Zum Inhalt springen
Das offene Wiki zur kritischen Einordnung von Pseudowissenschaft, Verschwörungserzählungen und Desinformation im deutschsprachigen Raum — 401 Artikel mit transparenten Quellen und dokumentiertem Korrekturrecht.

Geistheilen: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Faktenradar
Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge)
Artikel «Geistheilen» angelegt/aktualisiert
 
Faktenradar Redakteur (Diskussion | Beiträge)
Artikel «Geistheilen» angelegt/aktualisiert
 
Zeile 1: Zeile 1:
''Etwa 10.000 Personen bieten in Deutschland Heilbehandlungen an, die auf religiösen oder esoterischen Vorstellungen beruhen. Die Branche erzielt jährlich einen Umsatz von mindestens vier Milliarden Euro, während wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise über den Placeboeffekt hinaus fehlen.''
''In Deutschland suchen jährlich rund 100 Millionen Menschen den Rat von Geistheilern. Die Branche erwirtschaftet dabei mehrere Milliarden Euro – ohne dass über den Placeboeffekt hinaus gesicherte Wirksamkeiten belegt sind.''


== Begriff und Spektrum der Verfahren ==
== Verbreitung und gesellschaftliche Bedeutung ==
[[Datei:Faktenradar_16f1e9cf_Geistheilen.jpg|thumb|right|Geistheilen.jpg]]
[[Datei:Faktenradar_247e4e7a_Geistheilen.jpg|thumb|right|Geistheilen.jpg]]


Unter Geistheilung – im Englischen auch „faith healing“ – werden Heilversuche verstanden, die ohne medikamentöse oder sonstige medizinische Maßnahmen auskommen und stattdessen auf religiöse oder esoterische Einflussnahme setzen. Anbieter gehen davon aus, dass eine geistige Kraft körperliche oder seelische Beschwerden lindern oder beseitigen kann, selbst bei schweren Erkrankungen wie Krebs. Die Palette der angewandten Techniken reicht von klassischem Handauflegen über Fernheilung, Gesundbeten und Reiki bis zu Formen wie psychischer Chirurgie, Aurachirurgie, Harmopathie oder der brasilianischen Variante „Fogo Sagrado“. Auch schamanische Rituale, Qi Gong, Warzenbesprechung und die katholisch-fundamentaltheologische Hagiotherapie nach Tomislav Ivancic aus Zagreb werden diesem Bereich zugerechnet. Für alle diese Verfahren fehlen bislang gesicherte Nachweise einer über den Placeboeffekt hinausgehenden Wirksamkeit.
Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 10.000 Personen, die sich auf geistiges Heilen spezialisiert haben. Sie vereinigen sich in Verbänden, arbeiten aber häufig auch einzeln. Die Zahl der jährlichen Patientenkontakte wird auf rund 100 Millionen beziffert, womit der Markt ein Volumen von mindestens vier Milliarden Euro erreicht. Die Palette der angebotenen Methoden reicht von klassischem Handauflegen über Fernheilung bis hin zu esoterisch inspirierten Verfahren wie Reiki, Schamanismus oder sogenannter psychischer Chirurgie. Auch Traditionelles wie Warzenbesprechung oder das lateinamerikanische „Fogo Sagrado“ zählen dazu. Gemeinsam ist allen Techniken, dass sie ohne medikamentöse oder operative Maßnahmen auskommen und stattdessen auf religiöse oder energetische Einflussnahme setzen. Für Krebs, Autoimmunerkrankungen und andere schwere Leiden werden teils rasche, vollständige Heilungen in Aussicht gestellt; wissenschaftlich über den Placeboeffekt hinaus belegte Effekte liegen dafür nicht vor.


== Ökonomische Dimension und Patientenkontakte ==
== Risiken und dokumentierte Todesfälle ==
[[Datei:Faktenradar_16f1e9cf_320px-Karadzicminic.jpg|thumb|left|Ökonomische Dimension und Patientenkontakte]]
[[Datei:Faktenradar_247e4e7a_320px-Karadzicminic.jpg|thumb|left|Risiken und dokumentierte Todesfälle]]


Nach Schätzungen finden in Deutschland pro Jahr rund 100 Millionen Kontakte zwischen Geistheilern und Ratsuchenden statt. Diese Zahlen ergeben sich aus Erhebungen des Branchenexperten Harald Wiesendanger, Mitorganisator der Basler PSI-Tage. Allein diese Kontakte generieren einen Jahresumsatz von mindestens vier Milliarden Euro. Die Honorare einzelner Anbieter können dabei beträchtlich sein, obwohl eine gesicherte Heilwirkung nicht erwiesen ist. Kritiker weisen darauf hin, dass insbesondere schwerkranke Menschen mit der Aussicht auf schnelle oder vollständige Genesung angesprochen werden und dabei mitunter auf evidenzbasierte Behandlungen verzichten.
Wenn Eltern schwer erkrankten Kindern aus religiösen Gründen ärztliche Hilfe verweigern, kann dies lebensbedrohliche Folgen haben. Eine retrospektive Studie, die die Fachliteratur zwischen 1975 und 1995 auswertete, identifizierte in den USA 172 Fälle von Kindern, deren Tod auf einen solchen Verzicht zurückging. Bei 140 dieser Fälle stuften die Autoren ein Überleben bei adäquater Therapie als „sehr wahrscheinlich“, bei weiteren 18 als „gut möglich“ ein. In Deutschland steht die juristische Aufarbeitung solcher Fälle seltener im Fokus; dennoch gelten sie als Beleg dafür, wie lebensgefährlich eine ausschließlich auf Gebet oder Handauflegen basierende Behandlung schwerer Erkrankungen sein kann. Typische Diagnosen in den dokumentierten Fällen waren Diabetes mellitus Typ 1, bakterielle Meningitiden und andere mit Standardtherapien gut beherrschbare Krankheiten.


<gallery mode="packed">
<gallery mode="packed">
Faktenradar_16f1e9cf_ZeArigo2.jpg|
Faktenradar_247e4e7a_ZeArigo2.jpg|
</gallery>
</gallery>


== Weblinks ==
== Weblinks ==
# [https://correctiv.org/recherchen/stories/2017/11/27/die-unheilerin/ Recherche zu unerlaubten Heilversprechen (correctiv.org)]
# [https://correctiv.org/recherchen/stories/2017/11/27/die-unheilerin/ Correctiv-Recherche „Die Unheilerin“]
# [http://www.agpf.de/Bundesverfassungsgericht-1BvR784-03-Geistheiler.htm Urteilsübersicht zum Werbeverbot für Geistheiler (AGPF)]
# [http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/default.aspx?sid=407059 Ärzte Zeitung zu begleitenden Maßnahmen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen]
# [http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2010/02/usgericht-gesundbeten-ist-fahrlassige-totung.php Informationen zur rechtlichen Bewertung von Gebetsheilung (scienceblogs.de)]
# [http://www.agpf.de/Bundesverfassungsgericht-1BvR784-03-Geistheiler.htm AGPF-Dokumentation zum Bundesverfassungsgerichtsurteil]
# [http://www.quackwatch.com/01QuackeryRelatedTopics/faith.html Kritische Analyse englischsprachiger Angebote (Quackwatch)]
# [http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2010/02/usgericht-gesundbeten-ist-fahrlassige-totung.php Scienceblogs zu US-Urteilen über Gebetsheilung]
# [http://www.quackwatch.com/01QuackeryRelatedTopics/faith.html Quackwatch-Übersicht zu Faith Healing (engl.)]


== Veröffentlichungen ==
== Veröffentlichungen ==
* Asser SM, Swan R. Child fatalities from religion-motivated medical neglect. Pediatrics. 1998;101(4 Pt 1):625-9
* Edzard Ernst: Distant healing – an „update“ of a systematic review. Wien Klin Wochenschr. 115(7–8):241–5, 2003.
* Krucoff MW et al. Music, imagery, touch, and prayer as adjuncts to interventional cardiac care: the MANTRA II randomised study. Lancet. 2005;366(9481):211-7
* Asser SM, Swan R.: Child fatalities from religion-motivated medical neglect. Pediatrics 101(4 Pt 1):625-9, 1998.
* Ernst E. Distant healing--an "update" of a systematic review. Wien Klin Wochenschr. 2003;115(7-8):241-5
* Krucoff MW et al.: Music, imagery, touch, and prayer as adjuncts to interventional cardiac care: the MANTRA II randomised study. Lancet 366(9481):211-7, 2005.
* Hughes RA.: The death of children by faith-based medical neglect. J Law Relig. 20(1):247-65, 2004-2005.


[[Kategorie:Esoterik]]
[[Kategorie:Esoterik]]
[[Kategorie:Pseudomedizin]]
[[Kategorie:Pseudomedizin]]

Aktuelle Version vom 10. Mai 2026, 22:59 Uhr

In Deutschland suchen jährlich rund 100 Millionen Menschen den Rat von Geistheilern. Die Branche erwirtschaftet dabei mehrere Milliarden Euro – ohne dass über den Placeboeffekt hinaus gesicherte Wirksamkeiten belegt sind.

Verbreitung und gesellschaftliche Bedeutung

Geistheilen.jpg

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 10.000 Personen, die sich auf geistiges Heilen spezialisiert haben. Sie vereinigen sich in Verbänden, arbeiten aber häufig auch einzeln. Die Zahl der jährlichen Patientenkontakte wird auf rund 100 Millionen beziffert, womit der Markt ein Volumen von mindestens vier Milliarden Euro erreicht. Die Palette der angebotenen Methoden reicht von klassischem Handauflegen über Fernheilung bis hin zu esoterisch inspirierten Verfahren wie Reiki, Schamanismus oder sogenannter psychischer Chirurgie. Auch Traditionelles wie Warzenbesprechung oder das lateinamerikanische „Fogo Sagrado“ zählen dazu. Gemeinsam ist allen Techniken, dass sie ohne medikamentöse oder operative Maßnahmen auskommen und stattdessen auf religiöse oder energetische Einflussnahme setzen. Für Krebs, Autoimmunerkrankungen und andere schwere Leiden werden teils rasche, vollständige Heilungen in Aussicht gestellt; wissenschaftlich über den Placeboeffekt hinaus belegte Effekte liegen dafür nicht vor.

Risiken und dokumentierte Todesfälle

Risiken und dokumentierte Todesfälle

Wenn Eltern schwer erkrankten Kindern aus religiösen Gründen ärztliche Hilfe verweigern, kann dies lebensbedrohliche Folgen haben. Eine retrospektive Studie, die die Fachliteratur zwischen 1975 und 1995 auswertete, identifizierte in den USA 172 Fälle von Kindern, deren Tod auf einen solchen Verzicht zurückging. Bei 140 dieser Fälle stuften die Autoren ein Überleben bei adäquater Therapie als „sehr wahrscheinlich“, bei weiteren 18 als „gut möglich“ ein. In Deutschland steht die juristische Aufarbeitung solcher Fälle seltener im Fokus; dennoch gelten sie als Beleg dafür, wie lebensgefährlich eine ausschließlich auf Gebet oder Handauflegen basierende Behandlung schwerer Erkrankungen sein kann. Typische Diagnosen in den dokumentierten Fällen waren Diabetes mellitus Typ 1, bakterielle Meningitiden und andere mit Standardtherapien gut beherrschbare Krankheiten.

Weblinks

  1. Correctiv-Recherche „Die Unheilerin“
  2. Ärzte Zeitung zu begleitenden Maßnahmen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  3. AGPF-Dokumentation zum Bundesverfassungsgerichtsurteil
  4. Scienceblogs zu US-Urteilen über Gebetsheilung
  5. Quackwatch-Übersicht zu Faith Healing (engl.)

Veröffentlichungen

  • Edzard Ernst: Distant healing – an „update“ of a systematic review. Wien Klin Wochenschr. 115(7–8):241–5, 2003.
  • Asser SM, Swan R.: Child fatalities from religion-motivated medical neglect. Pediatrics 101(4 Pt 1):625-9, 1998.
  • Krucoff MW et al.: Music, imagery, touch, and prayer as adjuncts to interventional cardiac care: the MANTRA II randomised study. Lancet 366(9481):211-7, 2005.
  • Hughes RA.: The death of children by faith-based medical neglect. J Law Relig. 20(1):247-65, 2004-2005.