödlichem Ausgang <ref>Petra Schulze-Lohmann, DGE-Kiel, 2005</ref>. Selbst bei adipösen Personen sei eine längere Phase völliger Nahrungskarenz ohne ärztliche Aufsicht lebensgefährlich. Die Medizinische Sektion am Goetheanum in Dornach nahm 2012 zu dem Thema Stellung und verwies auf hypothetische String- oder Quantenmodelle, ohne Betrug oder Essstörungen als naheliegende Erklärung einzubeziehen; intern kam es in anthroposophischen Kreisen sowohl auf Zustimmung als auch auf deutliche Ablehnung. Faktisch bleibt die Annahme, der menschliche Organismus könne sich dauerhaft ohne Kohlenstoff- und Wasserzufuhr selbst versorgen, eine haltlose Esoterik-Lehre, die nachweislich Todesopfer gefordert hat.


== Weblinks ==
== Weblinks ==
# [https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/esoterik-bewegung-lichtnahrung-100.html BR Bayern 2: Esoterik und Lichtnahrung]
# [https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/esoterik-bewegung-lichtnahrung-100.html BR Bayern 2 – Hintergrund zur Esoterik-Bewegung Lichtnahrung]
# [https://medwatch.de/2019/03/12/fernsehdoku-zu-lichtnahrung-wenn-glaube-an-esoterik-toedlich-endet/ Medwatch: Fernsehdoku zu Lichtnahrung]
# [https://www.fr.de/panorama/essen-licht-nahrung-toedlich-esoterik-lichtnahrung-hna-kassel-zr-90072731.html FR.de – „Essen aus Licht“: Wenn Esoterik tödlich endet]
# [http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/Studie-entlarvt-Schweizer-Lichtesser/story/10205690 Tagesanzeiger: Studie entlarvt Schweizer Lichtesser]
# [http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/Studie-entlarvt-Schweizer-Lichtesser/story/10205690 Tages-Anzeiger – Studie entlarvt Schweizer „Lichtesser“]
# [https://medwatch.de/2019/03/12/fernsehdoku-zu-lichtnahrung-wenn-glaube-an-esoterik-toedlich-endet/ MedWatch – Fernsehdoku zu Lichtnahrung]
# [http://www.medsektion-goetheanum.org/files/pdf/lichtnahrung_stellungnahm_312.pdf Medizinische Sektion am Goetheanum – Stellungnahme Lichtnahrung (PDF)]


== Veröffentlichungen ==
== Veröffentlichungen ==
* Heusser P et al.: Nutrition with 'light and water'? – A critical case study
* Vandereycken W: Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Essstörungen. dtv, 1992. ISBN 3423115246
* Vandereycken W.: Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht
* Heusser P et al.: Nutrition with ‚light and water‘? In strict isolation for 10 days without food a critical case study. Forsch Komplementmed. 2008;15(4):203-9
* Frommel D et al.: Voluntary total fasting: a challenge for the medical community. Lancet 1984;1(8392):1451-2
* Payer P: Hungerkünstler in Wien – Eine verschwundene Attraktion. Sonderzahl Verlag


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
<references />
<references />


[[Kategorie:Faktenradar]]
[[Kategorie:Pseudomedizin]]
[[Kategorie:Esoterik]]
[[Kategorie:Desinformation]]

Aktuelle Version vom 10. Mai 2026, 22:59 Uhr

Anhänger der Lichtnahrung glauben, ohne feste Nahrung auskommen zu können – allein durch „kosmische Energie“ oder Sonnenlicht. Die Realität sieht anders aus: Mehrere Menschen starben bereits, nachdem sie diese Esoterik-Lehre ernst nahmen. Ein Überblick über Ideengeschichte, wissenschaftliche Fakten und dokumentierte Todesfälle.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Lichtnahrung“?

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Lichtnahrung“?

Lichtnahrung, auch Breatharianismus, Lichtfasten oder endogene Ernährung genannt, ist die Vorstellung, der menschliche Körper könne allein durch eine universelle „Lebensenergie“ überleben, die als Licht, Prana, Chi oder Äther beschrieben wird. Konkrete physikalische Definitionen fehlen; die Begriffe bleiben bewusst vage und beziehen sich meist auf esoterische Energiekonzepte. Anhänger behaupten, Nahrungsmittel seien überflüssig, da der Körper die benötigte Energie direkt aus der Umgebung aufnehmen könne. Teilweise wird ergänzend das lange Schauen in die Sonne („Sungazing“) empfohlen, um sich zusätzlich „Lichtenergie“ zuzuführen. Die Lehre beruht nicht auf messbaren physiologischen Prozessen und wird von der wissenschaftlichen Medizin eindeutig zurückgewiesen.

Prominente Protagonisten und ihre Rituale

Prominente Protagonisten und ihre Rituale

Ein zentrales Anleitungsformat ist der 21-tägige „Lichtnahrungsprozess“ der Australierin Ellen Greve, die sich Jasmuheen nennt. Die erste Woche sieht völligen Verzicht auf Essen und Trinken vor; danach darf „beliebig“ Flüssiges – idealerweise Wasser oder stark verdünnte Säfte – konsumiert werden. Die dritte Woche dient der „Kräftigung“. Schlaf und körperliche Ruhe sollen helfen, den Körper auf „Licht“ umzustellen. In Deutschland propagierte unter anderem der Basler Privatdozent Jakob Bösch das Konzept; er berichtete, während der ersten sieben Tage ohne Flüssigkeit morgens zwei Stunden zu tanzen. Der Schweizer Anthroposoph Michael Werner präsentierte sich jahrelang als „Lichtesser“, verlor jedoch unter ärztlicher Beobachtung innerhalb von zehn Tagen 2,6 kg Gewicht und zeigte objektive Hungerstoffwechselparameter [1]. Auch der Deutsche Rico Kolodzey trat als Lichtnahr-Protagonist auf, zog sich jedoch 2006 aus einer geplanten Million-Dollar-Prüfung des Magiers James Randi zurück, weil keine überprüfbaren Testbedingungen vereinbart werden konnten.

Wissenschaftliche Grundlagen: Warum Menschen Nahrstoffe brauchen

Wissenschaftliche Grundlagen: Warum Menschen Nahrstoffe brauchen

Ein erwachsener Mensch atmet pro Tag rund ein Kilogramm Kohlendioxid aus, das 270 g Kohlenstoff enthält. Ohne Zufuhr über Nahrung oder Infusionen kann dieser Verlust nicht kompensiert werden, weil die Atemluft nur 0,04 % CO₂ enthält – ein Ausgleich über „Einatmen“ ist biologisch unmöglich. Bereits nach wenigen Tagen entsteht ein messbares Defizit; nach 50–80 Tagen kommt es bei Wasserverfügbarkeit zum Hungertod, bei gleichzeitigem Wassermangel schon nach etwa zehn Tagen. Zusätzlich verliert der Körper durch Hautdiffusion und Atemluft täglich etwa 800 ml Wasser, während interne Oxidationsprozesse nur rund 300 ml liefern – eine negative Bilanz, die über Flüssigkeitsaufnahme ausgeglichen werden muss [2]. Da der Mensch kein Chlorophyll besitzt, kann er – entgegen anderslautenden Behauptungen – keine Photosynthese betreiben. Die zentrale Rolle von Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen für Enzymfunktion, Zellenergie und Gewebeersatz ist durch tausende Studien belegt.

Dokumentierte Todesfälle und strafrechtliche Konsequenzen

Die fatale Folge der Lehre sind mehrere dokumentierte Todesfälle. 1997 verstarb der 31-jährige Münchner Kindergärtner Timo Degen nach zwölf tagem völligem Verzicht auf Essen und Trinken; er fiel ins Koma, stürzte und erlag seinen Kopfverletzungen. Im September 1999 fand man die 49-jährige Engländerin Verity Linn tot in der schottischen Wildnis; bei ihr lagen das Buch „Lichtnahrung“ von Jasmuheen und ein Tagebuch mit dem Eintrag „7. Tag“ [3]. Die 53-jährige Australierin Lani Morris erlitt während des 21-Tage-Programms einen schweren Hirnschlag und Nierenversagen; zwei „Begleiter“ wurden 2000 von einem Gericht in Brisbane wegen Totschlags zu sechs bzw. sieben Jahren Haft verurteilt. 2011 starb in der Ostschweiz eine Frau mittleren Alters nach dem Besuch des Films „Am Anfang war das Licht“ an Unterernährung, 2017 verhungerte der 22-jährige Hamburger Finn Bogumil nach eigener Recherche zu Lichtfasten. Der jüngste bekannte Fall datiert aus dem März 2024: Das einmonatige Baby Kosmos in Sotschi, Russland, verstarb an Unterernährung, nachdem sein Vater – ein Social-Media-Influencer – die Mutter vom Stillen abhielt und das Kind „von Sonnenlicht leben lassen“ wollte; das Gericht verurteilte ihn zu acht Jahren Haft [4].

Beobachtete Betrugsfälle und mangelhafte Überprüfungen

Mehrere selbst ernannte Breatharianer wurden wiederholt bei heimlichen Essen beobachtet. Der US-Amerikaner Wiley Brooks, der behauptete, seit 30 Jahren nichts mehr gegessen zu haben, wurde 1983 nachts in einer Fast-Food-Kette beim Kauf von Hotdogs und Süßwaren gesehen. Auch Jasmuheen wurde in Flughafenrestaurants bei der Nahrungsaufnahme beobachtet; als Journalisten sie erkannten, wies sie das servierte Essen zurück. Während einer für ein australisches Fernsehformat arrangierten Nulldiät musste der Versuch wegen ihres akuten Kraftverfalls abgebrochen werden. Indische Gurus, die sich als „nahrungslos“ präsentierten, erlaubten in kontrollierten Klinikstudien stets Besuchs- oder Heimübernachtungspausen, sodass eine zuverlässige wissenschaftliche Überwachung unmöglich war. Keinem der Kandidaten gelang es unter geschlossenen Bedingungen, Gewicht zu halten oder messbare Energiequellen nachzuweisen.

Stellungnahmen von Fachgesellschaften und gesellschaftliche Einordnung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betont, dass Mensch und Motor einen Treibstoff bräuchten; ein Verzicht auf Proteine, Kohlenhydrate, Fette sowie Vitamine und Mineralstoffe führe zwangsläufig zu Mangelerscheinungen mit potenziell tödlichem Ausgang [5]. Selbst bei adipösen Personen sei eine längere Phase völliger Nahrungskarenz ohne ärztliche Aufsicht lebensgefährlich. Die Medizinische Sektion am Goetheanum in Dornach nahm 2012 zu dem Thema Stellung und verwies auf hypothetische String- oder Quantenmodelle, ohne Betrug oder Essstörungen als naheliegende Erklärung einzubeziehen; intern kam es in anthroposophischen Kreisen sowohl auf Zustimmung als auch auf deutliche Ablehnung. Faktisch bleibt die Annahme, der menschliche Organismus könne sich dauerhaft ohne Kohlenstoff- und Wasserzufuhr selbst versorgen, eine haltlose Esoterik-Lehre, die nachweislich Todesopfer gefordert hat.

Weblinks

  1. BR Bayern 2 – Hintergrund zur Esoterik-Bewegung Lichtnahrung
  2. FR.de – „Essen aus Licht“: Wenn Esoterik tödlich endet
  3. Tages-Anzeiger – Studie entlarvt Schweizer „Lichtesser“
  4. MedWatch – Fernsehdoku zu Lichtnahrung
  5. Medizinische Sektion am Goetheanum – Stellungnahme Lichtnahrung (PDF)

Veröffentlichungen

  • Vandereycken W: Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Essstörungen. dtv, 1992. ISBN 3423115246
  • Heusser P et al.: Nutrition with ‚light and water‘? In strict isolation for 10 days without food – a critical case study. Forsch Komplementmed. 2008;15(4):203-9
  • Frommel D et al.: Voluntary total fasting: a challenge for the medical community. Lancet 1984;1(8392):1451-2
  • Payer P: Hungerkünstler in Wien – Eine verschwundene Attraktion. Sonderzahl Verlag

Einzelnachweise

  1. Heusser P et al., Forsch Komplementmed. 2008;15(4):203-9
  2. Frommel D et al., Lancet 1984;1(8392):1451-2
  3. BBC News, 21.09.1999
  4. stern.de, 16.04.2024
  5. Petra Schulze-Lohmann, DGE-Kiel, 2005